Montenegro will Nikolic-Bann lockern

2. November 2012, 16:52
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Der serbische Präsident wird von den meisten Staatschefs der Nachbarländer bisher gemieden

Montenegro versucht den Mediator zu spielen. Seit dem Amtsantritt des neuen serbischen Präsidenten Tomislav Nikolić am 11. Juni diesen Jahres, haben die regelmäßigen Kontakte zwischen den Präsidenten der Balkanländer drastisch abgenommen. Nun soll es ausgerechnet der kosovarische Präsident, Atifete Jahjaga, sein, der den regionalen Nikolić-Bann bricht. Der montenegrinische Präsident Filip Vujanović hat die Staatschefs Serbiens, des Kosovo, Albaniens und Mazedoniens zu einem Gipfel Ende des Jahres eingeladen.

Der kroatische und der bosnische Präsident sind allerdings nicht dabei. Die Beziehungen zwischen Bosnien-Herzegowina und Serbien sind zuletzt sogar auf einem Tiefpunkt angelangt. Denn der serbische Präsident hatte in einem Interview am 21. Oktober mit einem mazedonischen Sender gesagt, dass Bosnien „vor unseren Augen verschwindet". Die internationale Gemeinschaft sei daran gescheitert, einen funktionierenden Staat aufzubauen. Solange aber der „bosnische Staat existiere", werde Sarajevo für ihn dessen Hauptstadt sein.

Izetbegović empört

Der bosniakische Vertreter im bosnischen Staatspräsidium, der zur Zeit den Vorsitz inne hat, Bakir Izetbegović reagierte mit einem wütenden Brief, in dem er Nikolić vorwarf, die Beziehungen zu Bosnien-Herzegowina zu beschädigen. „Ihre Worte erinnern mich daran, was der wegen Kriegsverbrechen Angeklagte Radovan Karadžić 1991 gesagt hat, dass es die Hölle sein wird in Bosnien und dass das muslimische Volk verschwinden wird", schrieb Izetbegović.

Er nahm auch Bezug auf eine frühere Aussage von Nikolić, in der dieser den Genozid in Srebrenica geleugnet hatte, aber von einem „schrecklichen Versprechen" gesprochen hatte. Anstatt sich bei den Opfern zu entschuldigen, „beleidigen Sie sie grob", schrieb Izetbegović an Nikolić. Der bosnische Präsident sagte auch ein geplantes Treffen mit Nikolić, zu dem die Türkei im November eingeladen hat, ab. Die Aussagen Nikolićs würden zu Spannungen in der Region beitragen, sagte Izetbegović laut der Online-Zeitung Balkaninsight.

Nikolić verteidigt sich immer wieder damit, seine Worte würden aus dem Zusammenhang gerissen. In einem offenen Brief an Izetbegović, schrieb er drei Tage später, dass manche Politiker in der Region versuchen würden, seine Worte zu verfälschen, um Popularität zu gewinnen. Gegenüber dem US-Botschafter in Belgrad Michael Kirby, sagte Nikolić, das jüngste Beispiel dafür sei der Brief von Izetbegović. Man wolle damit die serbische Politik in ein schlechtes Licht rücken, berichtet Balkaninsight.

Nikolić wird seit Amtsbeginn von einigen Nachbarn gemieden. Der kroatische, der bosnische, der mazedonische und der slowenische Präsident waren gar nicht erst zu seiner Inauguration in Belgrad erschienen. Dabei waren es vor allem Josipović und der frühere serbische Präsident Boris Tadić, die in den vergangenen Jahren für Aussöhnung auf dem Balkan gesorgt hatten und erst kürzlich dafür in Brüssel ausgezeichnet wurden. Doch Nikolić hatte die Nachbarn bereits vor seiner Wahl mit einigen Aussagen verschreckt.

"Serbische Stadt Voukovar"

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte Nikolić gesagt, dass Vukovar „eine serbische Stadt war. Dorthin haben Kroaten nicht zurückzukehren." Tatsächlich war und ist Vukovar eine multiethnische Stadt. Serbische Freischärler und die Jugoslawische Volksarmee hatten Vukovar im November 1991 eingenommen, nachdem die Stadt 87 Tage lang bombardiert worden war. Es wurden schwere Kriegsverbrechen begangen, die kroatische Bevölkerung der Stadt wurde zum Großteil vertrieben. Vor dem Krieg lebten in Vukovar etwa 47 Prozent Kroaten und 32 Prozent Serben. Nach der Wiedereingliederung von Ostslawonien in den kroatischen Staat nach dem Krieg, leben heute mehrheitlich Kroaten in der Stadt (2001: 57 Prozent). Etwa 33 Prozent der Bevölkerung sind Serben.

Die kroatische Staatsführung wartet bis heute auf eine Art von Entschuldigung seitens Nikolić wegen seiner Aussage zu Vukovar. Montenegro versucht zwischen Belgrad und Zagreb zu vermitteln, damit etwa wieder ein Treffen der Staatschefs im Rahmen der Igman-Initiative stattfinden kann. (Adelheid Wölfl, derStandard.at, 2.11.2012)

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