Einmal China und zurück

5. November 2012, 14:05
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In Chinas Billigfabriken gärt es, die neue Regierung steht vor großen Herausforderungen. Manche Unternehmen treten den geordneten Rückzug an

Der Wiener Hightech-Konzern Kapsch CarrierCom war nicht der erste namhafte Hersteller, der seine Zelte in China abgebrochen hat. Kapsch übersiedelte heuer seine Zugfunktechnik vom chinesischen Foshan zurück ins 8.600 Kilometer entfernte Österreich. Die Leiterplatten und Funkstationen, die davor 500 chinesische Arbeiter im Perlfluss-Delta gebaut haben, fertigen jetzt 50 Österreicher in Wien-Liesing. Im Hochlohnland Österreich kostet das den Konzern trotzdem nur fünf Prozent mehr. Dass sich Kapsch die Sache durchgerechnet hat, davon kann man ausgehen. Die niedrigen Lohnkosten, mit denen die Abermillionen Arbeiter der Billigfabrik China stets gelockt haben, seien nur die halbe Wahrheit, sagte Finanzvorstand Ingolf Planer zu Jahresbeginn der Tageszeitung "Die Presse".

Die Traditionsfirma Steiff war noch viel früher dran. Im Herbst 2009 kündigte der deutsche Teddy-Hersteller seine Heimkehr nach Deutschland an. Qualitätsprobleme haben den Plüschtier-Produzenten mürbe gemacht. Acht bis zwölf Monate Einarbeitungszeit brauchten die Arbeiter bei den chinesischen Lieferanten, um die teuren Kuscheltiere zu nähen. Oft wechselten sie nach kurzer Zeit ihren Job, weil andere Arbeitgeber besser bezahlten. Steiff fertigt seine Kuscheltiere jetzt zum Teil in Deutschland. Dort werden sie von einem Team im Stammwerk Giengen entworfen, die Stoffe hergestellt und zugeschnitten - genäht wird überwiegend in eigenen Werken in Tunesien und Portugal.

Noch ein prominentes, recht frisches Rückzugs-Beispiel ist der französische Spielzeughersteller Meccano. Die Eigentümer Michael und Alain Ingberg hatten im vergangenen Jahrzehnt dem Outsourcingboom folgend ihre Produktion nach China verlegt. Das Stammwerk in der französischen Hafenstadt Calais schien bereits abgeschrieben. Doch vor zwei Jahren holten die Ingberg-Brüder 20 Prozent der chinesischen Fertigung wieder zurück nach Calais.

Ähnliche Beweggründe

Überall in Europa finden sich Beispiele wie diese. Die Beweggründe ähneln sich meist und sind multidimensional: steigende Lohnkosten (in Chinas Ballungszentren stiegen die Löhne in den vergangenen Jahren um 15 bis 20 Prozent) , vielfach mangelnde Qualität, Angst vor Know-how-Verlust und politischer Druck auf Investoren. Wer in China produzieren will, darf das nur in einem Joint-Venture mit ansässigen Firmen tun. So sichert sich das Land einerseits einen hohen Anteil an lokaler Fertigung und andererseits Zugriff auf das Wissen der westlichen Unternehmen.

Ein weiterer ganz wichtiger Grund: die schwache Reaktionsfähigkeit und Gesamt-Effizienz großer Produzenten. Nach der Finanzkrise ging in europäischen Firmen die Auslastung der heimischen Produktion zurück. Für viele Unternehmen wurde es wichtiger, ihre Kapazitäten an den inländischen Produktionsstandorten besser auszulasten. Heimkehrer in der Industrie verweisen oft auf die Verfügbarkeit, wenn sie sich entschließen, die Produktionsverlagerung ins Ausland rückgängig zu machen. Weil sich Produktzyklen ständig verkürzen, kommt es immer mehr auf schnelle Verfügbarkeit und punktgenaue Konfektionierung der Fertigung an.

Der Branchenverband des Verarbeitenden Gewerbes in Großbritannien (EEF) rechnet vor, dass jedes siebte britische Unternehmen in den beiden vergangenen Jahren ausgelagerte Produktion wieder ins Land zurück gebracht hat. "Wenn Sie sich anschauen, wie britische Firmen in der globalen Wirtschaft in den Wettbewerb gehen", sagte EEF-Chefökonom Lee Hopley dem "Manager-Magazin", "dann sehen Sie, dass es um Qualität, Kundenservice und Lieferzeiten geht." Das habe in vielen Fällen zu einer Neubewertung der Produktion in Schwellenländern geführt.

Neue Gesetze, wachsende Unruhen

Auch neue Arbeitsgesetze, wachsende Unruhen und mehr gewerkschaftliche Organisation in China tragen dazu bei, dass in einigen Industrien Kosten und Risiko zunehmen, warnen auch die Unternehmensberater von Roland Berger. Die chinesische Regierung reagiert auf die Arbeitskonflikte, indem sie die Mindestlöhne erhöht, Verbesserungen bei der Sozialversicherung und in der Gesundheitsversorgung vorantreibt - und Konzerne wie Apple rügt, die Rechte der Arbeiter besser zu achten.

Das schlägt sich auch in der Kostenstruktur nieder. Allein im Zeitraum von 2010 bis 2015 sei in China ein Anstieg der Produktionspreise von 75 Prozent zu erwarten, heißt es bei Roland Berger. Für Strategiespezialist Thomas Wendt von Roland Berger sind "ausländische Unternehmen, die einen Teil ihrer Produktion nach China verlagert haben, gut beraten, ihre Fertigungsstrategie zu überdenken", sagte er dem Manager-Magazin. Beispielsweise habe sich allein im ersten Jahr nach Inkrafttreten des neuen Vertragsgesetzes für Arbeiter in China die Zahl der Streitfälle in den Firmen verdoppelt.

30 Jahre ist es her, dass Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping ausländischen Investoren den Weg ebnete. Seither wuchs Chinas Wirtschaft jedes Jahr um durchschnittlich zehn Prozent. Gleichzeitig öffnete sich die Kluft zwischen Arm und Reich: Auf der einen Seite stehen die Wanderarbeiter, die gegen Zustände wie im Sklaventum des 19. Jahrhunderts kämpfen, auf der anderen Seite tummeln sich Superreiche, die für eine Hochzeitsfeier umgerechnet sieben Millionen Euro verputzen. Während Reiche in unseren Breiten sich möglichst unauffällig geben, stellt dort vor allem das wirtschaftliche Establishment seinen Wohlstand gerne und auffällig zur Schau. Der Gini-Koeffizient, der die Verteilungsgerechtigkeit messen soll, liegt in China bei 0,47 und damit inzwischen deutlich über jenen 0,4, die als Schwellenwert für soziale Unruhen gelten. Ausreichend Grund zur Sorge für Investoren gibt es also auch hier.

Österreich bleibt China treu

Für Österreich wird China dennoch ein immer wichtigerer Partner. Anlagenbauer Andritz, Faserhersteller Lenzing, Leiterplattenproduzent AT&S, die Autozulieferer AVL-List und Miba, Feuerfesthersteller RHI, Seilbahnhersteller Doppelmayr und wie sie alle heißen, sind schon seit geraumer Zeit da und bauen eher auf als ab. Weil das Werk in Shanghai aus allen Nähen platzt, baut etwa der steirische Leiterplattenhersteller AT&S einen weiteren Standort in der zentralchinesischen Stadt Chongqing auf. "Im Endausbau werden wir dort noch einmal 600 Millionen Euro investieren", tat AT&S-Kernaktionär Hannes Androsch kund. Nicht unwesentlich werden bei dieser Entscheidung auch die Lohnkosten sein. In einigen Boomregionen wie Shanghai sind sie stark gestiegen, so mancher weicht deswegen in andere Regionen aus. In Nanjing liegt der Durchschnittslohn eines Arbeiters umgerechnet bei 300 Euro monatlich, in Shanghai sind es 600 Euro.

Hanns Grunner weiß ganz genau, wie der Hase in China läuft. Seit 15 Jahren lässt er dort Werbemittel produzieren. "China wird weiter die Werkbank der Welt bleiben", ist der Wiener überzeugt. Er sieht große Herausforderungen auf die neue chinesische Regierung zukommen. Mit der so genannten Generation 90 stünden gut ausgebildete Uniabgänger - eineinhalb Millionen Menschen an der Zahl - in den Startlöchern. Sie drängen auf den Arbeitsmarkt, sprechen Englisch und sie stellen Forderungen. Außerdem wollen sie sich die Hände nicht mehr schmutzig machen. "Finanz-Branche, Computerarbeitsplätze, das interessiert sie mehr als in Fabrikshallen westliche Produkte zusammenzuschrauben", sagt Grunner. 

Geänderte Produktionsbedingungen

Schon gar nicht unter allen Umständen. Was die hierzulande oft gescholtenen Produktionsbedingungen in China betreffe, habe sich aber ohnedies so manches geändert, ist Grunner sicher. Die großen Markenartikler würde heute sehr genau darauf schauen, dass Mindeststandards eingehalten werden. Auch was die gelieferte Qualität betreffe, konstatiert er stetige Verbesserung. 2001 erinnert er sich - bekam er seine Produkte noch in Zeitungspapier verpackt oder in Jutesäcken geliefert. Heute habe auch die Verpackung ihre Ordnung. Sehr lernbegierig und aufnahmefähig seien die Chinesen. "We will improve" sei unter Westlern wohlbekannt und man könne auch darauf vertrauen, dass solche Worte nicht einfach dahingesagt werden. Die Qualitätsstandards seien gewachsen.

"Order aus Deutschland, Schweiz und Österreich gelten als ganz heikel", weiß Grunner aus langjähriger Erfahrung. Die chinesischen Firmen seien mit den Qualitätsansprüchen der Europäer gewachsen. "Chinesen sind die besten, fleißig, zuverlässig", streut er den Partnern Rosen. Ohnedies gäbe es kein Zurück, das gilt für den Wiener auf beiden Seiten: "Wir brauchen China, damit die uns die teuren Produkte abkaufen. Wir kaufen die billigen Produkte zurück." Noch sieht das Verhältnis so aus: Die Importe aus China machen 3,17 Milliarden Euro aus, exportiert wird deutlich weniger, nämlich 1,54 Milliarden. Ob und in welchem Ausmaß sich die Relation ändert, hängt wohl derzeit von richtungsweisenden Entscheidungen hier wie dort ab. (Regina Bruckner, derStandard.at, 5.11.2012)

Wissen

2011 kletterten laut OeNB die Investitionen österreichischer Unternehmen in China auf einen Rekordstand von 3,936 Milliarden Euro. Laut Nationalbank beschäftigen österreichische Investoren 18.164 Menschen in chinesischen Fabriken. Zum Vergleich: Die österreichischen Direktinvestitionen im Ausland (FDI) liegen bei 154 Milliarden Euro, 64 Milliarden Euro entfallen auf Osteuropa. Insgesamt sind bei den Austro-Töchtern im Ausland 718.000 Mitarbeiter beschäftigt.

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    In China wächst vieles rasant, der Wohlstand einiger, die Armut vieler, die Löhne nicht ganz so schnell wie die Preise.

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