Sonderbare Tiere und ein schwerer Fehler

Daniel Ender
4. November 2012, 19:08
  • Mussten der akustischen Rohgewalt weichen: das Arditti-Quartett.
    foto: arditti quartett

    Mussten der akustischen Rohgewalt weichen: das Arditti-Quartett.

Wien Modern: Uraufführung von Deutsch-Streichquartett durch das Arditti Quartet und eine Störung durch Grönemeyer

Wien - "Die Disponierung dieses Abends hat sich als schwerer, bedauerlicher und vermeidbarer Fehler erwiesen, für den wir uns bei den Künstlern und vor allem bei unserem Publikum entschuldigen müssen." So prosaisch kommentierte die Leitung des Wiener Konzerthauses das, was sich am Freitagabend neben dem Grönemeyer-Konzert abgespielt hatte.

Im Mozart-Saal war ein Wien-Modern-Konzert mit dem Arditti Quartet angesetzt gewesen, und im Vorfeld schien man bereits irgendwie geahnt zu haben, dass da etwas störend aus dem Großen Saal herüberklingen könnte, denn die Beginnzeit wurde um eine halbe Stunde früher angesetzt als ursprünglich geplant.

Das reichte freilich nicht, sodass Matthias Losek vor Beginn erklärte, man könne die zweite Konzerthälfte womöglich nicht spielen. Und so war es dann auch. Dass ausrechnet Luigi Nonos Fragmente - Stille, an Diotima der Fehlplanung zum Opfer fiel, mochte den Unmut des Publikums noch verstärkt haben, der sich über den künstlerischen Leiter des Festivals ergoss. Freilich traf der heftige Zorn wie oft in solchen Fällen den Falschen, da er sein Programm lange vor Grönemeyers Einmietung geplant hatte.

Nachträglich entschuldigte sich das Konzerthaus denn auch bei Wien Modern und gelobte Bernhard Kerres (Noch-Intendant des Konzerthauses und Noch-Präsident von Wien Modern), "einen derartigen Vorfall in Zukunft gänzlich auszuschließen".

Allerdings ist es schon früher vorgekommen, dass lukrative Fremdveranstaltungen Kammermusik- oder Liederabende störten.

Die Panne sagt also womöglich auch etwas darüber aus, wie wirtschaftliche und künstlerische Ziele einander in die Quere kommen können, um nicht zu sagen: welchen Stellenwert manche grundsätzlich zeitgenössischer Musik und anderen Minderheitenprogrammen geben.

Der Begriff Minderheit ist allerdings bei Wien Modern relativ, denn traditionell ist der Publikumszuspruch enorm. Gut besucht war auch der Streichquartett-Abend in jener Konzertreihe, die das Neue-Musik-Urgestein Lothar Knessl zum 25-Jahr-Jubiläum des Festivals programmiert hat.

Schwebendes Raunzen

Dass es dabei nicht nur bei einem Rückblick blieb, dafür sorgte - neben Musik von György Kurtág und Georg Friedrich Haas - die Uraufführung des 2. Streichquartetts von Bernd Richard Deutsch, in dem sich laut Einführungstext des 1977 geborenen Niederösterreichers "sonderbare Tiere in der Gewalt bizarrer, ungebändigter Kraftfelder" befinden.

Tatsächlich schienen raunzende Tierlaute durch das vital pulsierende, dann wehmütig-traurige Stück zu schweben, das vom Arditti Quartet mit der ihm eigenen Schroffheit ausgestattet wurde. Wer an Deutschs Amalgamierung neoklassizistischer und freitonaler Muster und klangtechnischer Frischzellen Gefallen findet, darf sich freuen. Denn soeben wurde bekannt, dass er den Erste-Bank-Kompositionspreis 2013 erhält; sein neues Stück soll beim nächsten Festival uraufgeführt werden. Und das vermutlich störungsfrei.   (Daniel Ender, DER STANDARD, 5.11.2012)

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20 Postings
"Tatsächlich schienen raunzende Tierlaute durch das Stück zu schweben"

War das auch schon der Grönemeyer?

NONO-Gate oder Grönemeyer-Gate ?

Stimmt eigentlich die Geschichte,

dass in den späten 1960er Jahren, ebenfalls im Wiener Konzerthaus, ein Beethoven Klavier Konzert abgesagt/abgebrochen werden musste, da die Jimi Hendrix Experience in einem benachbarten Konzertraum gespielt hat?

Ich war auf diesem Jimi Hendrix-Konzert. Es war so ungewohnt laut für das Konzerhaus, dass die Damen, die die Toiletten hüteten, ihre Arbeitsstätte verließen. Sie sind empört auf dem Gang zusammengelaufen und haben geschimpft, dass "das nicht geht".
Ich weiß das, weil er mir auch zu laut und zu schlecht drauf war. Er war voll zu und hat streckenweise wirklich nicht viel gemacht außer Lärm.

echt jetzt, oder gschichtl?

die geschichte stimmt.
ich war damals beim konzert zwar etwas "kognitiv beeinträchtigt", aber die häuselfrauen im konzerthaus, die am gang stehen, sich die ohren zuhalten und über den wirbel vom jimi hendrix schimpfen, sehe ich noch heute vor mir.

und diese damen haben für mich ein lebtag lang den geist von wien repräsentiert.

ob im mozart- oder schubertsaal ein klavierkonzert abgesagt werden musste, weiß ich allerdings nicht. ich war nur zum rocken dort.

ich hab gar nicht gewusst dass hendrix im konzerthaus gespielt hat, dank ihrer ausführung das hier entdeckt:

http://www.youtube.com/watch?v=DuJu_pwFxUs

die aufforderung zu beginn :)

cool, danke

Danke für die Antwort, Dr. Bitter

Ein neueres Foto des Quartetts haben sie nicht gefunden? Das ist nur mehr halb richtig.

"halb richtig" trifft in diesem Fall den nagel auf den Kopf

Trotzdem war's toll

Ja, der Ausfall des Nono-Werks war echt ärgerlich. Vor allem, weil er auf einem veritablen Pfusch des KH-Managements beruhte.
Das Rumpfkonzert war aber immerhin sehr gut - und der Abend damit insgesamt positiv zu bewerten.

Danke Herr Ender, dass sie auch den wirklich Verantwortlichen benennen (Kerres). Ich möchte hier allerdings auch meinem Unmut Ausdruck verleihen, in welcher Weise sich einige Stammgäste des Festivals gegenüber dem ehrlich bemühten und schuldlosen Herrn Losek aufgeführt haben. Das war eine echte Sauerei.

Im Übrigen ist es peinlich, wenn Konsumenten hochsubventionierter Minderheitenkunst ihre Quersubventionierer (und deren Fans) derart abschätzig betiteln, wie es an diesem Freitag geschehen ist.

da ist er ja, der artikel zum arditti quartett. wirklich schade, dass es organisatorisch so danebengegangen ist.

ein zweiter fehler...

... ist dass ein "wien modern"-veranstalter die tatsache, dass an der staatsoper in der aktuellen spielzeit kein zeitgenössisches werk läuft, in einem falter-artikel sinngemäß so kommentiert, dass der spielplan auch den nazis gefallen hätte, weil keine entartete musik gespielt wird.

einerseits hätten sich die nazis wohl schön für mahagonni von kurt weill bedankt. und andererseits macht man sich mit nazivergleichen sicher auch keine freunde beim potentiellen publikum. die nazivergleichskeule, die ja sonst immer für garantierte gratis-pr herhalten muss, hat in diesem fall gott sei dank versagt...

Dass die Staatsoper im Vergleich zu anderen europäischen Opernhäusern ein höchst langweiliges Programm hat ist allerdings die Realität - immer nur das was eh schon jeder x-Mal gesehen hat, nie Barock, nie Modernes, nie Gewagtes.

Die nächste Premiere:

ALCESTE / 12. 11. - Sie kennen also den Spielplan nicht, von dem Sie hier so gerne negativ berichten wollen. "Gewagtes" finden Sie vielleicht eher in Ihrer persönlichen Umgebung, wer weiß?

nähr- oder dachboden?

Solche Meldungen wie Ihre, liebe/r Herr/Dame, kommen immer aus der Tiefe der Ignoranz. Der Mann, der im Falter die europaweit muffigste, (selbst in Italien und Spanien sind die Häuser lebendiger, die Wiener Staatsoper wird in ganz Europa ignoriert, außer von Touristen) muffigste Opernhausprogrammierung überspitzt kommentierte, ist kein "Wien-Modern-Veranstalter", sondern Intendant des Klangforum, Sven Hartberger, und hat mit Wien Modern nichts zu tun. Sie hätten sicherlich Ignoranz jemandem vorgeworfen, der gemeint hätte, Hellsberg sei der Wiener Operndirektor oder Felix Mottl der Urheber des Tristan. Leider: schon wieder typisch... Viel Spass weiter mit Ihrem Opernprogramm für Japanischen Touristen und Koloratur-Hooligans.

Ignoranten

ignorieren, das ist, was sie können!
Bleiben S' also bitte dieser Linie treu, Wien und die STOP kommen wunderbar ohne Sie & Ihresgleichen aus....

Wobei Sie den Koloratur-Hooligan doch eigentlich lustig finden müssten

etwas "lustig finden" -

genau DAS ist ja einer der Hauptfehler in diesen Foren hier - alles muss SPASS machen (selbst bei Kommentaren zu Mord und Selbstmord von zwei alten Menschen z. B.).....
Ich weiß nicht, was ich am Begriff "Koloratur-Hooligan" lustig finden sollte?

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