Uptowns 400-Millionen-Tagesgeschäft

2. November 2012, 18:05
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Supersturm Sandy teilte die New Yorker Kunstwelt: Downtown kämpfen Galeristen und Künstler mit den Folgen, Uptown beginnt wieder der Alltag

Business as usual? Davon ist in New Yorks Galerienszene jenseits der 30. Straße nicht die Rede. "Sandy" hat auch hier eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Nahezu jeder Showroom in Chelsea ist betroffen und der nicht vorhandene Strom noch das geringere Übel, wie die Onlinemagazine Art info und GalleristNY berichten. Branchengrößen wie Larry Gagosian, David Zwirner oder Haunch of Venison sind ebenso betroffen wie unzählige "kleinere" der hier angesiedelten Händler.

Ob Qing-antike Holzstühle aus Ai Weiweis Documenta-12-Installation (Nitsch Gallery, 22nd) oder Skulpturen von Henry Moore (Gagosian, West 21th), das Wasser des Hudson River bahnte sich respektlos seinen Weg. Die gerade mal auf Kniehöhe gestapelten Sandsäcke wurden einfach weggespült, die Räume bis auf eine Höhe von 1,5 Meter und mehr geflutet. Die Überschwemmungen und die daraus resultierenden Folgen sind das größte Problem: Schutt und Schlamm, aufgeweichte Kataloge und demolierte Computer, die Müllsäcke stapeln sich auf den Straßen, von Maßnahmen zur Trockenlegung oder Reparaturen ist man noch Tage, wenn nicht Wochen entfernt.

Und die Kunstwerke? Einiges wird man restaurieren können, anderes nicht. Jene, die ihre Lager vorsorglich räumten und Kunst teils sogar bei Freunden und Bekannten einquartierten, stellen eine Minderheit dar. Die meisten hatten die Auswirkungen schlicht unterschätzt. Herzzerreißende Szenen in Brooklyn, wo zahlreiche Künstlerateliers (u. a. "99 Commercial Street") und damit auch Lebenswerke zerstört wurden. Verheerend und mit Geld nicht aufzuwiegen, selbst für den unwahrscheinlichen Fall einer gültigen Versicherungspolizze.

Auktionsfreier Wahltag

Via Facebook soll Christie's Galeristen Hilfestellung angeboten haben. Im Headquarter des Auktionshauses im Rockefeller Center können Betroffene Handys aufladen, Geschäftskorrespondenz erledigen, und auch Lagermöglichkeiten stünden zur Verfügung. Die Kunstszene sei ein eigenes Ökosystem, wird Initiatorin Sara Friedlander (Vice President Post-War & Contemporary Art) zitiert, was Downtown passieren würde, bleibe nicht ohne Auswirkungen auf Uptown und vice versa.

Bei Christie's selbst beschränkten sich die Folgen auf zwei Home-Office-Tage für die Mitarbeiter und die Verschiebung einer Auktion. Die kommende Woche Mittwoch und Donnerstag anberaumten Sales der Sparte Impressionist & Modern Art seien davon nicht betroffen, wird auf Anfrage bestätigt. Der Dienstag bleibt in Jahren der Präsidentschaftswahl traditionell versteigerungsfrei. Bei Sotheby's entschloss man sich, die ursprünglich für Montag angesetzte Abendauktion auf den Donnerstag zu verlegen. Hauptsächlich deshalb, weil es - nach Rücksprache mit den entsprechenden offiziellen Stellen - bei der aus dem näheren und ferneren Ausland "einfliegenden" Klientel zu Verzögerungen kommen wird. Zwar stieg die Zahl jener, die ihre Gebote online deponieren, in den vergangenen Jahren stetig, die Mehrheit bevorzugt dennoch die Anwesenheit im Auktionssaal. Nicht nur der Stimmung wegen, sondern auch, um die Konkurrenz zumindest visuell unter Kontrolle zu haben und den strategisch perfekten Zeitpunkt für den Einstieg in ein Bietgefecht besser einschätzen zu können.

Die Uptown vorbereiteten Schaustellungen sind dieser Tage deutlich weniger gut besucht als sonst. Einige der Stars aus den Abendauktionen hatte man auf eine Werbetournee durch die wichtigsten Käufermetropolen geschickt, nach Hongkong, Moskau oder auch London.

Um die 400 Millionen Dollar könnten alleine die im Zuge der prestigeträchtigen Abendauktionen angebotenen Kunstwerke einspielen: Bei Christie's (7.11.) sind es exakt 71, für die um die 250 Millionen erwartet werden, angeführt von einem prachtvollen Seerosen-Bild Claude Monets, dessen Erlös auf 30 bis 50 Millionen Dollar taxiert wurde. Gleichauf steht bei Sotheby's (8. 11.; 68 Lots, 170 Mio. Dollar) Nature morte aux tulipes (1932), in dem Picasso die Bewunderung für seine Geliebte Marie Therese Walter verewigte. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

  • Giverny, 1905: Claude Monets auf 30 bis 50 Millionen taxiertes Meisterwerk "Nymphéas".
    foto: christie's

    Giverny, 1905: Claude Monets auf 30 bis 50 Millionen taxiertes Meisterwerk "Nymphéas".

  • Picassos "Nature morte aux tulipes" (1932) soll zwischen 35 und 50 Mio. Dollar einspielen.
    foto: sotheby's

    Picassos "Nature morte aux tulipes" (1932) soll zwischen 35 und 50 Mio. Dollar einspielen.

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