Neues Kuhfell für alte Palisanderexoten

2. November 2012, 18:13
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Im indischen Chandigarh wusste man - anders als internationale Sammler - Le Corbusiers und Pierre Jeannerets Arbeit über Jahre nicht zu schätzen

Im Sommer 1947 war Britisch-Indien (Punjab) aus dem Kolonialreich in die Selbstständigkeit entlassen worden. Über die neue Grenzziehung fiel die im Nordwesten gelegene bisherige Hauptstadt Lahore an Pakistan und beschloss Indien die Errichtung eines neuen Regierungssitzes. Genau genommen wurde dieser regelrecht aus dem Boden gestampft, auf einem Gelände am Fuße des Himalajas, benannt nach einem Dorf in unmittelbarer Nachbarschaft: Chandigarh.

Eine Stadt, die - auf ausdrücklichen Wunsch Jawaharlal Nehrus, des ersten Ministerpräsidenten Indiens und Vaters Indira Gandhis - Le Corbusier vollständig auf dem Reißbrett entwarf und umsetzte. Gemeinsam mit seinem Cousin Pierre Jeanneret, der zusammen mit amerikanischen (Maxwell Fry, Jane Drew) und indischen Architekten-Kollegen (M. M. Sharma, Aditya Prakash) die meisten Wohnbauten plante und vor allem für die Innenausstattung der öffentlichen Bauten verantwortlich zeichnete.

Manche der von Jeanneret entworfenen und bis weit in die 1950er-Jahre von lokalen Tischlerwerkstätten etwa in Palisander oder Teakholz ausgeführten Möbel sind bis heute in Gebrauch. Anderes wurde zerstört, das kostbare Teakholz zu Nützlicherem verarbeitet. Vieles führt wiederum ein zweites Leben fernab der Heimat, in internationalen Sammlungen, etwa in Frankreich, in den USA und auch in Österreich. Ab und an "verirrt" sich solch ein Exot in den Fundus des Designspezialisten Rauminhalt.

Mittlerweile sei es schwer, ja fast unmöglich an Stühle, Sitzbänke oder Tische zu kommen, erzählt Harald Bichler. Aktuell begleitet ihn ein 1957 ausgeführter Schreibtisch bei seinem Messedebüt in der Hofburg (Art & Antique, 10.-18. 11.). Eine Ausnahme, denn vor etwa drei Jahren hat Chandigarh die Schotten dichtgemacht.

Organisierter Exodus

Bis dahin veranstaltete die Stadtregierung Auktionen und verkaufte die Möblage, "for peanuts", wie Zeitzeugen berichten. Der organisierte Exodus hatte Ende der 1990er-Jahre begonnen, kontainerweise waren die Jeanneret-Entwürfe seither nach Europa verschifft worden, hauptsächlich über den französischen Handel. Der Pionier unter ihnen ist Eric Touchaleaume, der diesem Architekturabenteuer auch eine Publikation widmete (2011, Le Corbusier / Pierre Jeanneret, The Indian Adventure). Teile seiner Sammlung ließ der Pariser Galerist zwischenzeitlich versteigern, etwa in New York, wo die Objekte vergleichsweise astronomische Werte erzielten. Laut indischen Medienberichten soll Christie's 2007 allein mit Chandigarh-Design acht Millionen Dollar umgesetzt haben. Mit Mobiliar, das von der lokalen Regierung als alter Plunder eingeschätzt worden war. Im Gegensatz zur Riege der internationalen Sammlergemeinde, die das minimalistische Design zu schätzen wusste.

Auch im Dorotheum gelangte wieder Jeanneret-Design dieser Provenienz unter den Hammer, so im November 2010, als eine auf 10.000-15.000 Euro taxierte Chaiselongue bis auf stolze 27.140 Euro stieg. Mit originaler Kuhfellbespannung? Nein, erklärt Expertin Gerti Draxler, das sei eine nachträgliche Umarbeitung. Das ursprüngliche Wachsleinen sei oftmals verschlissen, Einrichtungskunden hätten jedoch gewisse ästhetische Ansprüche und würden den Komfort einer neuen Tapezierung präferieren.

Diese über die Jahre und über Werte gewachsene Form der Anerkennung rief schließlich auch Verantwortliche in Indien auf den Plan, zumindest insofern, als von den vor Ort verbliebenen Objekten je ein Möbeltyp bewahrt wird, wie Harald Bichler schildert. Der Export jedoch kam völlig zum Erliegen, gehandelt wird nun nur noch mit dem außerhalb Indiens verfügbaren Mengen. In Österreich sind diese überschaubar geblieben und fällt der ehemals in den Büroräumlichkeiten des staatlichen Elektrizitätsanbieters genutzte Schreibtisch in die Kategorie Rarität. (kron, Album, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

  • Ehemals zierte dieser von Pierre Jeanneret entworfene und 1957 ausgeführte Schreibtisch (18.000 Euro) ein öffentliches Büro im indischen Chandigarh.
    foto: rauminhalt

    Ehemals zierte dieser von Pierre Jeanneret entworfene und 1957 ausgeführte Schreibtisch (18.000 Euro) ein öffentliches Büro im indischen Chandigarh.

  • Die Rückseite des Schreibtisches konzipierte Jeanneret als Bücherregal.
    foto: rauminhalt

    Die Rückseite des Schreibtisches konzipierte Jeanneret als Bücherregal.

  • Chaise Longue nach einem Entwurf von Pierre Jeanneret (Dorotheum 2010: 27.140 Euro) für das Administration Building von Chandigarh. Ausführung um 1955, statt des ursprünglichen Wachsleinenbezugs nun mit neuem Kuhfell.
    foto: dorotheum

    Chaise Longue nach einem Entwurf von Pierre Jeanneret (Dorotheum 2010: 27.140 Euro) für das Administration Building von Chandigarh. Ausführung um 1955, statt des ursprünglichen Wachsleinenbezugs nun mit neuem Kuhfell.

  • Dieser Mitte der 1950er Jahre von Jeanneret mit den typischen Corbusier-Farben Rot und Blau kreierte Raumteiler zierte ursprünglich ein Büro im Chandigarh-Ministerium (Dorotheum 2010: 7500 Euro).
    foto: dorotheum

    Dieser Mitte der 1950er Jahre von Jeanneret mit den typischen Corbusier-Farben Rot und Blau kreierte Raumteiler zierte ursprünglich ein Büro im Chandigarh-Ministerium (Dorotheum 2010: 7500 Euro).

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