"To-Do-Liste": Viel gewollt, wenig getan

5. November 2012, 10:50
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Absichtserklärungen sind eine Sache, vorzeigbare Taten eine andere. Für nicht wenige scheinen dazwischen schier unüberwindbare Hürden zu liegen

Auch unter Sachbüchern gibt es Klassiker. Der Berliner Psychologe und Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert hat das Kunststück fertiggebracht, einen solchen zu schreiben: Schluss mit dem ewigen Aufschieben - Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen. Mehr als 50.000 Exemplare davon sind seit 1999 über die Ladentheke gegangen. Prokrastination, so die wissenschaftliche Bezeichnung für diese vermaledeite Aufschieberei, muss doch eine Verhaltensweise sein, mit der sich ganz offensichtlich viele herumplagen.

Und von der viele ebenso offensichtlich auch wissen, dass es sie ganz schön in die Bredouille bringen kann, wenn sie die Erledigung von Aufgaben und Vorhaben, die sie selbst als wichtig, vorrangig und/oder termingebunden einstufen, über Tage, Wochen, Monate und länger nicht in Angriff nehmen, wenn sie immer wieder gute Vorsätze fassen, Anläufe unternehmen, Vorarbeiten machen, aber das Geplante nie wirklich konsequent durchziehen.

Keine Frage, nicht jeder Tag ist gleichermaßen mit der persönlichen Bereitschaft gesegnet, sich aufzuraffen, geschwind die Tat zu ergreifen und sich von nichts und niemandem vom beabsichtigten Tun ablenken zu lassen. Überdies gibt es Tage, da flüchten sich auch ausgewiesene Tatmenschen in den eigentlich überflüssigen vorklärenden Gedankenaustausch, die unnütze ergänzende Diskussion, das im tiefen Inneren längst als erledigt angesehene Abwägen. Sie weichen dem Handlungsdruck, dem erlösenden Schritt nach vorn durch mannigfaltige Schritte zur Seite aus.

Kritisch wird dieses allzu menschliche Hin-und-her-Pendeln auf der Stelle, wird darüber der richtige Moment zum Handeln verpasst. Die alten Griechen wussten um diesen "kairos", diesen entscheidenden Augenblick, den definitiven Zeitpunkt für eine Entscheidung, zum Tätigwerden. Ihn zu verpassen bedeutete für sie Gefahr. Diese Gefahr zu bannen, darauf zielt Rückerts Buch.

Seine Vorgehensweise dabei lässt das realistisch erscheinen. Was sein Buch aus der Zahl vergleichbarer Titel heraushebt, ist die systematische, verständnisvolle Herangehensweise an die augenscheinlich doch auch als beschämend empfundene Aufschieberei. Rückert doziert nicht, hebt nicht den belehrenden Zeigefinger, er dröselt das Thema Stück für Stück auf und nimmt seine Leser so mit auf eine Entdeckungsreise - zum einen in ein verflixt vielschichtiges Thema, zum anderen in die eigene, nicht selten kaum weniger vielschichtige innere Gefühls- und Motivationslage.

Aufschieben in drei Teilen

In diesem überlegten Vorgehen spiegelt sich Rückerts Erfahrungshintergrund. Als Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin hat er Hunderte von Studierenden einzeln und in Gruppen beraten, die Probleme mit dem Aufschieben von Referaten, Prüfungen und Abschlussarbeiten hatten.

Als frei praktizierender Psychoanalytiker hat er Hausfrauen, Hochschullehrer, Ingenieure, Journalisten, Kaufleute, Künstler, Lehrer, Zahnärzte und viele Menschen aus anderen Berufen behandelt, die wichtige Dinge vor sich herschoben: Eine Scheidung, eine berufliche Veränderung, eine neue Karriere, das Erfüllen ihrer Pflichten, eine ersehnte Reise, ärztliche Untersuchungen, das Verfassen eines Buches und das, was sonst noch so alles erledigt werden möchte oder müsste, aber eben leider nicht in Angriff genommen wird.

Es ist dieser immense Erfahrungshintergrund, der das Buch trägt und mit Leben füllt sowie einfühlsame Beschreibungen, Erläuterungen und Erklärungen des Phänomens Aufschieben bietet - und Auswege daraus weist - und so Beachtliches wenigstens zu dessen Linderung, wenn nicht ganz und gar Überwindung in drei Hauptteilen beiträgt:

Teil I: Das Aufschieben - Gründe und Mechanismen.

Teil II: Die tiefer liegenden Wurzeln des Aufschiebens.

Teil III: Schluss mit dem ewigen Aufschieben - Strategien zur Bewältigung des Aufschiebeproblems.

Selbstwirksamkeit

Gut Ding will Weile haben. Nichts zu überstürzen, beruflich wie privat die Lebensschritte in Ruhe zu bedenken, eine Nacht über Entscheidungen zu schlafen, sich mit Freunden und Verwandten, in schwierigeren Entscheidungssituationen auch mit kompetenten Fachleuten zu beraten spricht für gereiftes Verhalten und Lebensklugheit. Doch Bedachtsamkeit, Zögerlichkeit und Unentschlossenheit, als Endlosschleife in die Tatenlosigkeit ausgedehnt, ist ein gewaltiger Stolperstein auf dem Lebensweg.

Bekanntlich macht nichts erfolgreicher als Erfolg, als Erfolgserlebnisse, die ein Mensch auf das Konto seiner Tatkraft buchen kann. Es ist dieses Selbstwirksamkeitsempfinden und -erleben, das im Leben vor allem trägt und zu dem unwiderruflich das gehört, was Goethe in den Xenien so umreißt: "Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht." Die Kunst, zum eigenen Befehlshaber zu werden: Rückert zeigt, wie das gelingen kann. (Hartmut Volk, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

Hans-Werner Rückert, "Schluss mit dem ewigen Aufschieben - Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen", Campus- Verlag, Frankfurt am Main, 7., überarbeitete Auflage 2011

Weitere Lesetipps:

Nicolas Hoffmann / Birgit Hoffmann, "Arbeitsstörungen - Ursachen, Therapie, Selbsthilfe, Rehabilitation", Beltz-Verlag, Weinheim, 2., überarbeitete Auflage 2009

Christian Bischoff, "Willenskraft - Warum Talent gnadenlos überschätzt wird", Econ-Verlag, Berlin 2010

 

 

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