Der Wert des Philosophierens

5. November 2012, 10:01
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Hilft philosophisches (Nach-)Denken? Nicht ohne Abstand zur Welt. Gelingt dieser aber, kann die Philosophie dazu beitragen, unsere Lebenswelten behutsamer zu gestalten und sogar zu verbessern. Ein erstes Plädoyer

Je tiefer die Krise, desto grundsätzlicher die Fragen. Das wäre aus der Sicht der Philosophie ein geradezu idealer Befund, wollte man dem oft strapazierten Gerede von der Chance in der Krise einen vernünftigen Gehalt abringen. Doch so weit sind wir noch lange nicht.

Diejenigen, die von der Krise betroffen sind, sind damit beschäftigt, sie zu überwinden - haben also keine Zeit für grundsätzliche Fragen. Diejenigen, die nicht von ihr betroffen sind, sind damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass dies auch so bleibt - auch sie haben keine Zeit dafür. Und ist die Krise erst überwunden, hat niemand mehr Zeit, denn dann gilt es mit aller Kraft verlorenen Boden wieder gutzumachen. Es gibt aber auch noch diejenigen, die das alles nicht mehr kümmert, weil sie sich ganz und gar zu den Verlierern zählen. Wer sollte also wann und vor allem warum philosophieren?

Epikur würde antworten: Jeder, der an seelischer Gesundheit interessiert ist. Wer nämlich niemals eine philosophische Anwandlung hatte, der neigt dazu, die Welt für selbstverständlich zu erachten. Die vertrauten Gegenstände stellen keine Fragen, und die unvertrauten Möglichkeiten werden verachtungsvoll von der Hand gewiesen. Mehr desselben ist das Ergebnis. Mehr Ausbildung, ohne jedoch mehr zu wissen. Mehr Lösungen, ohne die Probleme wirklich verstanden zu haben. Mehr Gewinn, ohne reicher geworden zu sein. Mehr Wohlstand, ohne sich wohler zu fühlen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Sobald die großen globalen oder die kleinen persönlichen Krisen im Bewusstsein der Menschen angekommen sind, sind Zurufe aus unterschiedlichsten Quellen zu vernehmen, was nun zu tun sei und wie ein neuer endgültiger Weg eingeschlagen werden könne, Rezepte, ad hoc zumeist mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Es bedarf wohl eines tiefergehenden Nachdenkens, und hier könnte man die Philosophie ins Spiel bringen. Aber hilft philosophisches (Nach-) Denken wirklich? Nein, muss man sagen, nicht unmittelbar, nicht wenn der Blick auf unsere Lebenswelt derselbe bleibt. Philosophieren heißt von der Welt Abstand nehmen. Erst in der kontemplativen Distanz zu ihr entsteht ein Raum der Freiheit und der Muße, in dem die intellektuelle Fantasie bereichert wird und Fragen gedeihen können, die andernorts, wo die Räume enger definiert und die Zeiten knapper bemessen sind, weder formuliert noch zugelassen werden.

Fragen über das Dasein des Menschen, das Wesen des Seins, die Existenz der Welt, die Möglichkeit von Erkenntnis - aber auch schlichte Fragen von der Art: Woran soll ich glauben? Und: Wie kann ein gutes Leben gelingen? Hierin liegt wohl der eigentliche Wert des Philosophierens, nicht nur in der Krise, denn in der Beschäftigung mit den großen Fragen verändert sich nicht nur unsere Auffassung von dem, was ist, sondern ganz wesentlich auch unsere Art zu denken.

Dieses Denken wirkt dann zurück auf die Lebenswelten, in denen wir uns bewegen, und vermag sie behutsamer zu gestalten, ja sie vielleicht sogar ein wenig zu verbessern. (Heinz Palasser, Bernd Waß, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

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