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vergrößern 750x500Der König Lear aus der russischen Steppe und sein viriler Schwager, der mit der Welt hadert: Gert Voss (re.) und Nicholas Ofczarek in Matthias Hartmanns "Onkel Wanja"-Inszenierung.
Wien - Das Schicksal meint es besonders schlecht mit Wanja, dem vielleicht traurigsten aller Tschechow-Titelhelden: Es verwehrt ihm den Triumph der Niedertracht. Im Wiener Akademietheater sind die Lichter kaum angegangen, da ereignet sich unter Mordsgeschrei ein Unglück. Professor Serebrjakow (Gert Voss), ein Geisteswissenschafter im allzu frühen Ruhestand, stürzt an die Rampe. Sein Schwager Wanja (Nicholas Ofczarek) hat gerade mit der Flinte auf ihn geschossen. In panischer Angst reißt das Opfer einen Gartensessel in die Höhe, um sich vor dem drohenden Kugelhagel zu schützen. Die Aktion ist höchst unangemessen und von peinigender Lächerlichkeit. Wanja, so wollen es diese "Szenen aus dem Landleben", schießt prinzipiell daneben.
Indem Regisseur Matthias Hartmann den Höhepunkt des dritten Aktes isoliert und an den Beginn setzt, hat er das Grundthema seiner Onkel Wanja-Inszenierung in einem grellen Akkord angeschlagen. Ein überaus missliches Geschick hält die Figuren in der Verbannung zurück. Sie leben von dem, was das heruntergewirtschaftete Gut in der russischen Provinz für sie abwirft. Im Übrigen fühlt sich jeder von ihnen nur zum Allerhöchsten berufen. Es passiert nicht viel. Allerhöchstens fällt einmal ein Schuss. Niemand stirbt daran, alle leben weiter wie zuvor bis in alle Ewigkeit.
Hartmann hat sich - als durchaus sorgfältiger und liebevoller Anwalt der Tschechow-Figuren - geistesgegenwärtig für die Betonung der Hochkomik entschieden. Die Bühne von Stéphane Laimé besteht aus ein paar Kulissen, die wie Messer aus dem Schnürboden herunterfallen. Die Schauseiten sind nach hinten gekehrt. Erst im Spiegel sieht man den Fassadenstuck dieser Provinzler, die auch Tollhäusler sind. Das Innenleben gibt bloß Holzrahmen preis und ein paar schäbige Luster, die den Wanja-Figuren wie überreife Gartenfrüchte vor der Nase hängen.
Alle wollen das Gleiche
Jeder wäre gerne sehr viel mehr, als ihm das Schicksal zugesteht. Arzt Astrow (Michael Maertens) beschäftigt sich zum Beispiel mit der Kultivierung und Bewahrung des Baumbestandes im Distrikt. Er schlappt im Anzug eines Provinzsparkassebeamten über einen grünen Kunststoffboden. Seine ökologisch wertvollen Vorträge wirft dieser Winkelanarchist wie erotische Köder aus. Er will nur das eine: die junge Frau des Professors (Caroline Peters). Die wollen aber alle. Ein solches Dilemma leitet in die Boulevardkomödie hinüber.
Der Einzige, der Elena (Peters) nicht besitzen will, ist ausgerechnet ihr Mann. Der Professor (Gert Voss) hat sich, offenbar in Ermangelung eines tragfähigen Werkes als Geistesgröße, das kolossal ungehörige Betragen eines eingebildeten Kranken zugelegt. Er bläht sich nächtelang als Thomas-Bernhard-König: Er schreit und zischt, ist einmal gichtbrüchig, dann wieder rheumakrank. Seiner schönen, patenten, jungen Frau drückt er den Hals, als wäre sie ein Stück Holzgeländer im Greisenasyl. Gert Voss gibt den König Lear in der russischen Steppe: Damit gelingt ihm ein finster-komisches Meisterstück.
Elena aber wäre zweifellos die umschwärmte Schöne in jedem Stadtcafé. So muss sie mit frustrierten, alkoholisierten Dummschwätzern vorliebnehmen: dem Verwalter Wanja (Nicholas Ofczarek), der durch den Vorhang seiner Haarzotten hindurch mit Gott und der Welt hadert und zugleich mit seiner bulligen Männlichkeit kokettiert.
Wanja legt noch dann, wenn er den Professor eigentlich über den Haufen schießen will, den Strauß Rosen für die Angebetete nicht aus der Hand. Jeder dieser Versager ist unendlich liebenswert: der geschwätzige Pensionist Telegin (Branko Samarovski). Wanjas Nichte Sonja (Sarah Viktoria Frick), die sich in eine werbende Braut verwandelt, die an dem unerschütterlichen Phlegma Astrows scheitern muss.
Wohlwollender Befund
Nichts passiert. Ein, zwei Schüsse fallen - Hartmann wiederholt die vorangestellte Szene. Die Menschen kommen zu wenig zum Schlafen, dafür trinken sie zu viel. Der Professor, der soeben noch das Gut, das ihm gar nicht gehört, verkaufen wollte, reist mit seiner Frau wieder ab. Die Ewigkeit reizt zum Lachen.
Matthias Hartmann hat Tschechow lange genug betrachtet, um im Gewebe des Wanja Samuel Becketts absurde Schlaufen zu finden, die Webmuster eines Thomas Bernhard. Ihn reizen diese Provinzchargen zum Lachen. Er lacht sie aber nicht aus, sondern stellt ihre Beweggründe dem Zuschauer verschmitzt zur Diskussion. Nicht einmal einander umzubringen verstehen sie. Es ist wirklich zum Heulen.
Das Publikum bejubelte diesen menschenfreundlichen Befund vollkommen zu Recht. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 5.11.2012)
6., 12., 18. 11.
Nachlese:
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... für seine unablässigen Hymnen auf diese biedere Provinzialität des Herrn Hartmann? Ganzseitige Vorberichte, Hymne Nachtkritik, Hymne danach, egal was auf der Bühne geboten wird. Irgendwie verhaltensauffällig.....
es war sicherlich eine tolle aufführung, aber der wunsch sie noch einmal zu sehen ist beim verlassen des theaters nicht entstanden - bei der breth inszenierung nach jedem neuerlichen besuch immer wieder - die große szene elena-astrow gehört für mich dank der darstellung von wolfgang michael zu einer der unvergesslichsten szenen der bachler ära
dass es zu Berichten von Opern oder auch von Theateraufführungen immer nur EIN Bild gibt.
Wenn sich irgendwelche Stämme Nägel und andere Dinge durch die Haut stechen und sich blutig peitschen, gibts gleich ganze Fotoreihen hier, aber für die Kunst hat man wohl nicht viel übrig.
das Burgtheater ja auch abreissen und mit 'besserer Akustik' wieder aufbauen.- Ich habe sogar einen bekanntermaßen 'nuschelnden' O.W. Fischer auf dem Rang ohne Mühe verstanden, auch ein flüsternder Aslan war kein Problem.- Ich glaube, Sie haben Recht!
Genau - weg mit dem Pöbel aus unseren Theatern! Fakt ist eher: Eine wirklich gute Inszenierung erkennt mand aran, dass sie im ganzen Haus wirkt - sonst könnte (und sollte) man sie gleich in ein kleineres haus transferieren. Warum dann große Bühne?
Jürgen Goschs Berliner Onkel Wanja, der 2009 bei den Wiener Festwochen gezeigt wurde, kam (so weit ich mich erinnern kann) z.B. ganz ohne laute Töne aus und Andrea Breth ist ohnehin eine meisterhafte Textanalytikerin - um nur zwei Gegenbeispiele zu nennen.
Ich hab allerdings auch das Gefühl, dass eine gar nicht so geringe Anzahl an Regisseuren kein Vertrauen mehr in die Aussagekraft der Texte zu haben scheint bzw. die mangelnden Ideen über andere Sensationen auszugleichen sucht.
Wien ist dafür relativ anfällig, weil die hohe Qualität der Schauspieler oft über das fehlende Gesamtkonzept der Inszenierung hinwegzutäuschen vermag.
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