Verschlungene Wege zur weißen Leinwand

5. November 2012, 17:11
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"La noche de enfrente" ist der letzte Film, den der 2011 verstorbene Raúl Ruiz im Diesseits realisiert hat

Wie so oft entwirft der chilenische Regisseur ein faszinierendes Labyrinth, in dem Lebende und Tote nebeneinander existieren.

Als La noche de enfrente (in etwa: Die Nacht von gegenüber) im Mai in Cannes Premiere feierte, betrat, wie das zu solchen Anlässen üblich ist, das Filmteam die Bühne. Der zentrale Akteur allerdings fehlte. Raúl Ruiz verstarb im August 2011, wenige Monate, nachdem La noche de enfrente abgedreht worden war. Einer der Produzenten nahm das Mikrofon an sich und sagte, er habe erst kürzlich mit Raúl Ruiz telefoniert, was gar nicht so einfach gewesen sei, da sich der Regisseur auch im Jenseits beharrlich weigere, ein Mobiltelefon zu verwenden.

Außerdem, berichtete der Produzent von diesem posthumen Telefonat, sei Ruiz mächtig fade, weil das Jenseits nur von alten Langweilern bevölkert sei. Der Regisseur sehne sich danach, dass die Produzenten bald sterben mögen, damit er die Arbeit an einem neuen Film aufnehmen könne. Die Kamera, eine kleine digitale Sony, habe er im Sarg ins Jenseits hinübergeschmuggelt.

Diese kleine Fantasterei passt perfekt zum Tonfall dieses Films, der, je nach Quelle, der 113. oder der 116. in Ruiz' ausschweifender Filmografie ist. Fest steht, dass dem Drehbuch drei Erzählungen des chilenischen Schriftstellers Hernán de Solar zugrunde liegen und dass La noche de enfrente der letzte Film ist, den der Regisseur im Diesseits fertigstellte.

Einige angefangene und nicht zu Ende gebrachte Filmprojekte gibt es noch; Las linhas de Wellington etwa wurde zwischenzeitlich von Ruiz' Witwe Valeria Sarmiento abgeschlossen und hatte im September in Venedig Premiere. In La noche de enfrente wandert der Protagonist, der sich gegen seine Pensionierung sträubende Beamte Don Celso (Sergio Hernandez), vom Leben in den Tod herüber. Schauplatz dieser letzten Reise ist das Städtchen Antofagasta im Norden von Chile.

Der Film mündet in ein klassisches Todesbild, in den Gang durch einen Tunnel, an dessen Ende Licht blendet, bevor es die Figur verschluckt. Doch die Bewegung, die zu dieser gleißend weißen Leinwand führt, ist alles andere als geradlinig, sie mäandert.

Wie so oft bei Ruiz gerät der Film zum Labyrinth, in dem die Zeitebenen, die echten und die erfundenen Erinnerungen, die Toten und die Lebenden in munterer Promiskuität koexistieren. La noche de enfrente dreht dem Wirklichkeitssinn eine lange Nase, und dazu passen die flachen, ihre Künstlichkeit offensiv ausstellenden Bilder, die Inti Briones' Digitalkamera geschaffen hat.

Man sollte sich also nicht wundern, wenn ein Wiedergänger Beethovens durch den Film stiefelt oder wenn Don Celso sich selbst als acht Jahre altem Jungen gegenübersteht. Und auch die Frau, die ein romantisches Interesse an dem alten Herren hat, scheint ein Teil seiner Vergangenheit zu sein, der in die Gegenwart übergesetzt ist - so ähnlich wie Captain Long John Silver, den die unberechenbaren Strömungen von Ruiz' Vorstellungskraft aus Stevensons Schatzinsel fort- und an der Küste von Antofagasta angespült haben. (Cristina Nord, Spezial, DER STANDARD, 6.11.2012)

6.11., Künstlerhaus, 16.00

7.11., Urania, 11.00

  • Ein letzter Film, in dem sich Erinnerungen und Traumbilder durchmischen: 
Raúl Ruiz' drehte "La noche de enfrente" in Chile, seiner Heimat, die er nach 
dem Putsch verlassen hat.
    foto: viennale

    Ein letzter Film, in dem sich Erinnerungen und Traumbilder durchmischen: Raúl Ruiz' drehte "La noche de enfrente" in Chile, seiner Heimat, die er nach dem Putsch verlassen hat.

  • Filmemacher Raul Ruiz, 2007 auf dem Filmfest Rom.
    foto: ap/ricardo de luca

    Filmemacher Raul Ruiz, 2007 auf dem Filmfest Rom.

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