Das Terrain zwischen Lachen und Weinen

2. November 2012, 19:30
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Die Französin Noémie Lvovsky hat mit ihrem fünften Kinofilm "Camille redouble" eine ebenso leichtfüßige wie melancholische Reflexion über das Verstreichen der Zeit und die Wunden, die sie schlägt, gedreht

Noémie Lvovsky ist eine Expertin für die Grauzone zwischen Komödie und Tragödie. Als Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin wirkt die Französin seit den 90er-Jahren an Filmen mit, die das Terrain zwischen Lachen und Weinen erkunden. Sie blickt auf Glück und Unglück des Alltags, besonders auf die Schwierigkeiten der Liebe, und weil sie dies subtil und zärtlich tut, gelingt es ihren Filmen auf beeindruckende Weise, eine Landkarte der Gefühle zu zeichnen, anstatt Klischees zu verfallen.

Jüngstes Beispiel für diese große Begabung ist Camille redouble (" Camille bleibt sitzen"), ein Film, der sich eines so einfachen wie smarten Tricks bedient. Nach einer Ohnmacht in der Silvesternacht erwacht die Protagonistin Camille (Noémie Lvovsky) in einem Krankenbett. Sie sieht zwar aus, wie wir sie in den ersten Szenen des Films kennengelernt haben: Sie ist eine Frau Mitte 40, etwas derangiert, denn ihr Ehemann hat sie gerade einer Jüngeren wegen verlassen. Doch die Krankenschwester spricht mit ihr wie mit einer Jugendlichen, wenn sie sie wegen des exzessiven Trinkens schilt. Und ihre Eltern holen sie tadelnden Blickes ab, obwohl wir doch in den ersten Szenen erfahren haben, dass ebendiese Eltern schon vor längerer Zeit verstorben sind.

Zweite Jugend

Des Rätsels Lösung: Camille redouble ist eine Würdigung von Peggy Sue Got Married (1986) von Francis Ford Coppola. Hier wie dort begibt sich eine Frau Mitte 40 unversehens auf Zeitreise; sie wird in ihre Schulzeit zurückversetzt, ohne dabei die äußere Erscheinung zu verändern. Dennoch werden beide Frauen von allen übrigen Figuren so behandelt, als wären sie die Teenager, die sie schon lange nicht mehr sind. Camille drückt zwar wieder die Schulbank, sie steckt in absurden 80er-Jahre-Miniröcken und -Leggings, und ihr Gesicht hat eine zarte Röte, die sie sich als Erwachsene weggesoffen hat. Aber ihr Bewusstsein und ihr Aussehen sind das der 45 Jahre alten Frau.

Das zeitigt allerlei tragikomische Effekte, etwa dann, wenn Camille ihrem späteren Ehemann als jungem Mann begegnet und versucht, sich seinen Avancen zu entziehen, da sie ja weiß, wie kläglich es ausgehen wird. Oder dort, wo sie ihren Eltern, von denen sie weiß, dass sie sterben werden, ihre Liebe zu versichern versucht. Die Eltern wiederum sind viel zu sehr in ihren Alltag eingebunden, als dass sie ein Ohr für derlei Gefühlsbezeugungen hätten.

Camille redouble ist eine ebenso leichtfüßige wie melancholische Reflexion über das Verstreichen der Zeit und die Wunden, die sie schlägt, und es ist ein Film, der den Erfahrungshorizont und die Subjektivität einer Frau Mitte vierzig auf beeindruckende Weise auszuloten versteht. Damit mag Noémie Lvovsky die Filmkunst nicht neu erfinden, aber das ändert nichts an dem Vergnügen, das es bereitet, sich auf Camille redouble einzulassen. (Cristina Nord, Spezial, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

  • 5. 11., Künstlerhaus, 11.00;
  • 6. 11., Gartenbau, 18.00
  • Eine Frau Mitte 40 findet sich plötzlich noch einmal ins eigene 
Teenagerdasein zurückversetzt: Noémie Lvovsky, Regisseurin, Koautorin und 
Hauptdarstellerin von "Camille redouble".
    foto: viennale

    Eine Frau Mitte 40 findet sich plötzlich noch einmal ins eigene Teenagerdasein zurückversetzt: Noémie Lvovsky, Regisseurin, Koautorin und Hauptdarstellerin von "Camille redouble".

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