Schinkels, Westenthaler: Das Leben danach

2. November 2012, 18:59
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Rindfleischerotik und ein politischer Nachruf in "News"

Zwei Grenzgängern wurden diese Woche in "News" ausführliche Würdigungen zuteil. Gemeinsam ist den beiden eine gewisse Reue, mit der sie auf Abschnitte ihres Lebens zurückblicken, auch wenn Peter Westenthaler und Frenkie Schinkels neben den guten Gründen für Reue und der Berührung mit Frank Stronach einiges auch nicht gemeinsam haben. "Grenzgänger Schinkels: Seine Erotikbilder sind keinem wurscht", schließt die Autorin der Seelenstudie von sich auf den Rest der Menschheit und glaubt, das mit einem Rückenfoto auch beweisen zu können: "Ein Mann mit Ecken und Kantwurst. Frenkie Schinkels' appetitliche Rückansicht ziert kein Speckgürtel, sondern Wurst." Von "Kantwurst" zwar keine Spur, doch was soll's - "Nacktheit", "kalauert kokett der bekennende Nudist Frenkie Schinkels, 'ist mir wurst'". Was nicht folgenlos bleibt. "Also legte er für den Genusskalender einer Großfleischerei ab, um jedem Betrachter ein Stück vom Schinkels zukommen zu lassen." Ein Anliegen, das er nicht vollends zur Zufriedenheit der Schreiberin erfüllt, muss sie doch feststellen: "Dass im Fleischerkalender von der Präsentation des Kavalierspitzes Abstand genommen wird, könnte zu Reklamationen führen."

Neben solcher Rindfleischerotik kommt auch der Intellektuelle Schinkels in all seinem Widerspruch zu seinem Recht. "Was den Titel seiner Anfang 2013 erscheinenden Autobiographie betrifft, verbittet sich der ehemalige Kicker, Trainer und 'Dancing Star' jegliche Schlüpfrigkeit." Was aber den Inhalt betrifft, da "'geht es ans Eingemachte', verspricht Schinkels Offenlegungen, die über das im Fleischerkalender Gebotene weit hinausgehen." Da könnte etwas dran sein. "Mein Leben besteht aus vielen Höhen und Tiefen. Ich habe Stronach und Haider erlebt, habe viel Blödsinn gemacht, meine Frau verloren, aber der Tenor des Buches soll lustig und unterhaltsam sein."

Das hinzukriegen wird Frenkie seit ganzes schriftstellerisches Talent auf die Fleischerwaage werfen müssen, inbesondere dort, wo er etwas "über den Fußballsport mitzuteilen hat. Wie war das, als ihn Frank Stronach zum Chefscout der Wiener Austria machte?" "Es gab in dieser Zeit Anrufe finsterer Gestalten, um Spiele zu manipulieren. Man wollte mich zu Spielertransfers bewegen, man hat mich bedroht." Künftige Mitglieder von Frank Stronachs Nationalratsklub sollten sich ihre Hingabe vielleicht noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Ein wenig könnten sie da von Peter Westenthaler lernen, dem "News" einen Nachruf widmet, als handle es sich um ein Opfer der Politik. Hat er doch nach einem "halben Leben in der Politik" nicht viel mehr zu sagen als: "Manchmal hast du körperliche Schmerzen, wenn du im Parlament sitzt und diese Ohnmacht verspürst. Weil sich nix ändert. Darum verabschiede ich mich aus der Politik." Ein Mensch, der mit Aufstieg und Glorifizierung, Ende und dem schmählichen Nachlass Jörg Haiders engstens verbunden war, aber dennoch lediglich spürt, dass sich "nix" ändert, lädt zu Zweifel an seiner Wahrnehmungsfähigkeit ein. Vielleicht liegt es daran: "Ich bin mittlerweile 22 Jahre in der Politik. Da stumpft man ab."

Abgestumpft war er nicht immer. "Ich habe sehr oft über die Stränge gehaut", liefert er späte Erkenntnis. "Ich stehe nicht an, heute zu sagen. 'Es tut mir leid.' Vor allem als Generalsekretär in den 90ern war das heftig, für meine weitere Entwicklung war das sicher nicht gut." Später wurde es besser. "Als Klubobmann einer Regierungspartei wurde ich dann eh umsozialisiert", gedenkt er der zivilisatorischen Ausstrahlung eines Andreas Khol. Die nächste Umsozialisierung verdankte er Frank Stronach. "Ich hatte einen tollen Job, ein Büro mit Aussicht ins Grüne und hab mehr verdient als jemals zuvor oder danach." Doch bald stand wieder ein Umsozialisierer auf der Matte. "Du musst Spitzenkandidat bei der Nationalratswahl 2006 werden", lockte Jörg Haider. Mit Stronach habe er schon gesprochen - "ist schon erledigt".

Wenn sich trotz so vieler Umsozialisierungen hartnäckig das Gefühl hält, dass sich "nix" ändert, möchte man umso lieber der Umsozialisierung ausweichen, die mit dem Wahltag droht. Also erinnert man sich der "körperlichen Schmerzen, wenn du im Parlament sitzt und diese Ohnmacht verspürst". Wenigstens verkauft er sich nicht an eine "Großfleischerei" oder droht mit Memoiren. Nein, "ich habe vor zweieinhalb Jahren die Immobilienberaterprüfung gemacht und ein kleines Holzhäuschen auf einem Weinhügel gekauft". Endlich leben! (Günter Traxler, DER STANDARD, 3.11.2012)

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