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Das Atelier als Kunstgeschichtsbeispiel: Roy Lichtensteins in der Stuttgarter Sammelausstellung gezeigte "Reflections on the Artist's Studio" (Öl, Magna auf Leinwand, 1989).
Manchmal bringt Geduld die Erfüllung eines langgehegten Wunsches. So wie dies nun Ina Conzen widerfährt, der Stellvertretenden wissenschaftlichen Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart. Viele Jahre arbeitete sie an einem Konzept für eine Schau über den "Mythos Atelier" - und stieß auf Ablehnung: Mit 185 Exponaten viel zu ausgreifend sei die Idee, nicht ohne Grund habe sich daher noch kein Ausstellungshaus an dieses Thema gewagt. Nun gab am Ende seiner Amtszeit Direktor Sean Rainbird grünes Licht für die seit Jahren größte Ausstellung seines (Ex-)Museums. Und gleich beide Häuser, die Alte und die Neue Staatsgalerie, sind involviert.
Die Ausstellung beginnt im grasgrünen Foyer der Neuen Staatsgalerie mit Videoarbeiten von Paul McCarthy (Painter, 1995), Matthew Barney, der in Drawing Restraint (1989/2006) in seinem Atelier zu sehen ist beim Michelangelo-Versuch, auf einem Trampolin springend mit einem Pinsel die Decke zu bemalen, und von Jonathan Meese, der zum EAV-Song Märchenprinz durch sein Studio tänzelt.
Nach dem Aufstieg in die Alte Staatsgalerie wird der Titel "Mythos Atelier" dann wörtlich genommen: durch Frans Postmas begehbaren Nachbau von Piet Mondrians Pariser Atelier in der Rue du Départ 26. Seit langem wird die Replik wieder mit aufgesetztem Glasdach gezeigt, was den Illusionscharakter verstärkt. Bei Mondrian, der seinen Arbeitsraum in ein 3-D-Bild verwandelte, wird wie auf den Fotografien von Kurt Schwitters' Merzbau deutlich: Das Atelier ist mehr als Arbeitsraum, mehr als nur Begegnungsstätte von Maler und Modell, wie der anschließende Raum mit Lucian-Freud-Arbeiten demonstriert.
Das Atelier kann, wie die außerordentliche Schau im Fortlauf zeigt, Ort der Repräsentation sein. Das führt nach dem Stiegenabstieg und einer Spitzkehre der nächste Saal vor mit Rudolf von Alts Gemälde des pompösen Wiener Ateliers von Hans Makart in der Gusshausstraße und einer Innenraumfotografie des Palais des Münchner "Künstlerfürsten" Franz von Stuck.
Kunst- und Lebensräume
Stuck präsentiert sein Atelier als Privatmuseum. Dagegen ist das Atelier nur wenige Schritte entfernt, aber zwei Generationen früher bei den Romantikern Carl Gustav Carus, Caspar David Friedrich und Georg Friedrich Kersting Klausurraum, Ort der Sammlung, Projektionsraum innerer Landschaften. Bei den Impressionisten wird das Atelier dann zum Manifest. Frédéric Bazille malt 1870 sein Atelier als Galerie, in dem die Arbeiten seiner von Ausstellungen zurückgewiesenen Freunde hängen. Vier Jahre später porträtieren Édouard Manet und John Singer Sargent Claude Monet in dessen Atelier - der Natur.
Bei Künstlern der Neuen Sachlichkeit und des Surrealismus macht das Atelier eine weitere Evolution durch. Es wird Mysterienkammer, Gegenwelt, zu sehen am Nachbau von Ernst Ludwig Kirchners Ateliermansarde etwa, bei Henri Matisses selten verliehenem Kleines blaues Interieur, Picassos Das offene Fenster (Das Atelier des Künstlers) von 1929 und drei seit langem wieder zusammen gezeigten Interieurs Georges Braques. Zugleich wird es Raum der Fabrikation von Illusionen, bei Marcel Duchamp (Die Schachtel im Koffer) und René Magritte (So lebt der Mensch). Das Atelier als Mythos seiner selbst zelebriert dann ein gänzlich Alberto Giacometti gewidmeter Raum, nur eine kleine Farbfotografie punktiert hier das Auratische.
Die Brücke zum Beginn schlägt das Schlusskapitel: das Atelier als Arbeitsplatz - in Bruce Naumans Video Mapping the Studio nachts und verlassen -, das Atelier als Kochstudio (in Daniel Spoerris rekonstruierter Chambre Nr. 13 des Hôtel Carcassone), bei Dieter Roth als Bar, bei Roy Lichtenstein, Thomas Demand und Lois Renner als Kunstgeschichtsspiel. Bei Joseph Beuys werden Atelier und Wohnen eins. Sieht man ihn doch auf einem Foto von 1972 im umgeräumten Atelier, wie er mit Familie am Fernseher eine Folge von Raumschiff Enterprise schaut. (Alexander Kluy, DER STANDARD, 6.11.2012)
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