Jörg Buttgereit: "Theater erscheint mir erstrebenswerter"

Interview5. November 2012, 17:10
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Früher landeten seine Filme auf dem Index, mittlerweile ist der Berliner Filmemacher als ernst zu nehmender Künstler anerkannt. Warum er dennoch keine Kinofilme mehr drehen will, erklärt er im Interview

STANDARD: In den frühen 80ern haben Sie Ihre ersten Kurzfilme im Dunstkreis der Westberliner Punkszene gedreht. Wie sind Sie da als Jugendlicher hineingeschlendert?

Jörg Buttgereit: Ich ging damals mit Bela B. von den Ärzten auf dieselbe Berufsschule. Wir haben eigentlich beide eine Dekorateurslehre gemacht, waren da aber scheinbar nicht mit ausgefüllt. Am Wochenende habe ich dann Filme gedreht, in denen er gelegentlich mitgespielt hat. In der Zeit war es ja normal, dass man so tat, als wenn man Musik machen oder Filme drehen kann. Man hat's eben einfach gemacht.

In Berlin war sich die Szene damals immer ein bisschen zu fein für Punkrock, da ist gleichzeitig auch eine künstlerisch etwas ambitioniertere Bewegung entstanden mit experimentellerer Musik, wie etwa die Einstürzenden Neubauten oder die Tödliche Doris. Aber die Komik, die in zu ernst gemeintem politischem Punkrock steckt, war damals sowohl Bela B. als auch mir klar.

Wir haben damals 1981 gemeinsam mit ein paar Freunden einen Film gemacht, der hieß "Der Trend - Punkrocker erzählen aus ihrem Leben". Da ging es darum, diese naive Punkrock-Attitüde etwas auf die Schippe zu nehmen. Das Selbstverständnis, das ich auch heute noch in meinen Arbeiten habe - sei es nun Film oder Theater oder Hörspiel -, dass man Sachen selber macht und eine Gegenkultur zur Industrie entwirft, stammt genau aus der Zeit. Meine späteren Kinofilme wie "Nekromantik" waren auch immer ein Gegenentwurf zum Mainstream-Kino.

STANDARD: Als Sie Ihren Kurzfilm "Blutige Exzesse im Führerbunker" in einer Kneipe aufführten, erschienen Zivilpolizisten. Wie kam es dazu?

Buttgereit: Eine Woche vor der Aufführung war ich im Kreuzberger Club SO 36 bei einem Konzert der Dead Kennedys und habe dort Flyer für mein Screening verteilt. Am selben Abend bin ich in eine Polizeirazzia gekommen und wurde durchsucht. Da haben die Polizisten die Flyer bei mir gefunden und tauchten dann nächste Woche einfach bei der Premiere auf - sind aber auch, noch bevor der Film anfing, wieder abgehauen. Die wollten nachschauen, ob das eine Neonazi-Veranstaltung ist. Auf jeden Fall saßen da plötzlich ein paar Schimanskis zwischen all den ganzen Gruftis. Im Grunde habe ich in dem Film relativ sorglos mit verbotenen Nazi-Symbolen rumhantiert, um die zu entweihen.

STANDARD: Einer der Zeitgenossen in dem Umfeld war der Regisseur Oskar Roehler. Während Sie seit fast 20 Jahren keinen Kinofilm mehr gedreht haben, arbeitet er konstant innerhalb der deutschen Filmlandschaft. Beneiden Sie manchmal seine Position?

Buttgereit: Für mich hatte sich das Filmemachen irgendwann erledigt, als meine Filme zu Kunst erklärt worden sind. Ich hatte die damit wieder vom Index runter, und der Horror war im Mainstream angekommen. Die Notwendigkeit war einfach nicht mehr da. Ich habe mir eigentlich immer Spielflächen gesucht, wo ich auch immer irgendeinen Schaden anrichten kann.

Wenn man heute ins Multiplex geht, sieht man ja die ärgsten Foltermethoden, da kann man niemanden mehr mit subversiven Methoden erschrecken. Gerade im Hörspiel- und Theatersektor kann man noch eher die Bildungsbürger etwas verunsichern. Oskar Roehler stieß damals ein bisschen später dazu und hat bei uns ein bisschen Anschluss gesucht. Als Berliner war man damals schon allergisch gegen Leute, die aus Westdeutschland kamen. Die Berliner waren schon ein elitärer Haufen.

STANDARD: "Nekromantik" drehten Sie mit 23, die Schauspieler waren alles Freunde von Ihnen und arbeiteten gratis. Wie haben Sie sich damals selber über Wasser gehalten?

Buttgereit: Unter der Woche habe ich als Filmvorführer gearbeitet und eben immer am Wochenende gedreht, weil die Leute da konnten. Deshalb hat es auch zwei Jahre gedauert, bis der Film fertig war. Im Vergleich dazu sind meine jetzigen Theaterarbeiten luxuriös: Man wird für einen Monat mit Schauspielern eingeschlossen, die nichts anderes machen, als zur Verfügung zu stehen. Damals war das ein Kraftakt, die Leute überhaupt dazu zu bewegen, am nächsten Wochenende wieder zu erscheinen und über einen Zeitraum von über einem Jahr die Haarfrisur nicht zu wechseln - was in den 80er Jahren extrem kompliziert war.

STANDARD: Einer der Beweggründe für "Nekromantik" war das Austesten von Tabus.

Buttgereit: Und sich auch gegen die Zensurpolitik aufzulehnen und zu schauen, ob die Kontrollinstanzen wie die Freiwillige Selbstkontrolle auch tatsächlich freiwillig sind. Ich bin jetzt am 17. November in Leeds beim Filmfestival, und da läuft "Nekromantik" das erste Mal seit 25 Jahren legal auf einem großen Festival. Das wurde von der britischen Filmbehörde erstmals durchgewinkt, vorher lief der Film immer so halblegal. Daran sieht man auch, dass es mittlerweile möglich ist, so etwas zu zeigen, aber es hat eben auch 25 Jahre gedauert.

Die erste Vorführung von "Nekromantik" in Großbritannien war 1988 in London im Scala Cinema. Da gab es eine "Shock around the clock"-Veranstaltung, und unser Film lief als zwölfter um 7 Uhr morgens. Kurz vor der Vorführung kam Clive Barker, der wenig später sehr berühmt wurde, zu uns in den Backstage-Raum. Ich kannte den zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Der fragte uns ganz geschockt, wie wir jemals mit "Nekromantik" durchkommen konnten. Aber wir haben damals einfach niemanden gefragt. Der verschwand dann kopfkratzend.

STANDARD: Gab es jemals Anfragen für ein Hollywood-Remake?

Buttgereit: Michael Bay hat sich noch nicht gemeldet. (lacht) Das liegt aber daran, dass die Amis prüde sind - und "Nekromantik" ohne Sex geht ja nicht. Die Gewaltdarstellung ist ja für den amerikanischen Horrorfilm überhaupt kein Problem.

STANDARD: "Schramm" und "Todesking" sind sehr depressive Werke. Der "Todesking" liest sich wie eine Meditation über Suizid.

Buttgereit: Meine Filme haben ja alle etwas Nihilistisches an sich, aber eigentlich geht es in jedem Horrorfilm um die Angst vor dem Tod. Das war einfach eine Phase, in der ich mich viel damit auseinandergesetzt habe und viele Serienkiller-Biografien gelesen habe. "Schramm" war letztlich eine Reaktion auf den Serienkiller-Boom, der mit "Schweigen der Lämmer" dann völlig im Mainstream angekommen war.

Bei Hannibal Lecter, der ja auch sehr lose auf dem Fall Ed Gein beruht, wird aber alles total mystifiziert und dämonisiert. "Schramm" war der Versuch, tatsächlich einen Film über einen Serienkiller zu machen - und nicht über eine FBI-Agentin wie Jodie Foster, die diesen Serienkiller zur Strecke bringen will. Meine Filme waren immer auch eine Reaktion auf die Filme, die mich frustriert oder nicht genügend gefordert haben.

STANDARD: Später wurden Sie als ernst zu nehmender Künstler wahrgenommen, waren mit "Schramm" gar für den Max-Ophüls-Preis nominiert und wurden von Alexander Kluge zum Interview geladen. Wann fühlten Sie sich am weitesten entfernt von dort, wo sie als junger Filmemacher herkamen?

Buttgereit: Eigentlich jetzt, wenn man mich im Festival als Kurator anstellt und ich einfach Filme zeigen kann, die eigentlich nicht auf seriöse Festivals gehören, wie etwa "Cannibal Holocaust". Auch dass ich Dokumentationen für Arte mache und den Darsteller, der in den Godzilla-Kostümen steckt, interviewen kann. Oder dass man mir einfach das Vertrauen gibt, mich ein halbes Jahr Theater machen zu lassen wie in Dortmund. Da denke ich mir, das wäre früher nicht möglich gewesen, und dafür habe ich mich auch lange durchgebissen.

STANDARD: Seit 20 Jahren haben Sie keinen Kinofilm mehr gedreht, sondern sind als Theaterregisseur und Hörspielproduzent tätig. Gab es in der Zeit jemals Durststrecken?

Buttgereit: Eigentlich nicht. Ich habe nach "Schramm" ein paar Filmprojekte geplant, die dann nicht geklappt haben. Eigentlich war ich aber immer beschäftigt, habe mich von einem Projekt ins nächste gerettet. Für das "Kondom des Grauens" habe ich die Spezialeffekte gemacht, später in Kanada eine Science-Fiction-Serie mitgedreht ("Lexx - The Dark Zone", Anm.). Und sobald ich nicht an einem Projekt arbeite, fange ich gleich wieder an, Filmkritiken zu schreiben. Auch die Theater- und Hörspielstoffe, die ich mache, sind ja eigentlich Filmstoffe. Das ist auch meine Aufgabe: Die Intendanten wollen, dass ich eine jüngere Klientel, die mit Film aufgewachsen ist, ins Theater hole.

STANDARD: Hatten Sie jemals wieder die Möglichkeit, einen Spielfilm zu drehen?

Buttgereit: Das Theater Dortmund hat mir dieses Angebot jetzt tatsächlich gemacht. Die haben gesagt: Wir stellen dir die Schauspieler zur Verfügung, und die Theaterbühne könne ich gerne als Studio benutzen. Ich dachte mir aber, eigentlich ist es ja viel geiler, hier Theater zu machen. Früher hätte ich bei dem Angebot in die Hände geklatscht, aber irgendwie ist der Zug für mich abgefahren.

Außerdem gibt es dieses Bootleg-Problem, dass jeder Film nach spätestens zwei Tagen im Netz landet. Das scheint mir einfach eine Verschwendung von Energie zu sein. Filme machen ist scheißanstrengend und teilweise auch frustrierend, da es nicht mehr wertgeschätzt wird. Niemand kauft ja heute noch DVDs. Viele junge Leute fragen mich, wie sie Filmemacher werden können. Da sage ich denen, ihr seid zu spät. Geld kann man als Independent-Filmer nicht mehr verdienen.

Das Theater hingegen ist ein intensives Live-Erlebnis und erscheint mir als Arbeit momentan viel erstrebenswerter, weil ich mich da aufs Wesentliche konzentrieren kann: die Erschaffung einer Illusion.  (Fabian Kretschmer, derStandard.at, 5.11.2012)

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