Gesundheitssystem: Verkehr kostet jährlich 2,3 Milliarden Euro

2. November 2012, 18:00
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Unsere motorisierte Mobilität macht uns krank und reißt ein finanzielles Loch von 2,3 Milliarden Euro pro Jahr ins Gesundheitssystem. Neben den Schäden durch Feinstaub und Unfälle wurde erstmals erhoben, wie teuer und gefährlich auch Verkehrslärm ist

Wien - Was kostet die Welt? Bei der Annäherung an eine Antwort auf diese Frage ist der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) einen zumindest für Österreich bedeutenden Schritt weitergekommen. Die Organisation, die sich zur Hälfte aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen sowie zur Hälfte aus öffentlichen Geldern finanziert, hat errechnet, dass der Kfz-Verkehr das heimische Gesundheitssystem mit 2,3 Milliarden Euro pro Jahr belastet - und 3000 Menschen vorzeitig ins Grab bringt. Die Daten basieren größtenteils auf dem Forschungsprojekt "Health costs due to road traffic-related air pollution" der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Insgesamt betragen die Gesundheitsausgaben jährlich rund 31,4 Milliarden Euro in Österreich. Der also nicht unbeträchtliche Teil des krankmachenden Verkehrs hat laut VCÖ drei Ursachen:

Abgase: Schadstoffe wie CO2 und und vor allem ultrafeine Feinstaubpartikel verursachen laut Bettina Urbanek, VCÖ-Diplomingenieurin und Beiratsmitglied im Verkehrssicherheitsfonds des Verkehrsministeriums, die meisten verkehrsbedingten Toten und die höchsten Kosten: 2400 Todesfälle seien pro Jahr auf den Schadstoffausstoß zurückzuführen. Stickoxide, wie sie vor allem von Dieselfahrzeugen ausgestoßen werden, seien nicht nur krebserregend sondern beschädigten die Atemwege, beeinträchtigten die Lungenfunktion und verstärkten Allergien. Von den rund 2,45 Millionen Diesel-Pkw in Österreich haben zwei Drittel keinen Partikelfilter. Alles in allem schlägt sich das laut VCÖ in den Gesundheitskosten mit 1,4 Milliarden Euro nieder.

Unfälle: Die Zahl von tödlichen Verkehrsunfällen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen, 2011 verunglückten 523 Menschen im Straßenverkehr tödlich. Wobei für die Statistik eine einmonatige Frist ab Unfall gilt, spätere Todesfälle, auch wenn sie unmittelbar mit Unfallverletzungen zusammenhängen, werden nicht eingerechnet. Bei 35.129 Unfällen im Vorjahr wurden insgesamt 45.025 Menschen verletzt. Im Gegensatz zum rückläufigen Gesamttrend (minus 1,8 Prozentpunkte im Vergleich zu Unfällen 2010) gab es Anstiege bei Unfällen mit Radfahrern und Fußgängern. Die Kosten für Verkehrsunfälle im Straßenverkehr gibt der VCÖ mit 800 Millionen Euro an.

Lärm: Überraschende Daten präsentierte die Organisation zum Thema Verkehrslärm: 180 Menschen würden pro Jahr an Folgen des Verkehrslärms sterben. "Dauerhafter Verkehrslärm führt zu Schlafstörungen und versetzt den Körper in einen Stresszustand. Tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen können die Folge sein", sagt Urbanek und verweist auf eine dänische Studie, wonach dauerhafter Verkehrslärm bei Menschen über 65 das Schlaganfallrisiko signifikant erhöhe. Wer entlang einer starkbefahrenen Straße bei einem Lärmpegel von 70 Dezibel wohne, habe ein um 20 Prozent höheres Herzinfarktrisiko. In der Rechnung für die Belastung des Gesundheitssystems macht der Verkehrslärm 100 Millionen Euro aus.

Feineren Feinstaub messen

Als Gegenmaßnahmen schlägt der VCÖ einerseits vor, das flächendeckende Messstellennetz für Feinstaub aufzurüsten. Nur vereinzelt würde auch der superfeine Staub PM 2,5 (Partikel in Mikrogramm bis zu 2,5 Millionstel Meter Größe pro Kubikmeter) gemessen, aber genau dieser sei eben extrem gefährlich. Andererseits appellieren die Studienautoren an die Bevölkerung, auch ohne individuelle Verbrennungsmotoren mobil zu machen. Also mehr Zug und Radl fahren. 12.000 Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnten wahrscheinlich vermieden werden, wenn Frau und Herr Österreicher durchschnittlich 600 Kilometer pro Jahr mit dem Fahrrad zurücklegten.

Viel billiger würde die Welt dadurch vermutlich auch nicht. Der Astrophysiker Greg Laughlin von der kalifornischen Santa-Cruz-Uni hat 2008 ausgerechnet, dass Mutter Erde rund 3,5 Billiarden Euro wert ist. (Michael Simoner, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

  • Jedes Auto ein kleiner Sargnagel: Laut Verkehrsclub Österreich sterben 
jährlich 2400 Menschen an den Folgen des Schadstoffausstoßes.
    foto: der standard/robert newald

    Jedes Auto ein kleiner Sargnagel: Laut Verkehrsclub Österreich sterben jährlich 2400 Menschen an den Folgen des Schadstoffausstoßes.

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