Mysteriöser Tod beim Snowboarden: "Es werden auch Mordfälle übersehen"

Interview3. November 2012, 16:12
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Der 2003 gefundene kanadische Eishockeyspieler MacPherson wurde in der Gerichtsmedizin lediglich identifiziert. Obduziert werde nur auf Anordnung der Staatsanwaltschaft, sagt Gerichtsmediziner Walter Rabl

STANDARD: 1989 ist der Kanadier Duncan MacPherson in Europa verschwunden, im Juli 2003 wurde seine Leiche am Stubaier Gletscher gefunden. Haben sich die Untersuchungsmethoden seit damals - das ist immerhin fast zehn Jahre her - verändert?

Rabl: Die Methoden der Morphologie sind schon seit Jahrzehnten, fast Jahrhunderten, die gleichen. Die größten Fortschritte gibt es am DNA-Sektor in der Molekularbiologie. Im Fall MacPherson hatten wir den Auftrag zur Identifizierung. Für eine Obduktion hätte es einen Auftrag von der Staatsanwaltschaft gebraucht. In diesem Fall hat die Befundlage aber zur Informationen gepasst. Es war eine Gletscherleiche, entsprechend postmortal verändert. Auch der Körper war nur mehr in Teilen vorliegend, alles typisch für eine Gletscherleiche mit dieser Liegezeit.

STANDARD: Über den Todesfall wurde ein Buch geschrieben. Es scheint am Behördenweg einiges schiefgegangen zu sein. Kommt das denn öfter vor?

Rabl: Ich kenne dieses Buch nicht. Wir haben aber einige Fälle, bei denen behauptet wird, dass einiges schiefgegangen sei. In fast jedem Fall gibt es offene Fragen. Das liegt in der Natur der Sache. Und teilweise auch bei den Leuten, die beteiligt sind.

STANDARD: Wie ist es, wenn Eltern direkt Kontakt mit Ihnen aufnehmen, wie im Fall MacPherson. Fühlen Sie sich diesen Opfern näher verbunden?

Rabl: Natürlich. In dem Moment, wo Angehörige da sind, kommt ein anderer Bereich ins Spiel. Da werden Untersuchungen emotional. Das ist nicht mehr nur rein professionell. Und ich versuche, offene Fragen der Angehörigen soweit wie möglich zu beantworten. Das gelingt mitunter, das hängt jedoch oft vom Zustand des Verstorbenen ab. Es bleiben, wenn man nur Knochenreste findet, viel mehr Fragen, als wenn man einen frischen Leichnam findet.

STANDARD: In Fernsehserien gibt es, egal wie die Leiche aussieht, immer ein Ergebnis. Kann eine Obduktion denn wirklich alle Fragen zur Todesursache beantworten?

Rabl: Bei einer frischen Leiche kann man mit sehr hohen Wahrscheinlichkeit die meisten der Fragen beantworten. Je schlechter der Zustand der Leiche wird - etwa wenn Organe von Maden aufgefressen wurden und fehlen -, desto schwieriger ist es. Ich kann keinen Schlaganfall diagnostizieren, wenn das Gehirn fehlt. Insgesamt ist die Obduktion aber die diagnostische Möglichkeit mit der höchsten Effizienz.

STANDARD: Derzeit werden unter 20 Prozent der Todesfälle obduziert. Sie fordern mindestens 30 Prozent. Warum?

Rabl: Auch um Tötungsdelikte zu klären. Es werden ja auch Mordfälle übersehen. Diese werden dann zufällig entdeckt. Das haben wir alle paar Jahre. Der Hauptgrund für eine vernünftige Obduktionsquote ist aber die Todesursachenstatistik. Wenn ich eine vernünftige TUS habe, dann kann ich die Gesundheitspolitik in die richtige Richtung lenken. Wenn jeder zweite Todesfall zum Herztod wird, hat man 50 Prozent Herzinfarkte. (Verena Langegger, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

WALTER Rabl (53) ist Gerichtsmediziner an der Uni Innsbruck. Zudem ist er Präsident der Österreichischen Gesellschaft für gerichtliche Medizin (ÖGGM).

  • Gerichtsmediziner Walter Rabl fordert, dass 30 Prozent der Todesfälle obduziert werden.
    foto: der standard/schwinghammer

    Gerichtsmediziner Walter Rabl fordert, dass 30 Prozent der Todesfälle obduziert werden.

  • 1989 ist der kanadische Eishockeyspieler Duncan MacPherson in Europa verschwunden, im Juli 2003 wurde seine Leiche am Stubaier Gletscher gefunden.
    foto: reuters/dominic ebenbichler

    1989 ist der kanadische Eishockeyspieler Duncan MacPherson in Europa verschwunden, im Juli 2003 wurde seine Leiche am Stubaier Gletscher gefunden.

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