"Diesen Robotern habe ich nie zugesehen"

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  • Pater Maier, hier im Juli vor einer Werbetafel des ÖOC, hat "die reine Show nicht gebraucht". In London führte er "viele gute Gespräche".
    foto: apa/pessenlehner

    Pater Maier, hier im Juli vor einer Werbetafel des ÖOC, hat "die reine Show nicht gebraucht". In London führte er "viele gute Gespräche".

Bernhard Maier trat nach 30 Jahren als Olympia-Kaplan zurück. Gedanken macht er sich weiterhin - über die Gier nach Medaillen, ehrlichen Sport und Doping

Standard: Wieso sind Sie als Olympia-Kaplan zurückgetreten?

Maier: Ich hab das 30 Jahre lang gemacht, ehrenamtlich, unbezahlt. Es ist ein aufwändiges Amt, es ist kaum möglich, das locker nebenbei zu machen. Ich bin Schuldirektor, das ist meine Haupttätigkeit, auch hier werden die Anforderungen immer höher. Im Don-Bosco-Gymnasium in Unterwaltersdorf sind 60 Lehrer in 25 Klassen tätig.

Standard: Hatten Sie am Ende im Sport mehr zu tun als Anfang der 80er, als Sie begannen?

Maier: Es ist einfach immer mehr geworden. Das liegt auch daran, dass man so viele Leute kennenlernt, da kommen auch immer wieder Anfragen, Trauungen, Taufen, Besuche bei Verletzten. Als ich begonnen habe, war ich 30 Jahre jünger. Ich stehe zu meinen Grenzen, die ich merke. Von meinen sogenannten Sommerferien hab ich fünf Wochen in London verbracht, und vier Wochen habe ich Tag und Nacht das Schuljahr vorbereitet.

Standard: Wie bilanziert der Olympia-Kaplan die London-Spiele?

Maier: Was die sportliche Leistung angeht, gehe ich absolut mit der ÖOC-Analyse konform. Die Leistung der Mannschaft war ansprechend und teils sehr gut. Das Tüpfelchen, eine Medaille, hat halt gefehlt. Aber was ist schon eine Medaille? Nach zwei Monaten kräht doch kein Hahn mehr danach. Ein achter Platz im Hürdensprint-Finale, ein fünfter Platz im Beachvolleyball - tolle Ergebnisse. Klar, viele lechzen nach einer Medaille. Ich bin da nicht so gierig. Für einige ist ja tatsächlich schon das Dabeisein wie eine Medaille.

Standard: Die Olympia-Teilnahme an den Winterspielen 1984 in Sarajevo war Ihre erste, war das mit London vergleichbar?

Maier: Das war schlimmer. Weil wir ja eine Wintersportnation sind. Aber das haben wir auch überlebt. Ich sehe das nicht so hysterisch. Es gibt solche und solche Ausreißer. Wer hätte 2004 in Athen mit sieben Medaillen gerechnet? Und jetzt in London hatten wir eine sehr junge, ambitionierte und sympathische Mannschaft. Ich hab' höchsten Respekt vor Sportlerinnen und Sportlern, die wissen, dass sie nie besser sein werden als zwischen Platz 15 und 16 und die trotzdem diese Strapazen auf sich nehmen. Und vergessen wir bitte nicht die Paralympics, dort ist ja wiederum alles wie am Schnürchen gelaufen.

Standard: Sie haben nach den Spielen für die tägliche Turnstunde unterschrieben - aus Überzeugung? Steht auch der Schuldirektor hinter dieser Forderung?

Maier: Ich hatte kein Problem damit, das zu unterschreiben. Natürlich bin ich dafür, wer soll da dagegen sein? Als Schuldirektor wäre ich realistischerweise schon froh darüber, würden die Kinder wieder die Bewegung bekommen, die sie schon hatten. Eine halbe Turnstunde täglich in der Volksschule, vier Turnstunden in der Unterstufe, drei in der Oberstufe, das wäre schon etwas.

Standard: Und davon würde auch der Spitzensport profitieren?

Maier: Das muss er gar nicht. Der Sport ist letztlich auch kein Ernstfall des Lebens. Österreich geht es besser als vielen anderen Ländern, Gott sei Dank sind bei uns nur wenige Jugendliche arbeitslos. Was macht denn Ungarn mit seinen acht Goldmedaillen, außer sich kurzfristig darüber zu freuen? Ich möchte nicht tauschen mit diesem Land.

Standard: Gibt es Spiele, an die Sie sich besonders gern erinnern?

Maier: An praktisch alle. Was meine Arbeitsbedingungen angeht, war Turin 2006 sehr speziell. Das waren praktisch Heimspiele für mich, schließlich hat unser Ordensgründer Don Bosco in Turin gewirkt, und er ist dort begraben. Ich habe auch überaus günstig gewohnt, bei einem alten Pfarrer gleich unterhalb von Sestriere. Der hat immer gekocht, es war sehr gemütlich. Und ich war sofort bei den Wettkampfstätten. In Atlanta 1996 bin ich eineinhalb Stunden mit dem Bus ins olympische Dorf gefahren.

Standard: Turin 06 war aber auch der Dopingskandal-Schauplatz.

Maier: Das ist natürlich auch passiert. Aber ich beurteile Spiele vor allem von meinem seelsorgerischen Standpunkt. Es gab in Turin auch viele tolle Erfolge von Sportlern, die mit Doping gar nichts zu tun hatten. Der Dopingfall hat ja einen ganz speziellen Bereich betroffen. Ich setze mich viel mit dem Dopingthema auseinander, bin und bleibe in der Ethikkommission der Nada, halte an der Uni die Vorlesung "Einführung in die Sportethik".

Standard: Sind Sporterfolge ohne Doping möglich?

Maier: Einige meinen, das sind sie nicht. Ich kann es in vielen Sportarten nicht beurteilen. Aber natürlich gibt es Erfolge ohne Doping, natürlich gibt es ehrlichen Sport. Mich interessiert zum Beispiel die Champions League im Fernsehen überhaupt nicht. Ich schau gerne der Admira zu. Da sehe ich halt keine Spanier, sondern vielleicht einen Sieg gegen Mattersburg, das ist super! Klar ist die Champions League schön zum Zusehen, aber irgendwann kann ich dann auch Robotern zusehen.

Standard: Die Tour de France fesselt Sie also gar nicht?

Maier: Diesen Robotern habe ich nie zugesehen. Dort sind die Anforderungen so hoch, da werden die Leute ja dazu verführt zu dopen. Ich stehe zu einem guten Leistungssport, der muss nicht immer sensationell sein. Die reine Show brauche ich nicht. Ich brauche auch keine Roboter, die 100 Meter in 9,40 Sekunden laufen. Ich freue mich lieber, wenn unser Fünfkämpfer Thomas Daniel Olympia-Sechster wird.

Standard: Hat sich im Lauf der Jahre die Einstellung von Sportlern zu Kirche und Religion verändert?

Maier: Eine gewisse Offenheit habe ich immer gemerkt. Ich kenne wenige Sportler, die sich gar nicht für Religion interessieren. 2010 in Vancouver hatte ich sehr viele Gottesdienstbesucher, heuer in London waren es weniger, da war ich nicht so glücklich. Aber es waren auch viele neue Sportler dabei, und Vertrauen zu fassen, das geht nicht von heute auf morgen. Dafür habe ich viele, viele gute Gespräche geführt, natürlich auch viele tröstende Gespräche.

Standard: Sind Wintersportler religiöser als Sommersportler?

Maier: Verallgemeinern würde ich nicht. Natürlich spielt sich der Wintersport eher im Westen des Landes ab, dort gibt es schon mehr Kirchlichkeit als im Osten. Außerdem ist der Mannschaftsgeist im Winter stärker als im Sommer. Wenn ich da zwei, drei Sportler und einen Trainer für den Gottesdienst gewinnen kann, sitzt plötzlich die ganze Mannschaft da.

Standard: Ein österreichischer Ex-tremsportler ließ sich kürzlich aus großer Höhe zur Erde fallen. Haben Sie Felix Baumgartners Sprung gesehen, was halten Sie davon?

Maier: Ich habe das zufällig gesehen, weil ich meinen Ordensbrüdern beim Abendessen Gesellschaft leisten wollte, und die haben alle wie gebannt auf den Fernseher geschaut. Natürlich war es gschwind einmal ein bisserl aufregend. Aber ich kann dieser Leistung nichts Besonderes abgewinnen. Ich frage mich: Was hat das gebracht? Aber das frage ich mich auch bei Bergsteigern, die auf alle Achttausender wollen. Wahrscheinlich muss kein Sinn dahinterstecken.

Standard: Dann lieber die Admira?

Maier: Ich habe auch dort mein Amt als Seelsorger des Vereins zurückgelegt. Aber meine Jahreskarte werde ich schon noch nützen. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 03./04.11.2012)

BERNHARD MAIER (62) ist in Göppingen, Deutschland, geboren. In seiner Kindheit und Jugend war er begeisterter Straßenkicker. Als Zehnjähriger wurde er, auf Vermittlung eines Onkels, Schüler der Salesianer Don Boscos in Unterwaltersdorf. Mit 16 trat er in den Orden ein. Studium der Theologie und Sportwissenschaften in Wien. 1995 Promotion, 2006 Habilitation. Zahlreiche Publikationen. Folgte 1982 als Sportseelsorger dem verstorbenen Fritz Pechtl. Begleitete Österreichs Sportler zu 16 Olympischen sowie zu sieben Paralympischen Spielen. Seit 18 Jahren Schuldirektor des Don-Bosco-Gymnasiums in Unterwaltersdorf.

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