Das Glück der kleinen Momente

2. November 2012, 19:31
posten

Gelungene Annäherung: Sophie Hubers Debüt "Harry Dean Stanton: Partly Fiction"

"Damit ist nicht nur Harry gemeint", sagt Kris Kristofferson, nachdem er gerade seinen Song The Pilgrim (Chapter 33) gespielt hat. "He's a walking contradiction, partly true and partly fiction" heißt es darin, das träfe auf viele Countrymusiker zu, aber auch auf Harry Dean Stanton. Den kennt man als Schauspieler, nicht als Musiker, auch wenn er in so manchem Film Kostproben seines musikalischen Talents gegeben hat, etwa in Cisco Pike, wo er 1972 einen Countrymusiker spielte, der vom Comeback träumte, aber den Drogentod in einer Badewanne starb - eine jener Szenen, die im Gedächtnis geblieben sind aus einer langen Leinwandkarriere, die 1956 begann und bis heute laut Internet Movie Database 184 Auftritte umfasst. Zuletzt sah man ihn in einer kurzen Szene des Blockbusters The Avengers, vielleicht gehört auch Regisseur Joss Whedon zu seinen Fans.

Seine "fünf Minuten Ruhm" hatte Stanton 1984, als er seine einzige Hauptrolle spielte - in Wim Wenders' Paris, Texas - und damit zeigte, dass er auch einen ganzen Film tragen konnte. Das hat man ihm danach verweigert, aber wie viele Filme hat er mit seiner Präsenz, auch in kurzen Auftritten, bereichert! Man schaue sich nur jene Szene aus David Lynchs The Straight Story an, in der sein Blick ungläubig hin- und her wandert zwischen seinem Besucher und dem Traktor, auf dem dieser die weite Reise zu ihm zurückgelegt hat - bevor er dann endlich den Mund aufmacht.

Die klug ausgewählten Filmclips sind aber nicht das Besondere an diesem Debütfilm der Schweizerin Sophie Huber, der schlicht Harry Dean Stanton: Partly Fiction heißt. Es ist vielmehr die Nähe, die sie zu Stanton entwickelt, wobei die kunstvolle Schwarz-Weiß-Fotografie von Seamus McGarvey (We Need to Talk About Kevin) diese gleichzeitig unterstreicht, die Gesprächssituation auf dem Sofa aber auch stilisiert.

Musik als Türöffner

Huber bringt Harry Dean Stanton zum Reden, indem sie ihn musizieren lässt. "Your heart is really into music, more than anything else", bemerkt Kris Kristofferson (dem Stanton in Cisco Pike seine erste Filmrolle verschaffte), und Stanton erwidert: "It's frustrating, because I never pursued it." Hier aber kann er dieses Talent ausleben und gibt in dieser vertraulichen Atmosphäre ebenso private Details preis wie etwas über seine Arbeitsweise. Das weiß man umso mehr zu schätzen, wenn man selber erlebt hat, wie wenig auskunftsfreudig er sein kann, wenn er Interviews zur Promotion eines aktuellen Films absolvieren soll (dem Verfasser beispielsweise ging es 1985 anlässlich Fool for Love so).

In seiner Abgeklärtheit erinnert Stanton hier schon fast an den Stoizismus eines Robert Mitchum, auch in seiner einleitenden Äußerung: " How about doing nothing?" Aber dass er nichts tut, ist ein Mythos: "Wenn er ein Drehbuch bekommt, arbeitet er daran 24 Stunden am Tag", verrät sein Assistent einmal. So bringt einem dieser Film den Menschen Harry Dean Stanton ebenso näher wie den Schauspieler, der dem Zuschauer im Kino immer wieder das Glück der kleinen Momente beschert. (Frank Arnold, Spezial, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

  • 4. 11., Urania, 18.30;
  • 5. 11., Künstlerhaus, 13.30
  • Harry Dean Stanton: als Schauspieler ein Vielarbeiter, als Mensch 
verschlossen, als Musiker eine Überraschung.
    foto: viennale

    Harry Dean Stanton: als Schauspieler ein Vielarbeiter, als Mensch verschlossen, als Musiker eine Überraschung.

Share if you care.