US-Wahlen sind für Journalisten "absolut erschöpfend"

Interview |
  • Präsentiert seit 1996 die "BBC World News America": Anchorwoman Katty 
Kay geht dieses Mal in ihre vierten US-Wahlen.
    foto: bbc world

    Präsentiert seit 1996 die "BBC World News America": Anchorwoman Katty Kay geht dieses Mal in ihre vierten US-Wahlen.

Zum vierten Mal ist Anchorwoman Katty Kay dabei, wenn am Dienstag ein US-Präsident gewählt wird - Die Britin präsentiert die "BBC World News America", beobachtet eine gespannte Stimmung und eine gewisse Vorfreude auf das Danach

STANDARD: BBC World wird in rund 230 Ländern gesehen und hat 65 Millionen Zuseher. Bedeutet das etwas für Sie als Journalistin?

Kay: Wenn ich in der Redaktion sitze, denke ich grundsätzlich nicht: " Wow, wir werden von Millionen Zusehern gesehen!" Manchmal hoffe ich, dass mein Ehemann zusieht. Die große Reichweite spielt aber insofern eine Rolle, als ich auf die Internationalität des Publikums achte. Ich versuche die Ereignisse so zu vermitteln, dass es in China, Hongkong, Indien, Brasilien, Frankreich und Österreich gleichermaßen verstanden wird.

STANDARD: Wie sieht das speziell für die Wahlberichterstattung aus?

Kay: Würde ich ausschließlich für ein US-Publikum berichten, würde ich sehr viel stärker auf Details eingehen. Für ein Publikum in Delhi oder in Peking geht es darum, ein breites Bild der Ereignisse zu geben. Was bedeutet das Ergebnis für Amerika und für die Rolle des Landes in der Welt.

STANDARD: Sie sind seit 1996 in Washington. Wie hat sich Wahlberichterstattung verändert?

Kay: Das sind meine vierten Wahlen, und die Stimmung ist dieses Mal wirklich sehr gespannt. Das liegt daran, dass es ein letztlich doch sehr enges Rennen zwischen Obama und Romney geworden ist. Es ist eine sehr stressvolle Zeit, natürlich auch für Journalisten: Über die US-Wahlen zu berichten ist absolut erschöpfend. Viele Reporter sind rund um die Uhr unterwegs. Ich weiß nicht, wie es den Kandidaten geht, aber ich glaube, sagen zu können, zumindest die Journalisten und die Menschen im Land sind froh, wenn die Entscheidung gefallen ist.

STANDARD: Und man kann sich wieder Grundsatzfragen zuwenden, zum Beispiel: Ist es eine gute Zeit, um Journalist zu werden?

Kay: Eine harte Zeit, denn die Möglichkeiten, Geld zu verdienen, werden nicht einfacher. Es ist hart, Geld zu verdienen, wenn alles im Internet gratis ist. Es ist schwer für junge Journalisten, die hochwertigen Content haben wollen, aber für ihre Arbeit nicht bezahlt werden. Umgekehrt erleichtert die Digitalisierung den Job natürlich, mit Videokameras kann ein Journalist alleine fantastische Storys bringen. Es ist leichter, die Geschichten zu bekommen.

STANDARD: Was bringt die Zukunft? Überlegen Sie manchmal, wie Ihr Job in fünf Jahren aussehen wird?

Kay: Nein, ich frage mich höchstens, wie mein Job nächste Woche sein wird. Ich denke nicht so lange voraus, das habe ich nie getan. Seit ich Journalistin bin, plante ich nie länger als sechs Monate. (Doris Priesching, DER STANDARD, 5.11.2012)

Katty Kay ist seit 1996 Nachrichtensprecherin bei BBC World in Washington. Davor berichtete sie aus Simbabwe, London und Tokio. Sie ist Vorstandsmitglied der International Women's Media Foundation für Frauen im Journalismus.

Share if you care