Wikirating: Mit der Crowd gegen die Krise

Dorian Credé über Crowdbewertungen und warum die Masse klüger ist als Ratingagenturen

Dorian Credé, seines Zeichens Unternehmer mit Fokus auf IT und den Finanzsektor, hatte am Samstagabend die Gelegenheit, bei der TEDx Vienna 2012 über das vor zwei Jahren gestartete Projekt Wikirating zu sprechen.

Im Laufe der Finanzkrise wurde immer stärker Kritik an den großen und einflussreichen Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody'S und Fitch laut. Deren Bewertungen, die zunehmend von Staaten auch als Bedrohung aufgefasst wurden erwiesen sich nicht selten als verfehlt.

Vom toten Ochsen ...

Credé ist überzeugt, dass die Crowd es besser machen kann, auch wenn sie mehrheitlich nicht aus geschulten Wirtschaftsexperten besteht. Eine Begründung mit historischen Wurzeln. 1906 besuchte der britische Naturforscher Francis Galton eine Nutztiermesse und versuchte im Rahmen eines Experiments zu beweisen, dass die Masse an Menschen dumm sei. Für einen kleinen Obulus konnten Besucher das Gewicht eines geschlachteten Ochsen schätzen.

Rund 800 Personen, großteils Laien im Landwirtschaftsgewerbe, gaben ihre Schätzung ab. Obwohl der Großteil der Antworten weit vom tatsächlichen Ergebnis abwich, war der Mittelwert annähernd korrekt. 1198 Pfund wog das Tier, bei 1207 lag der Durchschnitt . Eine Abweichung von lediglich 0,8 Prozent. Ein Prinzip, dass sich Wikirate zu Nutze machen will.

... zum Credit Rating

Wie die viel gescholtenen Agenturen sollen die Teilnehmer der Plattform Länder jeweils ein "Credit Rating" verpassen. Genutzt wird die gängigste Skala, die sich von AAA bis D erstreckt. Ein "Credit Rating" beschreibt, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Land oder Unternehmen ihm geliehenes Geld wieder zurückzahlen kann. Das Ergebnis beeinflusst nicht nur, wieviele potenzielle Geldgeber gefunden werden können, sondern auch den Zinssatz. Es gilt der Grundsatz: Je niedriger das Rating, desto höher der Zinssatz.

Besser als Moody's ...

Dabei wird das Wissen der Crowd oft mit dem demokratischen Prinzip verwechselt. Es geht aber darüber hinaus. Das demokratische Prinzip berücksichtigt Mehrheiten, ein auf dem Wiki-Konzept basierendes Crowdsourcing-System jeden. Seine gewagte Behauptung. "Würden Ratingagenturen so gut arbeiten, hätte es nie eine so große Finanzkrise gegeben."

... und kritischer als Fitch

Den Unterschied zwischen den von wenigen Experten erstellten Bewertungen und jenen der Masse wird schnell klar. Nicht nur traut sich die Crowd breitere Aussagen zu und gibt Bewertungen für mehr Länder (aktuell benötigt jedes Land mindestens zehn Ratings, um eine gültige Bewertung zu erhalten), das Ergebnis fällt auch deutlich weniger positiv aus.

Wo Fitch, wie sich per Internetrecherche schnell herausfinden lässt, den Vereinigten Staaten im Juli noch eine hohe Kreditwürdigkeit bescheinigt, liegt der für die Weltwirtschaft so wichtige Staat beim aktuellsten Wikirating (Stand: Oktober) ungefähr im Bereich einer mittleren B-Wertung. Auch ein großer Teil der Eurozone steht hier schlechter da. Dafür schneiden andere Länder, beispielsweise Argentinien sowie große Teile Südostasiens signifikant besser ab.

"Das beste Modell sind die Leute selbst"

Je mehr an einem Projekt wie Wikirating teilnehmen, desto zuverlässiger sind die Ergebnisse, so Credé. Sein Vertrauen in die Masse ist groß. "Wir reden immer über das Verhalten des Marktes, doch der Markt ist kein abstraktes Ding. Kein mathematisches Modell kann ihn voraussagen. Das beste Modell sind die Leute selbst." (Georg Pichler, derStandard.at, 04.11.2012)

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23 Postings
Das funktioniert aber nur...

wenn die crowd nicht

- selbst beteiligt ist: So ist gerade die sub-prime krise eine Krise der Masse, eines Massenproduktes. Wer gesteht sich schon ein, dass die eigene lage schlecht ist.
- genügend informationen über freie Medien vorhanden sind: Gerade Regierungen neigen dazu, Probleme zu verstecken. Ansonsten regiert das Klischee.

Ein kleinerer Kreis hat tendentiell Zugang zu weniger Informationen. Zusätzlich haben die Eigeninteressen der Mitglieder einen anteilsmäßig größeren Einfluss. Umgekehrt mittelt sich dieser bei größeren Gruppen mit diverseren Agenden eher aus.

Genau so funktioniert die freie Marktwirtschaft

Jeder gibt mit seinem Einkauf sein tägliches Rating ab, und jene, die den meisten Nutzen für ihre Kunden bringen sind oben, und wenn nicht, dann sind sie sehr schnell unten.
Leider gibt es noch immer Leute, die glauben, es bedarf staatliche Eingriffe in den Markt. Wahrscheinlich weil sie glauben, die Masse kann ja gar nicht richtig liegen.

dumm nur dass die crowd fehlt

schönes beispiel mit der viehmesse, nur schaffts keins der länder die 800 bauern zu erreichen.
bei der aktuellen periode, 18.11.11-17.10.12 schaffts die schweiz als meistgevotete grad mal auf stolze 499 bewertungen, österreich ist mit 269 sogar noch auf platz 5, und ab platz 20 sinds schon unter 100. belgien kommt grad noch auf 60, und die 20 leute die island oder zypern oder sloweinein bewertet haben können ja auch nicht irren.
solang da nicht ein paar millionen votes existieren ist ja alles wertlos, wär ansonsten ja viel zu leicht manipulierbar.

Leichter als bei den aktuellen Ratings wirds schon nicht manipulierbar sein.

Ich mag die Idee sehr. Meine Hauptsorge sind aber von Regierungen bezahlte Schoenredner, die die Wirtschaft eben dieses Landes schoenreden. Wie steuert man solcher Korruption entgegen? Ich kann mir zB vorstellen, dass China eine Menge Leute dafuer findet.

finde den ansatz interessant. mehr verbocken als die großen drei kann mans kaum noch und politisch ist es sicher nicht weniger neutral..eher mehr.

Was der Artikel nicht erwähnt ist, dass die Idee auf der sog. "Weisheit der Vielen" beruht.

Darin wird zum Beispiel beschrieben, dass die Besucher einer Vieh- Ausstellung schätzen sollten welches Gewicht ein bestimmtes Rind hat. Der Mittelwert der einzelnen Schätzwerte war dabei am genauesten am tatsächlichen Gewicht.

Hier der ganze Wiki Artikel:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_... der_Vielen

Georg Pichler
016
5.11.2012, 00:18

Ich weiß zwar nicht, wie das geht, aber Sie haben offenbar zwei komplette Absätze des Artikels übersehen (und zwar den 3. und 4.) :]

viele kommen halt nur zum posten vorbei, das heisst sie lesen gerade mal die überschift und posten dann direkt ihren sempf dazu ...

hab ich selbst gelesen. übrigens ein sehr gutes und empfehlenswertes buch.

Danke für den Tipp. Kommt auf meine Liste.

lächerlich

die usa soll nur ein mittelmäßiges rating haben? $ weltreservewährung, die FED die notfalls jede us-anleihe aufkauft; ein land, dass sich großteils selber versorgt (exp/imp quote ca 10%), deren abgabenquote noch lang nicht europäisches niveau erreicht hat.

und japan mit über 200% verschuldung hat ein toprating. da fließen 50% der steuereinnahmen in den zinsendienst. rofl

der vergleich mit der kuh hinkt. ein passendere analogie: man lässt die leute schätzen, wieviel eine aus unbekannten material (von stroh bis gold) gefüllte kuh wiegt ;)

exakt

10 Ratings seien also ausreichend für die Simulation dieses Marktmechanismus (ggü. den 800 bei der Kuh, vor Ort, btw und nicht irgendwelche, medial verblendete Oberchecker und Weltverbesserer am Bildschirm. Wenn Märkte schon Tendenzen zu Herdenverhalten haben, ist das natürlich bei einer konsequenzenlosen One-Click-Vote überhaupt kein Thema, hahaha)
Und natürlich sind da überhaupt keine Probleme mit Anlegerinteressen, auf dass ich massig Leute schmier' um ein mir als Anleger genehmes Rating zu induzieren, dass meiner Anlagestrategie sehr gelegen kommt...
Btw.: Chartbin scheint ja eine recht feine Seite zu sein, aber dass der Sudan immer noch ein ganzes ist tut beim hinschauen weh.

dafür fehlen politische ratings (argentinien, USA), vor allem aber kann man die masse nicht für falsche entscheidungen bezahlen.

Eine unsinnige Idee. Denn Crowdratings GIBT es schon - man nennt sie Wertpapierkurse. Ratingagenturen braucht man eben deshalb weil sie im Gegensatz zu jenen die selbst angelegt haben den Luxus genießen objektiv berichten zu können.

in gewisser weise stimmt das aber schon...

Weil Mitglieder von Rating-Agenduren nicht auch selbst direkt oder indirekt investieren.

Wenn ich mir auf http://www.wikirating.org/wiki/List... ing_(Poll) ansehe, auf welchem Platz die USA landen und welche Länder angeblich eine geringere Zahlungsausfallwahrscheinlichkeit haben sollen, zweifle ich irgendwie daran, dass die "Crowd" hier sinnvolle Ergebnisse erzielt.

das problem sind nicht die rating agenturen!

das system bewertung durch die masse gibts schon lange, nennt sich "markt".
das problem ist dass in diversen regulatorien eine bewertung durch eine rating argentur zwingend vorraussetzt wird.

Sie wollen also objektive Information beseitigen? Klingt nicht sehr sinnvoll!

objektive bewertung?

woher willst das wissen

das einzige was klar ist, dass nicht klar ist wie bewertet wird

... und dieses Rating dann bindend für die Entscheidungsfindung ist.

Ein nicht unwesentlicher Aspekt, den sie vergessen haben zu erwähnen. Weil das verpflichtende Rating alleine ist noch immer nicht das Problem. Es wird erst zum Problem wenn es zur verpflichtenden Entscheidungsgrundlage ohne Spielraum zur Abweichung wird!

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