Obama, Romney und die Frage, wer "die Messe liest"

Kolumne4. November 2012, 19:04
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Die Präsidentenwahl in den USA hat eine hierzulande vielfach unterschätzte Komponente

Die Präsidentenwahl in den USA hat eine hierzulande vielfach unterschätzte Komponente: die der Rolle religiöser Gefühle bei politischen Entscheidungen. Auch in den USA.

Carl E. Schorske, der bald 100-jährige Interpret des Fin de Siècle um 1900 in Wien, hat für die auch viel später noch katholisch-habsburgisch geprägte Politik die These gewagt, "nur wer die Messe liest", könne in Österreich für längere Zeit dominant regieren. Das galt für Julius Raab in den 50er-Jahren und insbesondere für Bruno Kreisky.

Die Verschmelzung geistlicher Grundstimmungen mit politischen Einstellungen und deren Verkörperung durch charismatische Persönlichkeiten ist indes kein (historisches) österreichisches Spezifikum. Ihr Ausmaß ist in vielen Gesellschaften eine Erklärung für Wahlsiege.

Barack Obama und Mitt Romney verkörpern nicht nur zwei ganz verschiedene ethnische Traditionen Amerikas, sondern zwei gesellschaftspolitisch weit auseinanderliegende Ausprägungen. Hier der schwarze Aufsteiger und politische Prediger, dort der reiche mormonische Wasp (white anglo-saxon protestant).

In den Umfragen liegen sie seit Wochen "Kopf an Kopf". Die Auseinandersetzung spiele sich "auf des Messers Schneide" ab, beides journalistische Zuspitzungen, um die Leser bei der Lektüre zu halten. Zur Erklärung werden die üblichen Muster herangezogen - wie in Europa die Arbeitsplätze, das Gesundheitssystem, der Umweltschutz und die Angst vor dem Terrorismus.

Der Wahlkampf der letzten Wochen zwischen Obama und Romney war stärker von ganz anderen Aspekten geprägt. Wer liest in den USA die Messe? Wer ist die bessere Führungspersönlichkeit? Wer tritt besser auf, mit den überzeugenderen Argumenten?

Bei der ersten TV-Debatte wirkte der Präsident nicht wie ein Alphatier. Der republikanische Kandidat war ihm überlegen. Prompt geriet Obama bei den Umfragen ins Hintertreffen. In der zweiten TV-Debatte rundete sich Obama wieder zurück. Und erst die dritte ließ in den Medien wieder Vorteile für den amtierenden Präsidenten erkennen. Er war wieder da.

Dann kam Sandy. Katastrophen produzieren markante Unterschiede. Die Amerikaner hatten dieser Tage wohl noch im Kopf, wie kläglich George W. Bush auf den Hurrikan Katrina reagiert hatte. Und wie souverän Barack Obama während des Megasturms Sandy aufgetreten ist. Umso mehr, als sich der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg als schwache Figur gezeigt hat. Zuerst musste er Aussagen korrigieren, es habe in New York keine Toten gegeben. Und dann musste er unter dem Druck der Bevölkerung den New York Marathon absagen, an dem er zunächst aus "wirtschaftlichen Gründen" festgehalten hatte.

Ob sich der Ruf des Nothelfers Obama von der Ostküste bis nach Ohio und in andere "Schlüsselstaaten" ausgewirkt hat, werden die Ergebnisse zeigen. Aber dass es wieder Zeitungstitel gab wie "Zum Schluss findet er zur alten Form zurück", ist weniger seiner Politik geschuldet als viel mehr dem Ruf des schwarzen Engels, der er real nie war. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 5.11.2012)

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