Obama findet erst am Schluss zur alten Form zurück

Analyse2. November 2012, 18:40
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Einige Aufgaben löste Barack Obama bravourös, doch er kommunizierte sie bei weitem nicht gut genug

Die Gesundheitsreform war bahnbrechend, seine rigide Wirtschaftspolitik bewahrte die USA vor einer Rezession.

 

Das Pult mit dem Amtswappen steht mitten in einer Trümmerwüste am Strand von Atlantic City. Der oberste Krisenmanager trägt Khakihosen und eine dunkelblaue Wind jacke - er klingt entschlossen wie ein kantiger General. Seine Haare sind grauer, seine Gesichtszüge härter als noch im Hoffnungsherbst des Jahres 2008.

"Ich habe meinen Leuten eingeschärft, dass wir keinen Amtsschimmel dulden", sagt Präsident Barack Obama und erklärt die "15-Minuten-Regel": Wer auch immer anrufe aus dem Katastrophengebiet, innerhalb einer Viertelstunde müsse sein Team eine schlüssige Antwort geben können. Das sei ein Befehl!

Schräg hinter dem Redner applaudiert ein sehr beleibter Mann, ein Koloss, dem Obama zuvor bei jeder Gelegenheit burschikos auf die Schulter geklopft hatte. Es sind Traumbilder für den Präsidenten: Er probt den Schulterschluss mit Chris Christie, dem Gouverneur von New Jersey - einem der wenigen Republikaner, die nicht automatisch alles schlechtreden, was aus dem Weißen Haus kommt. Exakt so wünschen sich Amerikaner ihre Politiker: hemdsärmelig, unkompliziert, ohne Scheuklappen.

Falls Obama die Wahl gewinnt, wird es heißen, lag es an seinem Auftreten nach dem Hurrikan Sandy: ein Brückenbauer, der das Brückenbauen schon verlernt hatte, sich aber in der Krise wieder darauf besann - so geht schon jetzt der Tenor der Kommentatoren.

Vor vier Jahren war der unerfahrene Senator aus Illinois angetreten, um Gräben zu überwinden, die in der Ära Bill Clintons und George W. Bushs aufgerissen worden waren. Obama glaubte an die Macht der Vernunft, an die Fähigkeit praktisch veranlagter Politiker, sich irgendwo in der Mitte zu treffen.

Kein Fan des Establishments

Was Obama kaum tat: um die Gunst der Gegenseite werben. Von den 104 Golfpartien, die er in vier Amtsjahren absolvierte, spielte er nur eine mit einem Republikaner. Folgt man dem nach wie vor bestens informierten Bob Woodward, dem Watergate-Enthüller, dann sitzt der Präsident lieber pünktlich um 18.30 Uhr mit seiner Familie beim Abendessen statt bei irgendeinem lästigen Dinner mit Abgeordneten. Die Rituale der Stadt sind ihm zuwider, die gesellschaftlichen Verpflichtungen ebenso wie die kleinen Scharmützel der Verhandlungen mit der Opposition. "Die Konservativen haben ihm eine Mauer in den Weg gestellt", meint Woodward. "Die Aufgabe des Präsidenten ist es, Breschen zu schlagen, Lücken zu finden. Obama hat es aber nicht getan."

In Sachen Polemik überließ "Mister Cool" das Feld anfangs komplett den Konservativen - aus dem Glauben heraus, dass sich rationales Denken schon durchsetzen werde. Die Rechnung ist nicht aufgegangen: Ungerührt ließen ihn die Republikaner abblitzen, etwa, als sie die Gesundheitsreform geschlossen ablehnten, obwohl sie wichtige Sozialgesetze früher zumindest fraktionsweise mitgetragen hatten. Obama reagierte auf die Fundamentalopposition und schlug, ganz gegen sein Naturell, bisweilen zynische, bittere Töne an. 2011 kanzelte er die zerstrittenen Parlamentarier ab, indem er ihnen die Disziplin seiner Töchter vorhielt: "Malia und Sasha haben ihre Hausaufgaben meistens einen Tag vor dem Abgabetermin erledigt. Der Kongress kann das auch."

Im Duell mit Mitt Romney konzentrierte er sich wochenlang nur darauf, den Rivalen als Hedgefonds-Heuschrecke zu karikieren, statt deutlich zu machen, was er an eigenen Programmen zu bieten hat. Angesichts der Negativkampagne des Sommers klangen "hope" und "change" wie Fremdwörter aus einer längst verflossenen Epoche. Da war der Hoffnungsträger, die Stirn angestrengt in zornige Falten gelegt, nicht mehr er selber. Erst auf der Zielgeraden findet er - Sandy sei Dank - wieder zurück zu seinem alten Versöhner-Motiv.

Und die Bilanz? Obama ist kein Präsident, der das Land wie Franklin D. Roosevelt oder Ronald Reagan grundlegend verändert hätte. Wer ihn als Wiedergänger des verklärten John F. Kennedy feierte, sieht sich eines Besseren belehrt. Manches Projekt blieb liegen, etwa die Einwanderungsreform oder auch gewisse Klimagesetze, die Obama noch als Kandidat mit überlauten Fanfaren angekündigt hatte.

Es ist nicht so, dass nichts gelungen wäre. Obamas Wirtschaftspolitik verhinderte, dass die USA in eine Depression rutschten wie in den 1930er-Jahren. Er rettete die Autoindustrie Detroits, holte die Truppen aus dem Irak nach Hause, stellte die Weichen für einen Abzug aus Afghanistan und erwischte Osama Bin Laden, den Terror paten, mit dem die Amerikaner das Trauma des 11. September 2001 verbinden.

Innenpolitisch gelang Obama mit der Gesundheitsreform ein Meilenstein historischer Ausmaße. Außenpolitisch stimmte er seine Landsleute ein auf Zeiten neuer Bescheidenheit, in denen die Vereinigten Staaten das globale Mächtespiel nicht mehr so klar dominieren wie in der Ausnahmephase unmittelbar nach dem Kalten Krieg. Und doch: Das Gefangenenlager Guantánamo ist nicht geschlossen, der Friede in Nahost ist nicht nähergerückt.

Ein Teil der Enttäuschung geht sicher zurück auf die überfrachtete Erwartungshaltung, auf das Fieber um den "Messias" Obama. Dass er den Sinkflug der Wirtschaft abbremste, danken ihm seine Landsleute schon deshalb nicht, weil das durchschnittliche Haushaltseinkommen seit 2009 um mehr als vier Prozent gesunken ist. Es sei ungeheuer schwer, hypothetisch zu argumentieren, klagte Obama einmal dem Journalisten Jonathan Alter sein Leid. "Indem man sagt, wisst ihr, die Lage könnte heute noch viel schlechter sein."

Das Kommunizieren verlernt

Das Paradoxe ist: Der Wortkünstler, den sie als begnadeten Kommunikator feierten, scheint die Kunst des Kommunizierens verlernt zu haben. Er versteht es nicht, das große Bild zu skizzieren, zusammenhängend zu erklären, für welche Ziele er steht.

Nach Ansicht des New York Times-Kolumnisten David Brooks müsste er einfach mal eine Schweiß-und-Tränen-Rede nach dem Vorbild Churchills halten. "Wir befinden uns mitten in einem ökonomischen Wandel, mit zunehmender Ungleichheit, einem gelähmten politischen System, einem auf Dauer nicht finanzierbaren Wohlfahrtsstaat und gebrochener sozialer Mobilität. Wir werden nicht so bald wieder boomendes Wachstum haben, aber wir nutzen den Winter der Genesung, um unsere strukturellen Schwächen anzugehen." Auf solche Worte, so Brooks, warte das Land. Obama dagegen rede, als würde er eine Liste abhaken, Einzelposten für Einzelposten. (Frank Herrmann aus Washington /DER STANDARD, 3.11.2012)

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    Von Barack Obamas Heiligenschein des Jahres 2008 ist nur noch wenig übrig.

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