"Psychos" auf der Leinwand

5. November 2012, 17:08
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Bereits in meinem ersten Artikel für die Standard-Viennale-Beilage habe ich in Bezug auf frühe Fritz-Lang-Werke über den Generalverdacht geschrieben, dem Menschen, die sich professionell mit der menschlichen Psyche beschäftigen, im kommerziellen Kino ausgesetzt sind. Im Mainstreamkino sind diese entweder Schurken oder Witzfiguren; im Arthousekino ist es obligatorisch, dass es zum Sexualakt zwischen Therapeut und Klientin kommt - selten ist das Verhältnis umgekehrt.

Augustine (Alice Winocour) beruht auf der guten Idee, die Geschichte der Hysterie einmal auch aus weiblicher Perspektive zu erzählen. In der Eröffnungssequenz des Kostümfilms bekommt das junge Dienstmädchen bei einer Abendgesellschaft einen Krampfanfall und reißt effektvoll das Tischtuch mitsamt den Speisen vom Tisch. Daraufhin wird sie in die Salpêtrière eingewiesen und begegnet dort dem berühmten Neurologen Charcot, der sich besonders für sie interessiert.

Das Mädchen avanciert zum "Star" in der Anstalt, sie dient als fotogenes Vorzeigeobjekt. Der Arzt wird als gefühlloser Karrierist dargestellt, der das Geschehen mit maskenhaftem "Stoneface" durchwandert. Der Film fokussiert ausschließlich die Beziehung Therapeut/Klientin. Wir erfahren nichts über die Vorgeschichte von Augustine, die Ursache ihrer Erkrankung, das Milieu, wenig über das Leiden an einer Neurose und den Horror eines Psychiatrieaufenthalts im 19. Jahrhundert. Die junge Frau entdeckt ihre Sexualität und emanzipiert sich von ihrem Arzt - und schon ist sie geheilt.

Die Regisseurin tappt zielsicher in jede mögliche Falle; die historisch ungenaue Erzählung folgt vulgärpsychologischen Vorstellungen und fällt klischeehaft aus. (Jenen, die sich eingehender für die Thematik interessieren, sei das Buch Die Erfindung der Hysterie von G. D. Huberman empfohlen.)

Zwei andere Filme berichten von psychischen Ausnahmezuständen, die dem Mindfuck-Genre zugerechnet werden können. Eine unvergessliche Performance liefern Mia Farrow und Christopher Walken als Elternpaar eines übergewichtigen Querulanten in Dark Horse von Todd Solondz. Der Protagonist, ein Mittdreißiger, verliert sich in Tagträumen; Realität und Fantasie werden ununterscheidbar.

In Berberian Sound Studio (Peter Strickland) kommt ein untersetzter britischer Toningenieur nach Italien, um an einem Soundtrack für einen Horrorfilm zu arbeiten. Auch in diesem in den 1970er-Jahren angesiedelten Film verliert sich der deplatzierte Unglückliche in seinen Albträumen. Großartig etwa die Szene, in der er sich selbst übergroß auf der Leinwand gegenübersteht.

Für beide Filme lässt sich sagen, dass sie exzellente Prämissen haben, jedoch noch weiter - bzw. tiefer - hätten gehen können. Die realistischste Darstellung einer psychischen Erkrankung liefert Francine (Brian M. Cassidy, Melanie Shatzky), ein Film, der ganz auf die Macht der Musik und das Gesicht seiner Hauptdarstellerin setzt. In ungeschönten Bildern wird von zunehmender Verwahrlosung in einer heruntergekommenen US-Kleinstadt erzählt. (Norbert Pfaffenbichler, Spezial, DER STANDARD, 6.11.2012)

Norbert Pfaffenbichler ist Filmemacher, Künstler und Kurator. Er lebt in Wien.

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