Junge Männer, Hand in Hand

Kolumne2. November 2012, 18:39
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Andere Länder, andere Sitten

Andere Länder, andere Sitten. Auf einer Reise nach Kaschmir bin ich kürzlich etlichen jungen Männern begegnet, die Hand in Hand miteinander über Straßen und Märkte flanierten, wie man das in Indien oder im arabischen Raum eben häufig zu sehen bekommt. Im Westen dagegen ist die öffentliche zwischenmännliche Handreichung so gut wie ausgestorben. Das letzte Mal, dass ich mit einem anderen Mann Hand in Hand gegangen bin, war im Kindergarten.

Eigentlich erstaunlich, dass dieser zauberhafte Brauch bei uns unter Erwachsenen so völlig aus der Mode gekommen ist. Das Hand-in-Hand-Gehen hat auch unter Männern viele Vorteile. Man friert nicht. Zu zweit kommt man leichter durchs Leben. Und man hat nie das Gefühl, verlorenzugehen.

Irgendjemand muss uns Männern das Hand-in-Hand-Gehen nach dem Kindergarten gründlich abgewöhnt haben. Ist es die Angst vor Bazillen? Oder die Furcht, als homosexuell zu gelten? Unfug. Erstens kann man auch als Heterosexueller mit einem anderen Mann Händchen halten. Und selbst wenn man sich als Homosexueller outete: Das sollte doch in einer liberalen westlichen Gesellschaft und fast ein halbes Jahrhundert nach der "sexuellen Revolution" kein echtes Problem mehr sein.

Für Touristen, die erstmals nach Delhi oder Mumbai reisen, sind nicht die heiligen Kühe oder hinduistischen Kasten der größte Kulturschock, sondern die händchenhaltenden Männer. Der indische Fernsehhumorist Cyrus Broacha hat in seinem Buch The Average Indian Male ein paar Gründe formuliert, warum indische Männer einander die Hände halten, frei nach dem Motto: Wer blöd fragt, verdient auch eine blöde Antwort. Warum halten indische Männer einander die Hände? Weil sie "am Handgelenk verletzt sind und nicht wollen, dass man das sieht". Weil der eine pathologisch faul ist und den zweiten braucht, um seine Hand zu bewegen. Weil es zwei Tänzer sind, die für ihre nächste Aufführung Probe tanzen. Weil es sich um zwei Synchronschwimmer handelt.

Wir sollten uns zu unserem eigenen Vorteil von der westlichen Hybris verabschieden und überlegen, ob wir dem Händchenhalten unter Männern nicht wieder mehr Popularität einräumen sollten. Sido, Dominic! Hört endlich auf zu streiten und gebt euch die Hand! Brave Buben. Ganz genau so gehört sich das. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

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