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vergrößern 800x567Im Österreichischen Theatermuseum sieht man zurzeit Frederick Kieslers innovative Ideen bezüglich der Möglichkeiten, die Raumsituation des Theaters unkonventionell zu denken.
Der Nachhall der Explosion ist bis heute zu hören.
Wien - Die Guckkastenbühne war ihm ein Gräuel. "Die Bühne ist kein Knopfloch, das dekoriert wird. Die Bühne ist keine Kiste mit einem Vorhang als Deckel, in die Panoramen eingeschachtelt werden", sagte Friedrich Kiesler einst. "Die Bühne ist ein elastischer Raum. Sie ist ein völlig selbstständiger Organismus mit den Gesetzen der Technik unserer Zeit."
Kiesler, 1890 in Czernowitz geboren, ist als Architekt, Künstler und Utopist bekannt. Seine Entwürfe für das Endless House, ein wahnwitziges Einfamilienhaus mit amorph ineinandergreifenden Böden, Wänden und Decken, ist vielen ein Begriff. Und der Nachbau des anatomisch geformten Schaukelstuhls Correalistic steht wohl in jedem Designhotel zwischen Langenlois und Miami. Weniger bekannt ist, dass Kiesler den Großteil seines Lebens mit dem Bau von bisweilen frech avantgardistischen Kulissen und Bühnenbildern verbrachte. Das Theatermuseum widmet diesem Teil seines Schaffens eine umfangreiche Ausstellung: Die Schau mit dem Titel Die Kulisse explodiert ist auch eine Explosion der Inhalte und Querverweise.
"Kiesler ist ein Theaterrevolutionär, der vom Rand der Monarchie ins kulturelle Zentrum mit seinen vielen Palais und Boulevard-Theatern kommt, auf den Tisch haut und den Leuten klarmacht, dass es endlich Zeit für ein neues Theater ist", sagt Kuratorin Barbara Lesák. Der Lösungsvorschlag folgt prompt: Kaum hat er sein Studium an der Akademie der bildenden Künste abgeschlossen, präsentiert er eine elektromechanische Kulisse, die an den Funktionsprinzipien eines Fotoobjektivs Anleihen nimmt.
Nicht nur Freunde
1925 schließlich wagt er den Durchbruch. Im Rahmen der "Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik" im Wiener Konzerthaus errichtet er eine sogenannte Raumbühne, eine dreidimensionale Holz- und Stahlkonstruktion mit Stiegen und Rampen, auf der Paul Frischauers Stück Im Dunkel aufgeführt wird. Doch die neue Bühne am Parkett - die Zuschauer sitzen in den Rängen und Logen - hat nicht nur Freunde. Im Berliner Tageblatt lästert Karl Kraus: "Sie meinen also, Herr Kiesler, dass Gretchen auf dem Motorrad zur Plattform hinauffährt, oben das Lied am Spinnrad singt und dann mit dem Lift in die Tiefe saust, während inzwischen Faust und Mephisto im kleinen Auto den Serpentinenweg heraufbrausen?"
Mehr Glück als in Österreich hat Friedrich, der sich ab sofort Frederick nennt, in den USA, wo er ein visionäres Projekt nach dem anderen entwirft. Die meisten bleiben auf dem Papier, einige werden realisiert. So etwa das Film Guild Cinema in New York 1929, der Screen-o-scope oder das abstrakte Bühnenbild für George Antheils Oper Helen Retires, das wie eine Mischung aus der italienischen Pittura metafisica, dem Bauhaus und dem Surrealismus anmutet. Die Oper war ein Flop. Das Bühnenbild schrieb Geschichte.
Die meisten Bühnenbilder entwarf Kiesler in seinen Jahren an der Juilliard Schoof of Music in New York. Rund 40 davon wurden gebaut, keines ist erhalten geblieben. Und einmal mutierte eine Theaterkulisse sogar zur Schaufenstergestaltung für das Nobelkaufhaus Saks Fifth Avenue. "Kiesler hatte eine gewisse Marketing-Begabung", meint Kuratorin Lesák. "Er hat es verstanden, unterschiedliche Branchen gleichermaßen zu bedienen."
Ob es ihm gelungen ist, das Theater zu revolutionieren, kann in der Ausstellung einhellig beantwortet werden. "Wir arbeiten für Theater, die das Theater überlebt haben", sagt Kiesler einmal. Sein Mut, den Guckkasten zu verlassen und alternative Beziehungsformen zwischen Publikum und Bühne auszuprobieren, hat bis heute Bestand. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 3./4.11.2012)
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