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Als ich zu schreiben begann, war ich sieben Jahre alt. Das war keineswegs Wunderkindgehabe, sondern ein Akt reinster Verzweiflung. Wir standen knapp vor der Ausreise aus der UdSSR, von der ich nichts ahnte. Ich wusste weder, dass ich meine Verwandten erst als Volljährige wiedersehen und nicht wiedererkennen würde, noch, dass der Eiserne Vorhang auf meinem Weg lag. Und dass dieser sich unerwartet auflösen würde.
Unsere Ausreise war der Schule gemeldet worden, und meine Klassenkollegen wurden dazu angehalten, mich, das Volksverräterkind, zu meiden. Ich war plötzlich und unerklärlich und das erste Mal im Leben einsam. Die gewohnten Spielräume verschlossen sich plötzlich. Ich begann, mir eigene Welten zurechtzudrehen. Es war nicht viel mehr als ein Bewältigungsversuch. Auf einem Blatt Papier hatten ganze Heerscharen von Freunden und Abenteuer Platz. In Wien kam mir neben Verwandten und Freunden auch noch die Sprache abhanden.
Das heißt: Eine Sprache hatte ich natürlich schon. Aber ich hatte sie ganz für mich allein. Keiner verstand mich. Die Unterkunft war winzig, drei Betten, ein schmaler Spalt dazwischen. Das weiße Blatt Papier bot mir erneut dichtbevölkerte Welten. So wie ich meine Charaktere ins Unbekannte schickte, wurde ich selbst in die Schule geschickt. Sprachlos. Fassungslos. Freundlos. Irgendwann war die deutsche Sprache erobert, die Kontaktaufnahme erkämpft. Schreiben wich Umgangssprache mit Gleichaltrigen. Gott sei Dank.
Der Beginn war also ein Akt reiner Not und des Mangels. Aber warum in dieser Zwischenwelt verbleiben? Das geschriebene Wort ist das Gegenteil eines Mangels. Es eröffnet neue Welten, und es dokumentiert die bekannten. Bleibt. Tröstet. Rüttelt auf. Wenn ich nicht daran glauben würde, dass Kunst die Gesellschaft reflektieren und verändern kann, würde ich längst zum Schreiben aufgehört haben.
Kunst, die nichts bewegt, ist eine Fassade, ein buntbemaltes potemkinsches Dorf, hinter dessen Kartonoberflächen außer dem schönen Schein nichts existiert. Ich habe absolutes Vertrauen in die Kraft der Worte, der Gedanken, die frei sind und frei sein müssen. Das Gewährleisten dieser Freiheit - ein Grundstein der Demokratie - ist eine der wichtigsten Aufgaben des Staates und der Volksvertreter.
Und sollten sich diese nicht an den Vertrag halten, den sie mit dem Volk geschlossen haben, ist das hartnäckig geschriebene Wort die Möglichkeit, sie zu überführen und für Konsequenzen zu sorgen. Das wissen auch jene, die Josef Winkler nach seiner kritischen Rede zur Lage in Kärnten in seiner Meinungsfreiheit beschränken und abwerten wollen. Wissen ist Macht. Schreiben auch. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 3./4.11.2012)
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Sartres berühmter Satz, wonach der Schriftsteller dafür sorgen müsse, "dass niemand über die Welt in Unkenntnis bleibt", ist keineswegs obsolet geworden.
Und der Vorwurf, dass Literaten sich nicht in (politische) Dinge einmischen sollten, von denen sie nichts verstehen, erscheint mir ziemlich fragwürdig - zumindest solange Politik von intellektuellen "Fachleuten" wie Dörfler, Scheuch, Grasser & Co. gemacht wird.
Man muss froh sein, hierzulande, dass es Literaten gibt wie Julya Rabinowich, Josef Winkler, Elfriede Jelinek, Robert Menasse oder Robert Schneider, die - um den Norpois aus der "verlorenen Zeit" zu zitieren - sich der "großen Fragen" annehmen und damit mehr sind als nur "Flötenspieler".
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