Die Bahn, der Läufer, die Laufbahn, der Berater

Porträt4. November 2012, 17:39
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Nach der Karriere ist vor der Karriere. Aus dem Eisschnellläufer Michael Hadschieff wurde ein Laufbahnberater und Coach. Auch weil er sich selbst einst dachte: "Wozu brauch ich ein fertiges Studium?"

Wien - 13 Minuten, 56 Sekunden, elf Hundertstel. Noch nie bei Olympischen Spielen hatte ein Eisschnellläufer eine bessere Zeit über 10.000 Meter erzielt. Man schrieb den 21. Februar 1988, und Michael Hadschieffs Oberschenkel brannten, wie sie selten zuvor gebrannt hatten. Die Goldmedaille in Calgary war zum Greifen nahe, doch gleichzeitig war sie ziemlich weit weg.

Denn der Schwede Tomas Gustafson, bester Eischnellläufer dieser Zeit und Favorit auf den langen Strecken, ging erst nach Hadschieff auf die Bahn. Und Gustafson ließ nichts anbrennen, nahm Hadschieff mehr als sieben Sekunden ab, fixierte Weltrekord (13:48,20). Der Tiroler hatte nur kurz gehofft, der Schwede wäre es "vielleicht zu schnell angegangen", dann freute er sich über Silber. Es war in Calgary die zweite Medaille des 24-Jährigen nach der Bronzenen über 1500 Meter, und Calgary war der Höhepunkt seiner Karriere.

Dabei handelte es sich, wenn man so will, um die Karriere davor, schließlich gibt es auch für Sportler eine Karriere danach. Und seit 2006 gibt es in Österreich sogar einen Verein, der so heißt. Kada, Karriere danach. Und für genau diesen Verein ist Hadschieff seit 2010 tätig, als Laufbahnberater und Coach. Jetzt sitzt er im Kunsthallencafe am Wiener Karlsplatz und erklärt den Job des Laufbahnberaters, seinen Job. "Wir holen die Sportler sozusagen von der Schule ab. Wir zeigen ihnen, wie sie zu einer Ausbildung kommen. Und wir helfen ihnen beim Studium."

Studium hinten an

Sportler, sagt Hadschieff, müssen trainieren, müssen reisen, haben es an Universitäten nicht leicht. Also reiste er in Österreich von einer Universität zur nächsten, er traf sich mit Rektoren, Vizerektoren und Professoren, er schloss Vereinbarungen ab. Es geht um Hilfestellungen für studierende Spitzensportler, um Prüfungsverschiebungen, um Lernhilfen, Information. Eine österreichische Uni versammelt im Schnitt circa zehn Spitzensportler. "In Wien", sagt Hadschieff, "sind es fünf oder sechs an der TU, rund 20 an der WU und rund 30 an der Hauptuni."

Der Ex-Eisschnellläufer weiß, wovon er spricht. Viele Jahre hatte er sein Wirtschaftsstudium hintangestellt und in einen Sport investiert, mit dem man nicht aussorgen konnte. Als Österreicher schon gar nicht - obwohl Hadschieff sensationelle Erfolge einfuhr. Er war Weltmeister über 10.000 Meter (1984), gewann zweimal den Gesamtweltcup (1986, 1989), nahm viermal an Olympischen Spielen teil, war Österreichs Sportler des Jahres - übrigens 1986 und nicht 1988. Damals haben Winter- und Sommerspiele noch im selben Jahr stattgefunden, deshalb gab es 1988 kein Vorbeikommen an Peter Seisenbacher, dem Judo-Olympiasieger.

Nach zweimal Platz sechs bei den Spielen 1992 und einem neunten Platz 1994 trat Hadschieff zurück. Er fand rasch einen Job als Marketingleiter bei Puma, dachte sich: "Geld verdienen, super, wozu brauch ich ein fertiges Studium?" 1999 wurde Hadschieff Geschäftsführer der Austrian Snowboard Association (ASA). Heute sagt er, dass er die ASA damals "dem ÖSV verkaufen wollte". Doch den ASA-Snowboardern um Martin Freinademetz sei ihre, wie sie sagten, "Freiheit" wichtiger gewesen als der ASA-Kontostand. Hadschieff sagt, er habe sehr viel Lehrgeld bezahlt. " Und das sollte mir nicht noch einmal passieren." Also nahm er das Studium wieder auf, und 2002 war er Magister der Betriebswirtschaft.

Nach der Karriere

Den Magister zog es dann für einige Jahre als Projektentwickler in die Immobilienbranche, Anfang 2010 fand er seine Berufung. Bei Kada. Hadschieff hat mit dafür gesorgt, dass der Verein seine Tätigkeit auf Laufbahnberatung erweiterte, sich nicht bloß um Ex-Sportler kümmert. "Was tust du am Arbeitsmarkt mit einem 30-Jährigen ohne Ausbildung?"

Dass der gebürtige Innsbrucker, dessen Großvater aus Bulgarien zum Studium nach Tirol kam, seinen Wohnsitz vor Jahren nach Salzburg verlegte, kommt dem Job entgegen. "Von Salzburg brauch ich nirgends wirklich lange hin." Hadschieff hat aus einer früheren Beziehung eine 21-jährige Tochter, die in München Architektur studiert. Und er ist seit zehn Jahren verheiratet, was kürzlich, im Oktober, ebenso gefeiert wurde wie sein 49. Geburtstag.

Bei Kada, zu zwei Dritteln vom Sportministerium und zu einem Drittel vom AMS finanziert, sind viele ehemalige Spitzensportler anzutreffen. Im Präsidium sitzen Vera Lischka, Christoph Schmölzer, Petra Kronberger, Michael Ludwig, Marc Brabant und Stephan Marasek. Geschäftsführerin ist Roswitha Stadlober, sie wird im Headoffice in Salzburg von Hadschieff und Veronika Stallmaier (früher Wallinger) unterstützt. Auch unter den Coaches und Laufbahnberatern finden sich neben Hadschieff bekannte Namen wie Michael Suttnig, Judith Draxler-Hutter oder Christiane Mitterwallner-Posch.

Hoffen auf die Partie

Zweimal hat sich Hadschieff erfolglos für den Posten des Sporthilfe-Generalsekretärs beworben. Aktuell ist der Job wieder ausgeschrieben, doch aktuell ist Hadschieff nicht interessiert. Dafür ist er Obmann des "Club of Masters", den er 1988 mitgründete. Die gemeinnützige Organisation von Tiroler Sportlern hilft verunglückten Kollegen, im schlimmsten Fall deren Hinterbliebenen.

Das Eisschnelllaufen? Kaum noch ein Thema für Hadschieff. Er hat sich eine Zeitlang im österreichischen, eine Zeitlang im internationalen Verband engagiert. Nun verfolgt er vor allem die Leistungen im Nachwuchsbereich und hofft, dass "wieder eine Partie wie damals zustande kommt". Damals bildeten Hadschieff, Christian Eminger und Emese Hunyady eine Partie. "Wir haben uns gegenseitig gepusht."

Aufs Eis geht Michael Hadschieff so gut wie gar nicht mehr. Das hat mit Erinnerung zu tun, mit der Erinnerung an die Schmerzen. "Als Eisschnellläufer wartest du immer auf den Schmerz. Er kommt in jedem Rennen." Es ist oft gewaltig gewesen, dieses Brennen in den Oberschenkeln, damals, in der Karriere davor. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 5.11.2012)

  • Es war um 1990, und es war in Wien. An einem 22. Dezember und am Eisring Süd, wo damals die österreichische Meisterschaft stattfand. Michael Hadschieff steht am Start, bald wird er unterwegs sein zu einem seiner gut 35 Meistertitel.
    foto: apa/scharr

    Es war um 1990, und es war in Wien. An einem 22. Dezember und am Eisring Süd, wo damals die österreichische Meisterschaft stattfand. Michael Hadschieff steht am Start, bald wird er unterwegs sein zu einem seiner gut 35 Meistertitel.

  • Hadschieff reist von Uni zu Uni, redet mit Rektor um Rektor.
    foto: apa/pfarrhofer

    Hadschieff reist von Uni zu Uni, redet mit Rektor um Rektor.

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