Österreich ist fucking rich!

Glosse4. November 2012, 17:53
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Wie erklärt man einem Jungen aus dem Punjab die groteske Existenz Fiona Pacifico Griffini-Grassers - auf Denglisch?

Mr. Singh ist der lokale "Zeitungsinder" in unserem Grätzl. Er ist jung, zierlich und trägt keinen Turban, obwohl er ein Sikh ist und aus dem Punjab kommt, wo man offenbar kaum Englisch spricht. Mr. Singh spricht auch kaum Deutsch. Trotzdem erörtern wir die Schlagzeilen der Zeitungen, die er verkauft. Auf Pidgin-Denglisch.

Meine Morgenroutine: Kindergarten, Kipferl, Kaffee, Mr. Singh. Unsere Dialoge stoßen oft und schnell an die Grenze, die sich aus der Verständigung mit wenigen Verben, Mimik, Gestik und Onomatopoesie nun mal ergibt.

No magic here, mistah Jimbo!

Ich liebe den magischen Augenblick, wenn die Figuren in den Filmen von Jim Jarmusch einander trotz absoluter Sprachbarriere verstehen oder auch manchmal pro bono missverstehen. Im wahren Leben von Meidling, zwischen mir und Mr. Singh, ergibt sich dieser magische Augenblick nur mühsam, meistens gar nicht.

Trotzdem gelingt es mir, einiges über Mr. Singh zu erfahren. Hilfreich, dass es da nicht viel gibt. Die Kurzfassung: Mr. Singh lebt in Österreich genau so, wie er zuvor im Punjab lebt. Oder etwas länger gefasst: Mr. Singh lebt mit noch fünf Indern in einer kleinen Wohnung, jeder hat denselben Scheißjob, man schläft in Stockbetten, geht nie aus, isst irgendwelche Fladen, die Tschappatti heißen, und alle sind genauso arm wie im Punjab. Mehr ist da nicht. Es ist die Banalität organisierter Migration. Irgendwie haben die Inder eine Art Monopol auf die Kolportage von Zeitungen, und Mr. Singh ist aus dem fernen Punjab von dieser, inzwischen so zu nennenden, Migrations-Maschine in Wien ausgespuckt worden.

Nun verkauft er an einer Ecke in der Meidlinger Fußgängerzone "Krone", "Kurier", "News" und, ja, auch den "Standard". Manchmal schenkt mir Mr. Singh den "Falter" oder das "Profil". Als Dank erkläre ich ihm zuweilen die Leute von den Titelseiten.

Was ist ein "Feschist"?

Eines Morgens grinsen Fiona Pacifico Griffini-Grasser und Karl-Heinz Grasser von der Titelseite des kleinformatigen National-Organs der Republik. Mr. Singh ist neugierig: "Wer is Mann-Frau?" Das ist eine Herausforderung! Meint er beide oder nur KHG? Und wie erklärt man einem Jungen aus dem Punjab, was genau einen Forrest Gump der Politik und ein welkes Partygirl dazu berechtigt, selbstzufrieden die Nation anzugrinsen?

"Mann ist Feschist, Frau ist fucking rich!" Leider missversteht Mr. Singh gründlich: "Ah! Mann ist Nazi-parttii, Frau ist prostitute for rich people! Okeyii, okeyii!" Nun muss ich Mr. Singh erklären, dass nicht einmal durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist zu behaupten, Grasser sei ein Nazi und Fiona eine Nutte. Und dass ein Nazi nicht exakt dasselbe ist wie ein Faschist, geschweige ein Feschist. Und vor allem, wie erklärt man einem Jungen aus dem Punjab die groteske Existenz Fionas, eines reich geborenen 48-jährigen Teenagers, dessen bisher größte intellektuelle Leistung der mehrmalige Beischlaf mit Flavio Briatore ist?

Ich versuche es trotzdem: "No, no, Mr. Singh! Mann ist too beautiful! We call it Fe-schist! Frau ist famous Zirkus-Artist! Can do the talk-talk with no brain-work! In Austria we love it!" Nun versteht Mr. Singh endlich: "Funny country! I like it!"

The best of the best of the best

Um Neujahr ist es etwas anstrengend, weil da alle Zeitungen Rankings der Wichtigsten, Besten oder Peinlichsten (was meist eh dasselbe ist) des vergangenen Jahres bringen. Dann sind auf jedem Cover mindestens zehn grinsende Gesichter mit Erklärungsbedarf.

Laura Rudas und Sebastian Kurz sind schnell als "best and last hope for Katholik-partii" erklärt, doch bei Stefan Petzner wird es schwierig. Den Mann ohne Eigenschaften der österreichischen Randpolitik in Denglisch zu fassen ist unmöglich. Gleichzeitig schießt ein Begriff aus meiner Heimat hervor. Er lautet "plačipizda". Jeder Ex-Jugo kennt ihn und weiß, dass er so folkloristisch eingefärbt ist, dass er nicht einmal in unseren heutigen Heimaten klagbar ist. Übersetzt man ihn hingegen ins Deutsche, lautet er in der Schönsprech-Version "weinerliche Vagina" und beschreibt Personen, die zu theatralisch-feuchten Trauermanifestationen neigen. Doch Petzner in einen Kontext mit Vagina zu setzen ist schlicht unrealistisch.

Ich improvisiere: "Mann hat little dolphin in his Hose! It's lonely now and cries a lot!" Mr. Singh grinst höflich und nichtverstehend. Ich geb's auf.

Out of Punjab

Land der Fünf Ströme. So heißt der Punjab, weil dort fünf große Flüsse die Landschaft gliedern und einschließen. Das ergibt eine schnelle Googelei. Den kargen ihm bekannten Rest erzählt mir Mr. Singh. In seinem Punjab gibt es viele Arme wie ihn, wenige Reiche wie die Maharadschas und nichts dazwischen. Mr. Singh hat nur Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt. Er kennt nur sein Dorf und Lahore, die nahe Metropole - und Wien. Das ist Mr. Singhs gesamte Welt.

Ich merke, dass Mr. Singh lieber mehr über Österreich wissen will, als über den Punjab zu erzählen. Und ich merke, dass er trotz nunmehr zweijährigen Aufenthalts über Sachverhalte staunt, die für uns banaler Alltag sind. Dazu zählen die schönen Rettungsautos. Endlos sein Staunen, als ich ihm erkläre, dass jeder Wiener - auch er - diese Autos mittels Handy herbeirufen kann und ohne Ansehen der Person, Hautfarbe oder Religion zuverlässig binnen Minuten gerettet wird. Genauso wie die Feuerwehr einfach jeden und alles, was brennt, zuverlässig löschen kommt. Und dass die Polizei bei uns meistens nett zu jedem ist und nie zur Niederschlagung von Hungeraufständen ausrückt.

Mr. Singh will auch seine zuverlässigste Kundschaft aus der Umgebung, das sind die Pensionisten, erklärt wissen. Vor allem ist es ihm ein Rätsel, dass viele dieser Alten nicht am Straßenrand betteln müssen und sogar einen Hund haben, dem sie täglich Fleisch kaufen. Die Segnung unseres Sozialsystems, das Pensionen schafft und es Pensionisten ermöglicht, Haustiere zu halten, die man nicht melkt, schert und isst, zu beschreiben, so dass es Mr. Singh versteht, stellt mich auf die Probe.

"Stay here, get a woman, be happy! Österreich ist fucking rich!" (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 4.11.2012)

  • "Mann ist Feschist, Frau ist fucking rich!" Leider missversteht Mr. Singh gründlich: "Ah! Mann ist Nazi-parttii, Frau ist prostitute for rich people! Okeyii, okeyii!"
    foto: apa / guenter r. artinger

    "Mann ist Feschist, Frau ist fucking rich!" Leider missversteht Mr. Singh gründlich: "Ah! Mann ist Nazi-parttii, Frau ist prostitute for rich people! Okeyii, okeyii!"

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