Agrotreibstoffe: EU-Kniefall vor der Industrie

Gastkommentar |

Ein Plädoyer für soziale, menschenrechtliche und ökologische Mindeststandards bei der Agrotreibstoffpolitik

Weshalb drückt sich die EU Kommission vor der Berücksichtigung von "indirekten Landnutzungsänderungen" und weshalb äußert sich eine entwicklungspolitische Organisation dazu?

Es mag verwundern, dass sich eine entwicklungspolitische Organisation wie Welthaus Graz zu einem Thema wie den "indirekten Landnutzungsänderungen" (iLUCs) von Agrotreibstoffen äußert, aber folgende zwei Gründe sprechen klar dafür.

Schlechte Klimabilanzen

Einerseits sind vor allem Entwicklungsländer enorm vom Klimawandel betroffen. Es liegt in der Verantwortung Europas, wirksame Maßnahmen zu ergreifen, die den Klimawandel abschwächen. Leider ist die derzeitige Agrotreibstoffpolitik keine solche Maßnahme. Mit ein Hauptgrund dafür ist, dass nicht alle relevanten Treibhausgasemissionen, die im Zusammenhang mit der Produktion von Agrotreibstoffen stehen, berücksichtigt werden. So weisen zahlreiche Agrotreibstoffe eine schlechtere (!) Klimabilanz als fossile Treibstoffe auf, vor allem dann, wenn die "indirekten Landnutzungsänderungen" berücksichtigt werden.

Dies ist spätestens seit 2010 klar, als die Kommission einen kurzen Bericht über den Stand der wissenschaftlichen Studien zu iLUCs vorlegte. Zu diesem Zeitpunkt war allen Akteuren bewusst, dass die iLUCs einen signifikanten Einfluss auf die Klimabilanz von Agrotreibstoffen haben. Im Klartext: Im Vergleich zu fossilen Treibstoffen verschlechtern sich die Klimabilanzen zusätzlich zumindest um mehr als 20 Prozent bei Ethanol und um über 60 Prozent bei Agrodiesel.

Landgrabbing und Vertreibungen als Folge

Andererseits sind "indirekte Landnutzungsänderungen" nicht nur für die Klimabilanz von Bedeutung, sie betreffen auch bäuerliche und indigene Bevölkerungsgruppen in Entwicklungsländern massiv. Die Ausdehnung der weltweit intensivagrarisch genutzten Fläche führt nicht nur zur Rodung von Regenwäldern und Trockenlegung von Feuchtgebieten, sie verstärkt den "Druck auf Land" oder, klarer formuliert: Es kommt zu Landgrabbing und Vertreibungen. Ganze Bevölkerungsgruppen verlieren den notwendigen Zugang zu Land und somit die Möglichkeit, Nahrungsmittel für sich selbst zu produzieren.

Der neue Gesetzesvorschlag der Europäischen Kommission vom 17. Oktober 2012 betreffend Agrotreibstoffe und die darin vorgesehene Nichtberücksichtigung von iLUCs führen aber dazu, dass weiterhin klimaschädliche Agrotreibstoffe in der EU beigemengt und gefördert werden und Menschenrechte in Entwicklungsländern massiv beschnitten werden.

Daran ändert auch die geplante Begrenzung der Beimengung von Agrotreibstoffen aus Mais, Weizen, Raps oder Soja auf fünf Prozent nichts, auch deshalb, weil momentan in Europa diese Grenze noch nicht erreicht ist. Das heißt, es ist eine weitere Ausweitung der Beimengung von Agrotreibstoffen aus Nahrungsmittelpflanzen nach wie vor möglich. Unberücksichtigt bleiben zudem die negativen sozialen, menschenrechtlichen und ökologischen Auswirkungen der derzeitigen Beimengung.

Falsche Entscheidung der EU

Fazit: Die Verpflichtung Europas, die Entwicklung anderer Länder mit den eigenen Politiken nicht zu behindern, scheint vergessen. Dieser Vorschlag der Europäischen Kommission kann nicht toleriert werden und muss entschieden als fehlgeleitet zurückgewiesen werden.

Da die EU-Gesetzgebung aber vorsieht, dass das EU-Parlament und der Ministerrat - in einem Co-Decision-Prozess - diesen Vorschlag aufgreifen und die betreffende Gesetzesänderung beschließen werden, ist es notwendig, dass die Abgeordneten des EU-Parlaments und die Regierungen ihrer Verantwortung nachkommen, die die Kommission offensichtlich nicht wahrnehmen konnte oder wollte.

Der Schutz des Klimas und der Rechte der Menschen in Entwicklungsländern muss klar den Interessen der milliardenschweren Agrotreibstoffindustrie Europas übergeordnet werden. (Markus Meister, derStandard.at, 12.11.2012)

Markus Meister ist Referent für Bildung und Anwaltschaft im Welthaus Diözese Graz-Seckau. Gemeinsam mit zahlreichen weiteren Organisationen wurde eine parlamentarische Petition eingereicht, siehe auch parlament.gv.at.

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Peter und Julia, eine kurze Geschichte über Biosprit

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Da wird auch gelogen und betrogen, daß sich die Balken biegen.

zum glück fordert von diesen "experten" noch niemand dass von den riesen maisfeldern die alle in der stärkeindustrie landen nicht alles in lebenmitteln verwendet werden muss, soviel kann österreich gar nicht verdauen,
aber interessant, dass ein fossiler brennstoff der zu 100% frische klimaschädigende abgase liefert eine bessere bilanz aufweisen soll als nachwachsende rohstoffe? wird da ein gerodeter urwald der mit kunstdünger bewirtschaftet wird gegenübergestellt?, die mineralöllobby versteht ihr geschäft, zum glück wird viel mit styropor gedämmt und nicht mit kork, sonst wäre dämmung bestimmt auch umweltschädlich

Nicht nur die EU

Ist nicht auch unser (aus der Werbung sehr bekannter) Landwirtschaftsminister ein Hardliner in dieser Angelegenheit? Der will diesen Wahnsinn mit aller Gewalt durchsetzen.

Wo kann ich dagegen unterschreiben?

Mehr als das scheine ich als einzelner Bürger eh nicht dagegen machen zu können. Wenn ich tanke ist das Zeug ohnehin mit drin...

je weniger

sie tanken, desto weniger ist drin.
wenns das unterschreiben, sinds avantgarde.

Die EU-Kommission eben.

Die ist schon per se eine Fehlentscheidung für die Demokratie in Europa.

Was ich nicht ganz verstehe

Die EU produziert doch seit langem schon Agrarüberschüsse und die EU-bauern müssen durch hohe Einfuhrzölle für extraeuropäische Agrarprodukte und Fördermittel aus der EU gestützt werden. Es werden ja sogar Übschüsse schlicht und einfach vernichtet, um den Preis stabil zu halten. Wieso nutzt man diese Überproduktion dann nicht für Agrotreibstoffe ?

die vernichtung

vorhandenen materials kostet weniger als verrechnet wird.
nebenbei werden sie zwangsbeheizt.
die verwaltung muss auch von was leben.

So weisen zahlreiche Agrotreibstoffe eine schlechtere (!) Klimabilanz als fossile Treibstoffe auf

Die muß man dann ja nicht unbedingt nehmen, drängt sich da auf. Die zweite Generation von Agro-Treibstoffen wird schon aus Pflanzenabfällen hergestellt. Davon sollten in Europa hoffentlich genügend aufzutreiben sein. Überhaupt bietet es sich an, europäische Argrarüberschüsse nicht mehr billigst zu exportieren und damit embryonale Märkte in Entwicklungsländern auszulöschen. Sondern die sollte man gleich einmal einbehalten zur Lösung unseres Treibstoffproblems.

Die EU-Entscheidung war richtig,

weil wir über kurz oder lang ohne fossile Energie werden auskommen müssen.
Dann wird sich auch die Bilanz der Agrotreibstoffe ändern, weil ja kein Mineraldünger mehr zur Verfügung stehen wird. Aller Anfang ist schwer, deswegen darf man nicht die Flinte ins Korn werfen und sagen: "OK, fahr ma halt weiter mit Erdöl, ist eh besser fürs Klima."
Mit dem typischen grünen "Haar-in-jeder-Suppe-finden" wird man nix reißen auf dieser Weltkugel. Man muss auch mal sich einen Ruck geben, verbesserungswillig sein und in die Hände spucken.

Wenn kein Mineraldünger mehr zur Verfügung steht

muss zuerst einmal die Weltbevölkerung schrumpfen, damit alle genug zum Essen haben.

Wichtiger als schon wieder was Neues abzulehnen, wäre, dafür zu sorgen, dass die Wertschöpfung regional bleibt und nicht internationale Konzerne Flächen aufkaufen und die Menschen wieder nicht am Gewinn beteiligt sind.

Wenn Sie eine Kartoffel hernehmen, dann sieht deren Energiebillanz so aus, das legendlich 37% der aufgewendeten Energie auf das Sonnenlicht empfällt, den die Kartoffel zum wachsen brauchte. Der rest empfällt auf Taktoren, Düngen, Wässern, Schädligsbekämpfung, Transport.

Die Idee das nach dem Ende des Mineralöls Biokratstoffe das Benzin ersetzten könnten ist ein fataler trugschluss, es gibt keine Hebel die zugunsten der Energiebillanz von Agartreinstoffen arbeiten.

Unter den derzeitigen Bedingungen mag das so sein.

Dann wird der Traktor mit Pflanzenöl fahren, der LKW auch, die Wege werden kürzer sein.

Man wird neue Pflanzen züchten / biotechnologisch entwickeln (österreichische Anti-Gen-Kampagne zum Trotz), die Ausbeute durch verbesserte enzymatische Aufschließungen verbessern, Fermentierungen und Verbrennungsprozesse in den Motoren optimieren.

Die USA wird uns wieder einmal auslachen, weil wir einen Technologiezug abfahren haben lassen und feste für die Patente ihrer Unternehmen cashen.

Und die Europäer werden mit langen Gesichtern dort (letztes Erdöl) wie da (patentierte Biotechnologien) zahlen. Und der Österreicher wird zornig Kronenzeitung lesen und über die Genteifl im Biosprit schimpfen.

Das alles wird nicht passieren.

Junge, Junge, so eine schlichte Weltanschauung.

Die Rechnung ist schlicht falsch.

Wenn ich eine Pflanze verbrenne, gelangt nach Adam Riese genau die Menge an CO2 wieder in die Luft, die die Pflanze zuvor aus der Luft herausassimiliert hat.

Hier wird aber so gerechnet: die Prdouktionsmittel (Treibstoffe) sind weiter fossil, das Produkt Biosprit wird halt am Mond verwendet. Es wird also der Umstellungsprozess dargestellt und nicht das Ziel-Szenario.

Auch alle anderen hineingerechneten Faktoren sind temporär. Hat sich einmal ein Gleichgewicht eingependelt zwischen Angebot (Energieflächen, neue Pflanzen, neue Technologien) und Verbrauch (Sparen, regionale Stoffkreisläufe), dann fällt zusätzliches land-grapping weg.

Also daran stimmt ja nun gar nix.

Erstens gehts bei der CO2 Bilanz nicht nach Adam Riese, sowas zu erklären sollte man eher Biologen oder Chemikern als Mathematikern überlassen. Wenn Sie einen Festmeter Holz verheizen, wird nicht die Menge an CO2 freigesetzt, die der Baum in seinem Leben aus der Luft gebunden hat.
Und Landkauf in Entwicklungsländern zu Billigstpreisen durch Lobbying - Synonym für Bestechung - bei den jeweiligen nationalen Eliten, die der Westen oft genug selbst an die Macht gebracht hat, ist eine Folge des Kapitalismus. Den haben wir doch als überlegene Wirtschaftsform anerkannt, weil er den Kommunismus besiegt hat und eine weitere ist ja undenkbar. Nur, was dem Kapitalismus diametral entgegensteht, ist eine beliebige Form von Gleichgewicht.

Frage:

Woher stammt deiner Meinung nach der Kohlenstoff, das in der Cellulose des Baumes steckt? Aus dem Wasser? Oder gar aus dem Humus?...

welche industrie soll das sein?

die angeblich so mächtige erdölindustrie hat dadurch ja einen nachteil.

Falsche Entscheidung der EU ...

ist nicht die erste gewesen,
und wird auch nicht so schnell die letzte sein.

man fragt sich schoen langsam, wann diese union endlich wieder einmal eine GUTE entscheidung trifft:

natuerlich: solange wir die kommission nicht waehlen, und ABWAEHLEN duerfen, muessen wir uns nicht sonderlich fuerchten, dass die jemeils eine richtige entscheidung trifft ...

Oesterreich hat so viele Klimaexperten, speziell Steirische. Bei all dieser Genialitaet, wie auch dieser Artikel darlegen will,ist mir unerklaerlich warum Oesterreich die Klimaziehle verfehlt hat. Sollte ich jedoch den Artikel missverstanden haben, und es geht um Menschlichkeit, dann habe ich ein anderes Beispiel. Warum sind die Wohltaetigkeitsadvokaten, deren uber 1000 Organisationen, nicht in der Lage einem Kleinen Land wie Haiti auf die Beine zu helfen? Ja, unter Entwicklungshilfe wird viel verkauft, primaer im Interesse des eigenen Geldboerserls.

http://www.youtube.com/watch?v=q... re=related

http://www.youtube.com/watch?v=Nkw7rUEmjJY

http://blogs.independent.co.uk/2012/01/1... -million-p

scheinmoral !!!

entwicklungsländer werden ihr wälder roden, ob mit oder ohne agrotreibstoffe. schlicht und einfach weil dies einkommensmöglichkeiten bietet. in europa haben wir vor ein paar hundert jahren gleich agiert; andere länder werden sich ihre landnutzung nicht vorscghreiben lassen. Wir sollte diese länder darin unterstützen dies sozial verträglich und landwirtschaftlich nachhaltig zu tun. agrotreibstoffe koennen hierbei ein uebergangsansatz sein.

Darüber sollten die Damen und Herren nachdenken:

http://www.holzgibtgas.com/viewtopic... php?t=6399

Wenn das um sich greift könnt doch glatt jemand auf die Idee kommen auch noch die Müllteppiche aus den Meeren zu fischen, falls uns sonst der Dreck ausgeht...

Sie sehen das falsch!

Die EU macht keinen Kniefall, sie macht das, wofür sie gegründet wurde: Unterstützung des Kapitals!

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