Zweite Generation: Weit besser als ihr Ruf

5. November 2012, 18:00
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In Bildungsfragen holen Jugendliche mit Migrationshintergrund auf - Kinder aus Arbeiterfamilien studieren häufiger, wenn ihre Eltern nicht aus Österreich stammen

Wien - Die zweite "Zuwanderergeneration" ist vor allem dann in aller Munde, wenn es um schulischen Misserfolg und schlechte berufliche Qualifikationen geht. Zuletzt machte eine Lehrlingsstudie vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft auf die Problematik des niedrigen Anteils von Jugendlichen mit Migrationshintergrund an Berufsschulen aufmerksam. Es sind nur 9,4 Prozent im Vergleich zu 14,2 Prozent an der AHS-Oberstufe und zwölf Prozent an berufsbildenden höheren Schulen. Das, sagen die Forscher, deute auf ein frühes Ausscheiden aus dem weiterführenden Bildungsweg hin.

Ein Blick in das Jahrbuch Migration & Integration 2012 der Statistik Austria zeigt ein anderes Bild. Hier ist ein kontinuierlicher Anstieg von fremdsprachigen Schülern an Berufsschulen ersichtlich. Im Schuljahr 2007/08 betrug der Anteil noch 8,1 Prozent, nimmt aber seither stetig zu. Auch der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund in maturaführenden Schulen steigt, obwohl sie im Vergleich zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund immer noch unterrepräsentiert sind.

In Wien ist der Anteil der Berufsschüler mit Migrationshintergrund laut Statistik Austria mit rund 34 Prozent deutlich höher als im Bundesdurchschnitt (neun Prozent). Vor allem in der überbetrieblichen Lehrausbildung, die dem grassierenden Lehrstellenmangel entgegenwirken soll, sind in Wien viele Jugendliche mit Migrationshintergrund zu finden. 

200 Bewerbungen, keine Rückmeldung

Einer davon ist der 19-jährige Nikola Ilic. Er lebt seit seinem neunten Lebensjahr in Wien und wird seit dreieinhalb Jahren bei ibis acam zum Informationstechniker ausgebildet. Eigentlich wollte Ilic Koch werden. "Ich habe monatelang Bewerbungen abgeschickt, über 200, aber kein Restaurant hat mir geantwortet", erzählt er in einwandfreiem Deutsch. Er ist über das AMS zur Lehrwerkstätte gekommen. 

Die Ausbildung in einer überbetrieblichen Ausbildungseinrichtung ist der Lehre im Betrieb gleichgestellt. Die Jugendlichen besuchen die Berufsschule, werden aber nicht im Betrieb, sondern in Lehrwerkstätten ausgebildet. Einziges Manko ist die niedrige Lehrlingsentschädigung, die sie vom AMS erhalten, denn die ist nicht kollektivvertraglich geregelt.

In den ersten zwei Ausbildungsjahren erhalten die Jugendlichen nur 240 Euro im Monat, ab dem dritten Jahr 550 Euro, Urlaubs- und Weihnachtsgeld gibt es nicht. "Für viele ist es schwer, mit so wenig Geld auszukommen. Im Lehrbetrieb erhält man im dritten Lehrjahr 700 bis 900 Euro", so Ilic, der vor kurzem auch zum "Jugendvertrauensrat in überbetrieblicher Lehrausbildung" bei der GPA-Jugendgewerkschaft gewählt worden ist und rund 700 Jugendliche vertritt.

"Glücksspiel" Lehrstelle

Dennoch ist er zufrieden mit der Lehrwerkstätte und schätzt sich glücklich, einen Ausbildungsplatz zu haben. Dass die Jugendlichen in der überbetrieblichen Lehrausbildung keine Lehrstelle finden konnten, weil sie den Firmen nicht gut genug waren, glaubt Ilic nicht. "Ich kenne viele junge Menschen, die talentiert sind und auch in der Berufsschule sehr gute Noten schreiben. Es ist ein Glücksspiel, ob man eine Lehrstelle in Wien findet oder nicht."

Der vor kurzem veröffentlichte Wiener Integrationsmonitor bescheinigt der zweiten Generation generationsübergreifende Bildungsfortschritte. So hat sich die Ausbildungsbeteiligung der 15- bis 24-jährigen Wiener mit Migrationshintergrund in den letzten drei Jahren stark verbessert.

Der Anteil der in Ausbildung befindlichen 15- bis 24-jährigen Wiener mit türkischer Herkunft stieg von 40 Prozent im Jahr 2009 auf 60 Prozent im Jahr 2011; 17 Prozent befanden sich in einer Lehre, 21 Prozent in einem Schultyp mit Matura. Bei jungen Wienern mit (süd-)osteuropäischem Migrationshintergrund schauen die Zahlen ähnlich aus - zwölf Prozent befanden sich in einer Lehre, 21 Prozent besuchten eine maturaführende Schule. 

Parallele Entwicklung 

Die zweite Generation gleicht sich sowohl in puncto Jobs als auch beim Bildungsstand an die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund an. Während Angehörige der ersten Zuwanderergeneration zu 49 Prozent als Arbeiter und zu rund 37 Prozent als Angestellte beschäftigt sind, kehrt sich dieses Verhältnis in der zweiten Generation um. Die ist nämlich zu 51,4 Prozent in Angestelltenverhältnissen beschäftigt. Die Migrantenkinder weisen im Vergleich zu ihren Eltern mehr Fachschul- als Pflichtschulabschlüsse auf und holen auch als Maturanten und Akademiker auf.

Marsch auf die Unis

Laut Mikrozensuserhebung 2011 beträgt der Anteil von Maturanten ohne Migrationshintergrund 14,6 Prozent, bei der zweiten Generation 14,9 Prozent. Der Akademikeranteil der zweiten Generation ist mit 11,6 Prozent aber immer noch niedriger als bei jenen ohne Migrationshintergrund (14,4 Prozent). 

Beachtenswert ist, dass von den Studierenden der zweiten Generation an Österreichs Universitäten 20 Prozent aus bildungsfernen Schichten stammen, bei jenen ohne Migrationshintergrund beträgt der Anteil nur vier Prozent. Migrantenkinder aus bildungsfernen Familien schaffen es also sogar auf die Universitäten - wenn auch noch sehr zaghaft. (Güler Alkan, DER STANDARD, 6.11.2012)

Dieser Artikel ist in Rahmen der Sonderbeilage daSTANDARD entstanden. Diese Woche können Sie hier jeden Tag eine weitere Geschichte aus der daSTANDARD-Beilage lesen.

  • Studien über das schlechte Bildungsniveau von Migrantenkindern zeigen nur die halbe Wahrheit: Immer mehr schaffen es an die Unis.
    foto: christian fischer / der standard

    Studien über das schlechte Bildungsniveau von Migrantenkindern zeigen nur die halbe Wahrheit: Immer mehr schaffen es an die Unis.

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