Winterreifen, eine Verfrühung

Kolumne2. November 2012, 18:43
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Was Weitsicht und die ÖBB gemeinsam haben

Was Herr P. im Zweitberuf macht, ist leider nicht überliefert. Er könnte jedenfalls als Wetterfrosch reüssieren. Denn während alle an die Unendlichkeit des Altweibersommers glaubten, bestand der fürsorgliche Herr P. darauf, den allradligen Test-Nissan nur mit Winterbereifung auszuliefern. Das ist insofern bemerkenswert, als die von der Spaßgesellschaft Richtung Entertainment getrimmten Wetterberichte vor zwei Wochen nicht einmal ansatzweise durchschimmern ließen, dass die Sonne vom Oktober-Winter je kaltschnäuzig vertrieben werden könnte.

Zwar weiß der gelernte Österreicher, dass zu Allerheiligen grundsätzlich die Pelzmäntel bereitzuhalten sind. Aber im Ignorieren von Fakten sind wir ja Spitze. Deshalb erwischt uns beispielsweise die an sich nicht seltene Kombination aus störungsresistentem Russland-Hoch und ausuferndem Adria-Tief regelmäßig am falschen Fuß, weil tourismusgeschulte Profi-Vorhersager so lange Wetterbesserung predigen, bis das halbe Land unter Wasser steht.

Innovative Wortkreation

Mag sein, dass die Weitsicht des Herrn P. lediglich dem Datum der Fahrzeugrückgabe geschuldet war. Ab erstem November sind Winterreifen Pflicht, es könnte ja schneien. Es schneite nicht, der Föhn schmolz den Schnee. Bei der um innovatives Kundenservice bemühten ÖBB würde man dieses Phänomen, bei dem sich Unabwendbares anbahnt, Verfrühung nennen. Die innovative Wortkreation verdanken wir einem Schaffner. Der war jüngst außer sich, weil sein Railjet keine Verspätung hatte, und kündigte die drei Minuten Vorsprung als "Verfrühung" an. (Luise Ungerboeck, 2.11.2012)

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