Europas schiefer Blick auf Amerika

Kommentar der anderen2. November 2012, 19:18
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Sechs Vorurteile über den Zustand der Vereinigten Staaten aus der Perspektive einer gemäßigten Republikanerin

Gut, dass die Wahl des US-Präsidenten am kommenden Dienstag nicht von den Medien in Paris, Brüssel oder Berlin entschieden wird.

 

Noch zwei Tage, dann ist dieser Wahlkampf endlich vorbei. Die meisten Amerikaner, die wie ich in Europa leben, werden froh darüber sein. Alle vier Jahre müssen sie das triste Bild ihres Landes ertragen, das europäische Medien mit ihrer Außensicht zeichnen. Alles, was in den USA anders läuft, wird nicht nur kritisiert, sondern geradezu angeprangert. Da werden Vorurteile bedient, und kaum einer macht sich die Mühe, das amerikanische System ein wenig differenzierter zu beleuchten.

1. Die USA sind unsozial. - Entgegen der vielfach propagierten Meinung wendet Amerika rund 60 Prozent des föderalen Budgets für Sozialausgaben auf. Es gibt insgesamt 79 verschiedene Sozialprogramme. Private und staatliche Hilfsprogramme ergänzen einander und stellen sicher, dass niemand durch das soziale Netz fällt. Dazu kommt, dass die Charity-Kultur in den USA viel ausgeprägter ist als in Europa. Wer es drüben "geschafft" hat, gibt der Gesellschaft, die ihm diesen Erfolg ermöglicht hat, gerne etwas zurück.

2. Die USA haben keine funktionierende Gesundheitsversorgung. - Die in vielen europäischen Medien kritisierte vor "Obamacare" fehlende verpflichtende Gesundheitsversorgung der ärmeren Bevölkerungsschichten ist ein Mythos. Sowohl Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, als auch Pensionisten hatten sehr wohl eine staatliche Krankenversicherung. Der Großteil der arbeitenden Bevölkerung hat allerdings eine private Krankenversicherung oder ist durch den Arbeitgeber versichert.

Bei jenen 16 Prozent der US-Bevölkerung, die nicht krankenversichert sind, handelt es sich hauptsächlich um junge Leute, die überzeugt sind, keine zu brauchen, oder um illegal in den USA lebende Menschen, die auch in Europa keine Krankenversicherung hätten. Hat Amerika also wirklich "Obamacare" gebraucht, um sozialer zu werden? Ich glaube nicht. Obwohl ich persönlich der Meinung bin, dass eine Krankenversicherung so wie eine Autoversicherung Pflicht sein sollte. Es hätte also genügt, wenn Arbeitgeber verpflichtet worden wären, den Arbeitnehmern Gruppenversicherungen anzubieten, die natürlich nicht einseitig kündbar sind. Diese Meinung scheinen offenbar die meisten Amerikaner zu teilen, sonst hätten sie Präsident Obama durch Kundgebungen und Märsche zum Capitol unterstützt, als er dafür kämpfte.

3. Amerika ist arm. - Kein Zweifel, die Bilder über das sogenannte "arme Amerika" sind kein Aushängeschild für uns. Dazu zwei Zahlen. Die Sozialhilfe für ein Ehepaar mit zwei Kindern beträgt in den USA ungefähr 26.000 Dollar netto pro Jahr, für vier Kinder 35.000 Dollar. Damit können viele Menschen in einer würdigen Art und Weise leben. Die sogenannten Armenviertel sind kein US-amerikanisches Phänomen. Es passiert auf der ganzen Welt, dass große Firmen schließen oder absiedeln. Dann gehen Jobs verloren und ganze Straßenzüge verwahrlosen.

Auch die Obdachlosen sind immer wieder Ziel von Sorge und Kritik. Und natürlich tut es auch mir weh, diese Menschen auf den Straßen zu sehen. Man mag hier verschiedener Meinung sein, aber in den USA gestattet man ihnen, so zu leben, wie sie wollen. Sie werden daher nicht aufgefordert, Hilfe anzunehmen. Viele von ihnen melden sich nicht bei den Behörden als Bedürftige, haben daher kein Anrecht auf Sozialleistungen und sind auf private, oft vom Staat unterstützte Initiativen angewiesen. Es handelt sich bei diesen Hilfsprogrammen und Unterkünften keineswegs um Einzelfälle. Es gibt sie in allen Städten und Gemeinden, und sie sind für alle da, die Hilfe brauchen.

4. Die Infrastruktur ist desolat. - Man kann nicht leugnen, dass viele Straßen, Brücken oder auch Bahnstrecken einer Sanierung bedürften. Es ist allerdings schwer, die amerikanische mit der europäischen Infrastruktur zu vergleichen. Großteils liegt diese in der Verantwortung der einzelnen Bundesstaaten und ist durch Bonds finanziert. Besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten haben Infrastrukturinvestitionen daher nicht oberste Priorität bei den Bürgern, die dann solche Initiativen auch oft nicht unterstützen. So hat beispielsweise der Gouverneur von New Jersey die schon beschlossenen zwei neuen Tunnelspuren durch den Hudson River nach Manhattan auf Eis gelegt, obwohl Washington die Hauptfinanzierung übernommen hätte. Er wollte jedoch seine Bürger in diesen Zeiten keinen zusätzlichen Belastungen aussetzen.

5. Die USA tun nichts gegen ihre Staatsschulden. - Neben der Wirtschaftskrise bereitet vielen Amerikanern die enorme Staatsverschuldung und das gewaltige Budgetdefizit Sorge, das in den vergangenen vier Jahren über eine Billion Dollar jährlich betrug. Dazu gehören auch die viel verspotteten Anhänger der Tea Party.

Sie mögen einem in vielerlei Hinsicht unsympathisch sein; auch ihre Ansichten wirken oft verstörend. In einem Punkt verdienen sie aber Respekt: Sie waren unter den Ersten, die mehr Budgetdisziplin und Sparmaßnahmen von den Politikern forderten. Denn: Die Staatsausgaben für Gesundheits- und Wohlfahrtsprogramme sowie für die Pensionsversicherungen sind nicht mehr tragbar und müssen dringend reformiert werden, um einen Kollaps zu verhindern.

6. Die Militärausgaben sind astronomisch. - Warum stopfen die USA ihre Budgetlöcher nicht mit den astronomischen Militärausgaben? Fakt ist: Kürzungen in diesem Bereich würden höchstens einen Bruchteil des jährlichen Defizits einbringen. Außerdem sind sich die meisten Amerikaner einig, dass 4,7 Prozent des BIP für Militärausgaben vertretbar und relativ wenig sind, um den Supermacht-Status zu erhalten. Er hat uns in der Vergangenheit gut gedient. Die Kuba-Krise unter Kennedy oder der Kalte Krieg wären vielleicht anders ausgegangen, wenn Amerika als verletzbar gegolten hätte. Wir können doch alle froh sein, dass Amerika weiterhin bereit ist, diese Verantwortung zu übernehmen.

Nicht jedes Bild ist also so, wie es scheint. Vor allem nicht den Europäern. Wären sie bei den Wahlen am kommenden Dienstag stimmberechtigt, würde der unumstrittene Sieger wohl Obama heißen. Weil aber die Amerikaner wählen, bleibt das Match bis zuletzt offen. (DER STANDARD, 3.11.2012)

Helene von Damm, Jg. 1938, war in den 1960er-Jahren persönliche Assistentin von Ronald Reagan und von 1983 bis 1985 US-Botschafterin in Wien.

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