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Theodor Itten: "Jähzorn - Psychotherapeutische Antworten auf ein unberechenbares Gefühl", Springer-Verlag Wien, 193 Seiten, 24,95 Euro
Ein Familientreffen. Der Sonntagsbraten mundet, die Stimmung ist gelöst. Heinz Gruber hat seinen Teller bereits leergegessen. "Nimmst du noch ein bisschen?", fragt ihn die Schwiegermutter. "Nein, danke", sagt Gruber. Die Gastgeberin, abgelenkt von den Kindern am Tisch, schöpft trotzdem nach. Gruber starrt auf seinen Teller, die Adern an seinem Hals treten hervor, sein Kopf wird dunkelrot. Plötzlich packt er mit beiden Händen das Tischtuch und reißt es herunter. Teller, Gläser, Schalen stürzen zu Boden. Gruber springt auf, rennt aus dem Zimmer und knallt die Tür zu.
Alltag in vielen Familien. "Etwa jeder vierte Erwachsene hat ein Jähzorn-Problem", sagt der Psychologe Theodor Itten aus St. Gallen. "Es ist ein regelrechtes Volksleiden." Höfliche, zurückhaltende Menschen wie Heinz Gruber werfen plötzlich mit Kugelschreibern, Schuhen, Computerbildschirmen. Sie reißen das Tischtuch herunter. Oder sie jagen jemanden mit dem Küchenmesser durch die Wohnung. Wie ist so etwas möglich?
"Jähzorn hat mit dem Tier in uns zu tun", sagt Itten. "Es ist ein Urgefühl, unkontrollierbar und zerstörerisch." Evolutionär sind solche Wutausbrüche als Drohgebärden entstanden, vermutet er. "Als Notfallreaktion, um als Beutetier dem tödlichen Biss doch noch zu entkommen." Doch was im Reiche der Tiere hilfreich gewesen sein mag, erweist sich im Alltag meist als Schuss in den Ofen: Gerade jähzornige Eltern richten oft großen Schaden an, sagt Itten. Kinder reagieren verstört auf deren Wutausbrüche. Sie glauben, sie seien schuld daran, dass der Vater oder die Mutter plötzlich wie von Sinnen ist. "Die Kinder werden als emotionale Blitzableiter missbraucht - und viele benötigen später therapeutische Hilfe." Theodor Itten - 60 Jahre alt, drahtig, braungebrannt, glattrasiert - sieht wie ein Fitnesstrainer aus. Er hat in England Psychologie und Sozialwissenschaften studiert, in St. Gallen seine Praxis. Unzählige Opfer von Cholerikern hat er seither therapiert. Und auch viele Menschen, die selbst unter Jähzorn leiden. So viele, dass er schließlich beschloss, ein Buch über dieses Problem zu schreiben, das in der Psychologie weitgehend vernachlässigt wird.
In einer Pilotstudie befragte er 575 Männer und Frauen zu ihren Erfahrungen mit Jähzorn. Jeder vierte Interviewpartner outete sich als Choleriker. Und mehr als jeder Fünfte gab an, Opfer von Jähzornattacken geworden zu sein. 64 Prozent der Jähzorn-Opfer litten unter einem cholerischen Vater, nur 15 Prozent unter Wutattacken der Mutter. Doch auch viele Frauen seien jähzornig, betont Itten.
Die Wutausbrüche unterscheiden sich geschlechtsspezifisch, sagt er: Männer schreien öfter und werden auch häufiger gewalttätig - aber selten beides zugleich. Frauen hingegen tun bei solchen Anfällen oft Dinge gleichzeitig.
"Sie brüllen etwa nicht nur, sondern werfen dabei auch mit Tassen und Tellern." Itten kennt Jähzorn auch aus eigener Erfahrung. Als 14-Jähriger habe er in einem Wutanfall seine Geige zertrümmert. "Am Höhepunkt der Jähzornattacke lauert ein Lustgewinn", sagt er: Ein Jähzornausbruch ermögliche kurzfristig seelische Erleichterung. "Er führt aber zu keiner dauerhaften Befreiung in die Entspannung." Denn sobald der jähe Zorn verraucht sei, komme das ihn begleitende Schamgefühl gemischt mit der Trauer, Mitmenschen verletzt zu haben.
Die Anlässe für Jähzornattacken seien oft banal: das quietschende Geräusch eines Messers auf einem Porzellanteller oder die wiederholte Frage, ob man auch wirklich nicht friere? "Jähzornige reagieren wie kleine Kinder", sagt Itten. "Oft reicht es, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse übergangen werden - schon rasten sie aus." Am häufigsten zeigt sich das Problem im Kreis der Familie. Deutlich mehr Frauen (85 Prozent) als Männer (54 Prozent) werden in den eigenen vier Wänden jähzornig. Mehr als ein Fünftel der cholerischen Männer geben hingegen an, dass sie an unterschiedlichen Orten Wutanfälle bekommen. Bei den Frauen macht diese Gruppe zwei Prozent aus.
Interessanterweise werden ausgerechnet Menschen, die als Kind unter jähzornigen Bezugspersonen gelitten haben, später oft selbst cholerisch, hat Itten festgestellt. Er erklärt sich das so: "Kinder, die Opfer von Jähzorn werden, fällt es oft sehr schwer, Wut und negative Gefühle auszudrücken. Sie versuchen, ihr Emotionen aus Angst unter Kontrolle zu halten." Manche verdrängen ihre Gefühle so stark, dass sie sie nicht mehr spüren. "Und sehr oft ist es Jähzorn, in dem sich die aufgestauten Emotionen später entladen", sagt Itten.
Mit fatalen Konsequenzen: Jähzorn kann Beziehungen, Karrieren und Familien zerstören. Amerikanische Psychologen haben nachgewiesen, das jähzornige Menschen oft zu Depressionen neigen, und sie häufiger zu Alkohol und Drogen greifen als Menschen ohne dieses Problem. "Meist handelt es sich bei Cholerikern um Personen mit schwachem Selbstwertgefühl", sagt Itten. "Sie suchen ständig nach jemandem, den sie für ihre Situation verantwortlich machen können." Doch letztlich funktioniere diese Methode nicht: "Jemandem die Schuld zuzuschieben löst keine Lebensschwierigkeiten auf."
Gibt es Medikamente gegen Jähzorn? Itten lächelt. Ein klassisches Beruhigungsmittel wie Valium könne in Extremfällen etwas Linderung verschaffen. Doch er rät eher ab. Man solle sich der Herausforderung Jähzorn stellen, sagt er. Auch wenn das einen langen Atem brauche. Paaren empfiehlt er, ein Codewort festzulegen. "Manche sagen zum Beispiel ,Itten'", erzählt der Therapeut. Das Codewort bedeutet: "Stopp, ich raste sonst gleich aus." Er plädiert dafür, auch im Berufsleben offensiv mit dem Thema umzugehen. "Betroffene sollte ihrem Chef sagen, dass sie unter Jähzorn leiden - aber daran arbeiten, das Problem in den Griff zu bekommen", sagt er. "Dann sind Vorgesetzte auch eher bereit, zu tolerieren, wenn der Mitarbeiter mal abrupt das Besprechungszimmer verlässt." Seine Klienten lässt er ein Jähzorn-Tagebuch führen. Itten schlägt ein Notizbuch auf und zieht in der Mitte einer Seite einen senkrechten Strich: Rechts werden Wutanfälle und ihre Auslöser notiert, erklärt er. Links daneben Begebenheiten aus der Vergangenheit, die "dazu in Beziehung stehen". Kränkungen und Beleidigungen etwa, denen die Klienten in früher Kindheit ausgesetzt gewesen seien.
Soll man Jähzornige dazu drängen, sich professionell helfen zu lassen? Itten zögert. Diese Frage lasse sich schwer allgemein beantworten, sagt er. Die häufige Drohung "Mach eine Therapie - oder ich verlasse dich!" sei wenig hilfreich. "Druck kann Abwehrreflexe auslösen", sagt Itten. Viele Choleriker neigen dann erst recht dazu, ihr Problem zu leugnen. Wer als Partner Verständnis zeige, dass es nicht leicht sei, mit einem aufbrausenden Temperament umgehen zu lernen - es mit diesen Ausrastern aber dennoch nicht so weitergehen dürfe, erreiche oft mehr. Sanfter Druck also.
Wichtig sei, dass die Betroffenen überhaupt etwas für sich tun, sagt Itten. "Es muss gar nicht unbedingt eine Psychotherapie sein." Musik, Spiritualität, Sport seien auch heilsam. "Manchen Menschen gelingt es, vor ihrer Wut davonzulaufen", sagt er. Oft lägen unter dem Jähzorn aber Trauer und Enttäuschung verborgen. Wer sich mit diesen Gefühlen auseinandersetze, könne sein Leben verändern. Und: 61 Prozent der befragten Jähzornigen gaben an, den Auslöser für ihre Wutausbrüche jeweils zu spüren. Auch da lasse sich ansetzen.
Fußballern etwa empfiehlt er bei versteckten Fouls und Beleidigungen folgende Sichtweise: "Wenn ein gegnerischer Spieler dich provoziert, macht er dir ein Kompliment: Er fürchtet deine spielerischen Fähigkeiten." Das Problem sei nur, dass die Emotionen oft schneller seien als die Gedanken, sagt Itten. Oft brauche es eine Langzeitpsychotherapie, um eine "Lebensumstrukturierung" zu erreichen. Heinz Gruber beispielsweise, der einst bei einer Familienfeier das Tischtuch heruntergerissen hat - einer von Ittens Klienten -, raste inzwischen nur noch sehr selten aus.
Auch wenn es Mut, Disziplin und Geduld erfordere: Für die meisten Choleriker sei es möglich, mit Frust, Gereiztheit und Stress anders umgehen zu lernen. Man müsse an seiner inneren Haltung arbeiten, sagt Itten. Das sei banal und schwierig zugleich. "Sie kennen sicher diese Geschichte", sagt er: Ein Mann wankt eines Nachts betrunken nach Hause. Die Gleise der Straßenbahn dienen ihm als Leitplanken. Doch der Morgen graut bereits, und die erste Tram kommt ihm entgegen. Lautes Klingeln. Der Mann lässt sich nicht stressen. Elegant torkelt er einen Schritt zur Seite: "Ich kann", lallt er und deutet triumphierend auf die Straßenbahn. "Aber du nicht." (Till Hein, DER STANDARD, 5.11.2012)
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Er wurde eben von Kindesbeinen an weiblich dominiert und ist deswegen zu recht grantig. Da eine grundsätzliche Änderung dieses Umstandes nicht möglich ist, muss er als Therapie lernen diesen Umstand a) zu genießen und b) sogar umzudrehen indem er die Domination durch weibliche/mütterliche Vorgangsweisen (also z.b. das bekochen, kontrollieren, sich Sorgen machen, Schuldgefühle wecken) zu seinen Gunsten zu wenden indem er z.b. konsequent für sich kochen, waschen, etc. lässt. und sich durch falsche Vorwände (Beruf, Hobby) ansonsten Freiraum verschafft.
Seit Generationen erprobt. Alle sind zufrieden damit.
Na sicher, denn Medikamente zu verschreiben, bringt einem nichts ein, außer der Pharmaindustrie. Ich würde bei Panikattaken, Wutausbrüchen mal einen Blick in die Hirnforschung werfen, Stichwort Mandelkern, von wo aus u.a. Aggressionen ausgelöst werden.
Aber ueblich ist schon, dass diejenigen die nicht auszucken dann "Schuld" sind. Also so richtig hilfreich ist Ihr posting auch nicht. Obwohls natuerlich auch sein kann, keine Frage. Aber egal, wie sich jemand auffuehrt, das oben Beschriebene ist keine normale Reaktion darauf. Also bitte nicht Opfer Taeter Umkehr gestalten.
SIe haben REcht. Und gerade in der Familiären Situation kann es schwierig sein, sich abzugrenzen.
Aber auch hier gilt: Zu jedem der einen anderen anschreit gehört einer der sich anschreien lässt. MAn kann sich seine Verwandten nicht aussuchen, aber wen man wie oft sieht schon.
Das unangenehme an der Abgrenzung von nahen Angehörigen ist, dass auch erwachsene Kinder ihre aggressiven Eltern lieben können. So tut es weh und ist auch oft unmöglich, die Täter zu sehen um selbst zu überleben, aber es tut auch weh, sie nicht zu sehen. Zudem ist es echt schwer in einer Gesellschaft die auf familiären Zusammenhalt aufgebaut ist ohne Familie zu leben.
das ergibt nicht wirklich sinn. solche verhaltensweisen gründen sich im sozialverhalten untereinander
das verhalten fressfeinden gegenüber ist eher panik als jähzorn
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