Schöne Dringlichkeit

Die Philharmoniker mit Andrés Orozco-Estrada

Wien - Die Donaustadt war und ist für Klassikkönner eine der beliebtesten Reisestationen überhaupt. Bezüglich der Sesshaftigkeit von internationalen Kapazitäten allerdings verhielt es sich bisweilen weit weniger spektakulär. Nachdem Dirigent Claudio Abbado seinerzeit als Musikchef der Wiener Staatsoper seinen Abschied nahm, hinterließ er in Wien beachtliche Leere. Es ist jedoch besser geworden. Nun werkt an der Staatsoper Franz Welser-Möst, und die Symphoniker haben mit Philippe Jordan bald einen international vernetzten Hoffnungsträger zum Chef.

Beim ORF Radio-Symphonieorchester Wien ist wiederum der aufstrebende Cornelius Meister in leitender Dirigierfunktion, während die Tonkünstler mit Andrés Orozco-Estrada einen (schon mehrfach seine Qualität bestätigenden) Vertreter der jungen Generation auf ihrer Seite haben.

Insofern nicht unlogisch, dass die Wiener Philharmoniker, nachdem Riccardo Muti aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, nicht in die Ferne schweiften, vielmehr den Kolumbianer Estrada als Ersatz für den philharmonischen Samstag einluden. Übrigens zum zweiten Mal nach 2010 - und es machte Sinn: Schon Cherubinis Ouvertüre in G kam als wundersam leicht dahinperlende melodische Grazie daher, die effektvoll auf die Stildinge verwies, die noch kommen sollten. Sie zeigte die Philharmoniker in sensibler Form und Estrada als einen Dirigenten, der energisch an Passagen herangeht (etwas derb klang es im Dramatischen), aber jederzeit bemüht war, auch sangliche Komponenten bewusst auszumodellieren.

Bei Schuberts 4. Symphonie wurde dies bestätigt: Mit tendenziell ins Breitere gehenden Tempi (wobei nie so extrem wie etwa Jonathan Nott, der vor einer Weile eine Gesamtaufnahme mit Schubert-Symphonien herausgebracht hat) sucht Estrada im 2. Satz nach einem empfindsamen Tonfall, nach Beschaulichkeit auch, die im 3. Satz in einem blumigen Auskosten der Melodik mündete.

Und doch: Es war Intensität abseits des Lieblichen zu vernehmen - wie bei Igor Strawinskis Violinkonzert in D: Bei allem Bestreben nach Ausgewogenheit war auch ruppiges Tanzleben drin; nicht zuletzt, da Rainer Honeck den Solopart bisweilen mit der nötigen Kantigkeit auszustatten wusste.  (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 5.11.2012)

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