ORF: Unausgewogen, zumindest hinsichtlich Religion

Leserkommentar |

Eine Anregung zu einer breiteren Diskussion zum Thema ORF und Kirche

Die Debatte um den Kultur- und Bildungsauftrag des ORF entzündet sich immer wieder am Programm. Es wird kritisiert, dass es für einen öffentlich-rechtlichen Sender zu wenig ausgewogen sei. Die KommAustria hatte kürzlich nach einer Beschwerde der Privatsender festgestellt, dass der ORF zu viel Unterhaltung, zu wenig Information und Kultur bringe.

Hier kann man verschiedener Meinung sein. In einem ganz anderen Fall scheint die Unausgewogenheit aber relativ leicht nachweisbar, da die Faktenlage hier eindeutige Argumente liefern: es geht um das Thema Religion im ORF - ORF und Kirche.

Österreich, ein katholisches Land?

Ein kleiner Exkurs: In Österreich hat die Zahl der Gläubigen seit dem Weltkrieg  stetig abgenommen. Waren es früher über 90 Prozent, sind es jetzt nur mehr rund 65 Prozent Katholiken, hier sind aber auch Taufscheinkatholiken und "Zwangsgläubige", wie getaufte Säuglinge, miteingerechnet.

Laut Kirchenstatistik werden die praktizierenden Katholiken immer weniger, man könnte fast von einer Minderheit sprechen, schätzungsweise von zehn Prozent. Nach einer brandneuen Studie des "Gallup Religions- und Atheismusindex 2012" bezeichnen sich derzeit nur mehr 42 Prozent der Bevölkerung als gläubig, 43 Prozent jedoch als ungläubig. Damit rangiert dieses Land zum ersten Mal auf Platz 8, einem Spitzenplatz der ungläubigsten Länder der Welt. Kann man dann noch von einem katholisches Land sprechen?

Orientierungs- oder Belangsendungen?

Der ORF trägt dem noch nicht Rechnung. Die Tatsache, dass ganze zehn Prozent der Bevölkerung, das sind immerhin 840.000 Mitbürger, dezidierte Atheisten sind (das sind mehr als die Kirchgänger), ist der ORF-Führung glatt entgangen. Sendungen wie "Orientierung", die ein entsprechendes religiöses Weltbild propagieren, an dem man sich "orientieren" soll, werden vom mündigen Bürger eher als Belangsendung empfunden, denn der eigenständig denkende Bürger orientiert sich selbst. Der aufgeklärte Konsument darf objektive und sachliche Information erwarten, ist an weiterer Aufklärung interessiert. Religion als ein in sich selbst beharrendes Element ist genau das Gegenteil. Religion kann daher auch nicht im Interesse des ORF liegen, abgesehen davon, dass diese Sendungen die Langeweile schon fix eingebaut haben, selbst wenn sie gut gemacht sind. Das bedeutet marketingtechnisch eine offene Flanke des ORF, die vom zahlreichen ORF-Mitbewerb ausgenützt wird.

In einem Brief habe ich mich, gemeinsam mit dem führenden Kopf der atheistischen Bewegung in Österreich, dem emer. Univ.-Prof. Heinz Oberhummer, vor rund einem halben Jahr an die Generaldirektion gewandt und diesen Missstand aufgezeigt. Es gab bis heute keine Reaktion.

Kirchenfreundliche Berichterstattung?

In einem Gastkommentar beschreibt Kommunikationspädagogin Waltraud Prothmann-Seyersbach ( "Die Presse" 12.1.2012) wie ORF-Moderator Peter Pelinka im Rahmen einer Im-Zentrum-Diskussion einen Art Maulkorberlass hinsichtlich Säkularität zugegeben hat. Laut Prothmann-Seyersbach wurde dieser damit begründet, dass der ORF - in Absprache mit dem Stiftungsrat - gezwungen sei, "kirchenfreundlich zu berichten" und "Österreich als katholisches Land nicht in Frage zu stellen" sei. Diese "verordnete" Unausgewogenheit, die mit der Realität nicht mehr in Einklang zu bringen ist, entbehrt jeder Grundlage und bedarf einer breiten Diskussion.

Der ORF gehört bekanntlich nicht der Kirche oder dem katholischen Teil der Bevölkerung, sondern allen. Nach einer überschlägigen Rechnung bekommt die Kirche in ihren 13 ständigen Radio- und sechs Fernsehsendungen jährlich eine Sendezeit von rund 11.000 TV -Minuten und rund 14.000 Radio-Minuten, nicht eingerechnet die wertvollste Sendezeit während der "ZiB", wenn unter dem Deckmäntelchen des Brauchtums minutenlang über die diverse Spendenaktionen wie die Dreikönigsaktion berichtet wird. Damit ist der SOV (Share-of-Voice oder Anteil an Kontakten) der Säkulären gegenüber den Religiösen in diesem Land bei gleichem Bevölkerunganteil schätzungsweise im Promille-Bereich, wobei der 50-Prozent-Anteil passender wäre ...

Österreich als weltoffenes Land

Anzustreben wäre, dass Österreich nicht als "katholisches" Land dargestellt wird, sondern als weltoffenes und aufgeklärtes Land, dessen Verfassung von einem Agnostiker und Säkularisten entworfen wurde und dessen Bundespräsident Agnostiker ist. Das geht mit kritischen Sendungen und Berichten über das agnostische Geistesleben in Europa und der Welt (es tut sich viel) oder noch einfacher durch das Weglassen der Religionssendungen. Eine Alternative: Bezeichnung und Verrechnung dieser Sendungen als Belangsendung.

Herrn Wrabetz' Budgetprobleme wären damit übrigens leicht zu lösen, denn bei normal rabattierter Verrechnung der Sendezeit an die Kirche, wie bei anderen Interessensgemeinschaften und Parteien auch, kämen Größenordnungen von Beträgen herein, die seine Sorgen sofort pulverisieren würden: 62,4 Mio Euro. (Gerhard Engelmayer, Leserkommentar, derStandard.at, 5.11.2012)

Gerhard Engelmayer ist Vorsitzender der Freidenker Österreichs.

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