"Vielleicht kommt irgendwann die Post-Privacy-Idylle"

Interview |
  • Data Dealer: Kaufen und Verkaufen personenbezogener Daten als Spiel zur Sensibilisierung im Umgang mit der Privatsphäre.
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    Data Dealer: Kaufen und Verkaufen personenbezogener Daten als Spiel zur Sensibilisierung im Umgang mit der Privatsphäre.

  • Wolfie Christl
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    Wolfie Christl

Wolfie Christl im Interview über sein Datensammel-Spiel "Data Dealer" und Privatsphäre im digitalen Zeitalter

Eine Milliarde Facebook-User. Auf den Servern des sozialen Netzwerks sind Daten von Menschen in nie da gewesenem Umfang abgespeichert. Freiwillig geben Millionen Nutzer intime Details von sich Preis. Neben Uploads von Urlaubsfotos und Likes für den Lieblingsfilm werden die Daten durch Self-Tracking-Systeme ergänzt. Wie viele Kilometer bin ich heute gelaufen? Welche Radstrecke habe ich zurückgelegt. Wie viele Kilo habe ich abgenommen? Immer offenherziger gehen Menschen mit diesen Informationen um, auf denen Unternehmen ihr Geschäftsmodell aufbauen, Daten sammeln und verkaufen.

Wolfie Christl ist Mitentwickler von "Data Dealer", einem Game, das spielerisch auf diese Entwicklung aufmerksam machen soll. Der WebStandard hat mit ihm auf der TEDx Vienna darüber gesprochen.

derStandard.at: Was erhofft ihr euch mit eurem Spiel?

Christl: Wir haben im April im deutschen Sprachraum die Demoversion veröffentlicht. Das hat extrem gut funktioniert und war in allen großen deutschsprachigen Zeitungen - von Boulevard bis Feuilleton bis Fernsehen usw. Und wir arbeiten jetzt gerade an der internationalen Social Game Version und wir erwarten uns, dass das wirklich größere Aufmerksamkeit hervorruft - mindestens fünzig- bis hundertausend SpielerInnen täglich.

derStandard.at: Das Spiel gibt es auch als Facebook-Version, ist das nicht ein Widerspruch oder genau eurer Zielgruppe, die ihr ansprechen wollt?

Christl: Das hat mehrere Komponenten. Erstens einmal ist es die Zielgruppe und zweitens hat es natürlich einen gewissen "Schmäh". Aber es ist nicht nur ein Facebook-Game. Es ist in erster Linie ein Browser-Game, ein Social Game, das unabhängig von Facebook bedienbar ist. Inbesonderes mit unserer schönen Adresse facebook.com/datadealer können wir sehr gut arbeiten.

derStandard.at: Wenn Menschen von sich aus nichts online preisgeben, werden trotzdem Daten gesammelt, die Datensammelunternehmen verwenden können?

Christl: Natürlich. Erstens gibt es die ganz altmodischen Adresshändler oder Data Brokerage Companies, die extrem viel Daten sammeln aus allen möglichen Quellen. Außerdem ist es ja auch so: nur weil man nicht bei Facebook ist, bedeutet das nicht, dass Facebook keine Daten über einen hat. Weil irgendwer von den Freunden oder Freundinnen hat sicher (auf ihr Handy) das Telefonbuch aufgeladen und dann hat Facebook schon mal die E-Mail-Adressen und Telefonnummern. Das heißt es ist so gut wie jeder Österreicher und Österreicherin wahrscheinlich erfasst, auch wenn man nicht auf Facebook ist.

derStandard.at: Eure Intention ist ähnlich wie die von Max Schrems (von der Initiative Europe vs. Faecbook), allerdings auf einer anderen Ebene. Was halten Sie davon Unternehmen zu Klagen, dass Datenschutzrichtlinien eingehalten werden?

Christl: Ich glaube, dass Max Schrems' Vorgangsweise auf jeden Fall sinnvoll ist, und ich unterstütze das sehr. Wir haben aber eine ganze eine andere Herangehensweise gewählt. Wir versuchen mit Data Dealer hauptsächlich ein bisschen mehr Wissen zu vermitteln. Wissen über das, welche Daten gesammelt werden, wofür kann man die verwenden, was kann man mit diesen Personendaten machen? Das ist auf jeden Fall ganz zentral und unser Hauptzugang im Moment.

derStandard.at: Wie wird sich dieser Trend Ihrer Meinung nach weiterentwickeln? Hat man in Zukunft überhaupt noch eine Privatsphäre?

Christl: Das ist sehr schwer zu sagen. Es kann natürlich sein, dass es irgendwann die sogenannte "Post Privacy Idylle" gibt, wo alle Daten von allen Menschen, Individuen gleich offen liegen. Nur solange es da so große Asymmetrien gibt - ich glaube nicht, dass im Moment einzelne Individuen die gleichen Möglichkeiten wie große Firmen oder staatliche Behören haben, mit diesen Daten zu operieren - solange es also diese Unbalance gibt, kann das desaströse Konsequenzen haben. Und genau darum kümmern wir uns. (Birgit Riegler, derStandard.at, 7.11.2012)

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