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Je tiefer die Krise, desto grundsätzlicher die Fragen. Das wäre aus der Sicht der Philosophie ein geradezu idealer Befund, wollte man dem oft strapazierten Gerede von der Chance in der Krise einen vernünftigen Gehalt abringen. Doch so weit sind wir noch lange nicht.
Diejenigen, die von der Krise betroffen sind, sind damit beschäftigt, sie zu überwinden - haben also keine Zeit für grundsätzliche Fragen. Diejenigen, die nicht von ihr betroffen sind, sind damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass dies auch so bleibt - auch sie haben keine Zeit dafür. Und ist die Krise erst überwunden, hat niemand mehr Zeit, denn dann gilt es mit aller Kraft verlorenen Boden wieder gutzumachen. Es gibt aber auch noch diejenigen, die das alles nicht mehr kümmert, weil sie sich ganz und gar zu den Verlierern zählen. Wer sollte also wann und vor allem warum philosophieren?
Epikur würde antworten: Jeder, der an seelischer Gesundheit interessiert ist. Wer nämlich niemals eine philosophische Anwandlung hatte, der neigt dazu, die Welt für selbstverständlich zu erachten. Die vertrauten Gegenstände stellen keine Fragen, und die unvertrauten Möglichkeiten werden verachtungsvoll von der Hand gewiesen. Mehr desselben ist das Ergebnis. Mehr Ausbildung, ohne jedoch mehr zu wissen. Mehr Lösungen, ohne die Probleme wirklich verstanden zu haben. Mehr Gewinn, ohne reicher geworden zu sein. Mehr Wohlstand, ohne sich wohler zu fühlen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Sobald die großen globalen oder die kleinen persönlichen Krisen im Bewusstsein der Menschen angekommen sind, sind Zurufe aus unterschiedlichsten Quellen zu vernehmen, was nun zu tun sei und wie ein neuer endgültiger Weg eingeschlagen werden könne, Rezepte, ad hoc zumeist mit wenig Aussicht auf Erfolg.
Es bedarf wohl eines tiefergehenden Nachdenkens, und hier könnte man die Philosophie ins Spiel bringen. Aber hilft philosophisches (Nach-) Denken wirklich? Nein, muss man sagen, nicht unmittelbar, nicht wenn der Blick auf unsere Lebenswelt derselbe bleibt. Philosophieren heißt von der Welt Abstand nehmen. Erst in der kontemplativen Distanz zu ihr entsteht ein Raum der Freiheit und der Muße, in dem die intellektuelle Fantasie bereichert wird und Fragen gedeihen können, die andernorts, wo die Räume enger definiert und die Zeiten knapper bemessen sind, weder formuliert noch zugelassen werden.
Fragen über das Dasein des Menschen, das Wesen des Seins, die Existenz der Welt, die Möglichkeit von Erkenntnis - aber auch schlichte Fragen von der Art: Woran soll ich glauben? Und: Wie kann ein gutes Leben gelingen? Hierin liegt wohl der eigentliche Wert des Philosophierens, nicht nur in der Krise, denn in der Beschäftigung mit den großen Fragen verändert sich nicht nur unsere Auffassung von dem, was ist, sondern ganz wesentlich auch unsere Art zu denken.
Dieses Denken wirkt dann zurück auf die Lebenswelten, in denen wir uns bewegen, und vermag sie behutsamer zu gestalten, ja sie vielleicht sogar ein wenig zu verbessern. (Heinz Palasser, Bernd Waß, DER STANDARD, 3./4.11.2012)
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Na ich weiß nicht, das kommt mir ein bisserl gar altvatrisch vor - diese Definition würde ich für echte, im Sinne von gelernten, Philosophen spätenstens sein Marx nicht mehr gelten lassen, aber auch der Deutsche Idealismus ist ja nicht nur auf Wegspacen ausgelegt.
Eine sehr romantische Vorstellung.
das ist ja das problem
schaun sie sich doch mal die kuttenträger an, die nicht nur über diese "großen fragen" nachdeneken, sondern vor allem behaupten, sie hätten die antwort...
über "das Wesen des Seins" könnens jahrelang nachdenken, ohne daß dabei mehr oder gültigeres herauskommt als etwas, das jeder und mit recht abtun könnte mit "jo, könnt eh so sein - oder halt ganz anders"
....und der Wert des Philosophierens:
Karriere: "Haben oder Schein"
Immobilien: "Alles fließt"
AutoMobil: "Wir wissen zwar nicht wohin aber wir sind schneller dort"
ZuZweit: "Wer bin ich und wenn ja wie viele"
ich finde in der heutigen Zeit geht es für viele Leute um Selbstoptimierung. Wo habe ich gute Karrierechancen, was soll ich lernen damit ich weiterkomme, oder wie in einer Firma: Kommunikationskurs für Führungskräfte für optimale Gespräche und Manipulationen. Und wenn die Leute dann wirklich ihre Position erreicht haben, haben die so viel Stress, dass sie zum Nachdenken gar nicht kommen. Eher als mit Philosophie beschäftigen sich Heerscharen von Menschen mit Marketing, und wie man ein Produkt am besten verkauft.
Finde das schrecklich, ist aber wohl das Zeichen unserer Zeit, aber auch nicht sinnlos.
Sinnvolles philosophieren braucht zwar auf jeden Fall weniger Stress als es in unserer Welt üblich ist, aber muss trotzdem in dieser Welt bleiben.
Insofern sehe ich den Anfang des Philosophierens darin, das Bestehende abzulehnen und in diesem Sinne zum eine darüber nachzudenken, warum das Bestehende ablehnenswürdig ist und zum anderen auf die Ursachen des Bestehenden zu reflektieren, deren Zufälligkeit herauszuarbeiten und Alternativen anzudenken.
Da gerade im "reichen Westen" das Bestehende nicht wirklich abgelehnt werden will (weil es natürlich mit dem unbedingt zu vermeidenden Eingeständnis versagt zu haben einher gehen würde) wird Philosophie hier allerhöchstens respektiert aber nicht nachvollzogen.
Nein, erst einmal von sich selbst. Das gilt auch für die Autoren. Und Glaube hat in der Philosophie keinen Platz, dafür gibt es die Religion oder die Esoterik. Man muß viel wissen, um zu wissen, dass man nichts weiß.
Ich meine, Phiolosophie braucht Platz und Raum, um auch Gedankenwege zu ermöglichen, die die eigene Lebensgestaltung, die eigene Lebensauffassung, das Umfeld - schlicht alles ad absurdum stellen dürfen. Solange man beim Denken beschränkt bleibt, weil gewisse Ergebnisse nicht sein dürfen, ist es schon kein Denken. Deswegen ist auch "positives Denken" keine Empfehlung, weil es Denkhemmung ist, Denkzensur. Ein gläubiger Philosoph müsste also zulassen können, dass am Ende seines Denkens sein Atheismus stehen könnte, und ein Atheist muss zulassen können, dass am Ende ein Glaube stehen könnte. Solange Weltbilder das Denken beschränken, wie auch political correctness, ist richtiges philosophieren nicht drin. Meine Erfahrung.
So geschehen beim vormals prominentesten Atheisten der Welt, der sich auf das sokratische Prinzip "Follow the argument, whereever it leads" berief, welches ihn dann prompt zum Theismus (bzw. Deismus) führte.
Aber was der dann anschließend für Prügel aus dem Atheistenlager einstecken musste, wo plötzlich nicht mehr coole Rationalität Trumpf war, sondern nur noch über seinen "Verrat" geschimpft wurde oder er schicht für "nicht mehr zurechnungsfähig" erklärt wurde ...
Erstens trifft das nicht auf eine Person zu, sondern auf einen Sachverhalt. Und zweitens weiß jeder, der wenigstens eine elementare Ahnung von der Materie hat, dass die Rechtfertigung von Glauben das zentrale Thema der modernen Erkenntnistheorie ist.
Umso amüsanter ist es, dass just jene unten sich äußernden Poster, denen diese Grundkenntnisse offensichtlich fehlen, ihre Ahnungslosigkeit mit erheiternd kindlichem Namedropping zu übertünchen versuchen.
Das Problem ist, dass beim Wort "Glauben" alle sofort an Religion denken; (begründetes) "Meinen" ist vielleicht besser geeignet um die Leute auf die Spur zu bringen, bzw. nicht gleich auf die Barrikaden im Denken zu springen.
Aber bei Erkenntnistheorie steigen die meisten sowieso aus, weil sie es für undenkbar halten, dass da überhaupt etwas nicht ontologisch sein soll.
ich vermute, quintus beckloeffel hätte nicht "glauben" geschrieben, wenn er darunter nicht "religiöser glaube" verstehen würde. seine ansichten zu gottesbeweisen etc. gehen aus seinen erzkonservativen postings deutlich hervor.
Der Glaube an Gott ist da nur einer von vielen - für den freilich dasselbe gilt wie für jeden anderen Glauben auch: Was er wert ist, hängt davon ab, wie gut das Argument ist, das ihm zugrunde liegt. Diesbezüglich gibt es keinen Unterschied zwischen dem Glauben des Physikers an irgendeinen physikalischen Sachverhalt und dem Glauben des Theisten an die Existenz Gottes. Insbesondere besteht diesbezüglich kein Unterschied zwischen Glauben des Atheisten an die Nichtexistenz Gottes und dem Glauben des Theisten an die Existenz Gottes. Niemand hat apriori - allein aufgrund des Inhaltes oder der Form seiner These - einen Plausibilitätsvorsprung. Es ist alles eine Frage der argumentativen Untermauerung des jeweiligen Glaubens.
aus der Begründungen des Glaubens gespeist werden können, nicht ausgeschlossen wird. Weder beim Glauben an einen physikalischen Sachverhalt, noch beim Glauben an Gott.
Und - vorausgesetzt man versteht unter "Glaube" ein "Für wahr halten" - denn sehe ich in der epistemischen Struktur keinen Unterschied zwischen naturwissenschaftlichem Glauben und religiösem Glauben. Kein Glaube - egal in Bezug auf welchen Sachverhalt - hängt begründungslos in der Luft. Irgendein Rest an Begründung, und sei er noch so rudimentär und unvollkommen, ist immer vorhanden. "Purer" Glaube ist für mich undenkbar.
Und unter dieser Voraussetzung geht es nur noch um die Güte der Begründung.
Glauben hat sicher einen propositionalen Inhalt, ist aber doch noch mehr, nämlich das personale Vertrauen auf Gott. Er hat auch einen Erfahrungsbezug, nämlich einerseits die Erfahrung der Geschöpflichkeit und andererseits die Erfahrung des Konfrontiertwerdens mit der christlichen Botschaft und ihrem Inhalt als der Antwort auf das Problem, wie überhaupt Gemeinschaft mit Gott möglich sein kann.
Aber der Glaube vertraut auf einen ("übernatürlichen") Sachverhalt, der die Vernunft übersteigt (also nicht in den Rahmen der Vernunft eingeordnet werden kann). Dennoch ist Glaube nicht irrational, weil alle Einwände gegen den Glauben mit Vernunftgründen abgewiesen werden können.
Zum anderen Glaubensaspekt, dem des "Vertrauens auf", den ich hier zum Zwecke der Komplexitätsreduktion ausklammere, will ich allerdings zweierlei anmerken:
Erstens steht er nicht unabhängig vom alethischen Glaubensaspekt ("Für wahr halten"), sondern gründet auf diesem. Denn in dem Maß (Wahrscheinlichkeit) in dem man den Satz "x existiert" für wahr hält, ist man - ceteris paribus - bereit, auf die Existenz von x zu vertrauen.
Zweitens unterscheidet sich der physikalisch Glaube auch in Bezug auf diesen Zusammenhang nicht vom religiösen Glauben. In dem Maß, in dem ein Mensch glaubt (für wahr hält), dass das Flugzeug nicht abstürzt, ist er bereit sich diesem Transportmittel anzuvertrauen.
ich weiß, dass das so irgendwo am I. vatikanum steht, aber es ist mir nicht ganz einleuchtend. in welchem sinn ist der gegenstand ein anderer? gehts nicht vielmehr um den je gleichen gegenstand (z.b. geschöpflichkeit), nur aus anderen perspektiven betrachtet?
Gegenstand der Vernunft ist alles Geschaffene, die ganze weite Welt unserer Erfahrung (von der wir auch mit der Vernunft erkennen können, dass sie ohne Gott nicht sein kann). Gegenstand des Glaubens ist allein unsere durch das "Wort Gottes" erkennbare Gemeinschaft mit Gott. Glaube ist eine Sache des Wortes (Offenbarung).
Dass sich die Welt im Glauben und im Unglauben völlig anders darstellt, ist zutreffend.
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