Immer kurz vor dem Durchbruch

2. November 2012, 19:30
posten

"For Ellen" von So Yong Kim begleitet einen Rockmusiker in die verschneite US-Provinz

Joby Taylor hat dort Scheidungspapiere zu unterschreiben - und eine kleine Tochter, die ihn für einen Fremden hält.

"Oh, shit!" ist das Erste, das wir aus dem Mund dieses Mannes hören. Mit Wollmütze, Grunge-Bärtchen, schwarz lackierten Fingernägeln, Ohrring, Armbändern und schweren Ringen an den Fingern ist er zweifellos ein Heavy-Metal-Musiker (wie auch der einsetzende Song andeutet), den es in die verschneite Provinz verschlagen hat, weil seine Frau die Scheidung regeln will. Schon seine dünne Lederjacke verrät, dass er nicht vorbereitet ist auf das, was ihn hier erwartet.

Aus einem hitzigen telefonischen Disput mit einem Bandkollegen wird man später erfahren, dass Joby Taylor nicht unbedingt die Wahrheit sagt, wenn er seiner Tochter erklärt, er stehe kurz vor dem Durchbruch. Paul Dano, bekannt geworden durch seine Rolle des fanatischen Predigers und Antagonisten von Daniel Day-Lewis in Paul Thomas Andersons There Will Be Blood, spielt diesen Mann zwischen überheblich und unsicher. Von Anfang an hat der Zuschauer Distanz zu ihm, der die Scheidungsarrangements als " unfair" bejammert, aber die entsprechenden Papiere bis zu dem Moment offenbar nicht durchgelesen hat.

Jobys Naivität gegenüber dem wirklichen Leben spiegelt sich in dem jungen Anwalt, der seine Interessen vertreten soll. Der hat wenig Chancen gegen den erfahrenen Kollegen auf der Gegenseite, ihm scheint es aber auch schon genügend Befriedigung zu verschaffen, dass er einen Klienten aus der Großstadt hat, den er zu sich nach Hause einladen kann, zur selbstgemachten Pasta seiner Mutter.

Kind oder Karriere

In dieser "Normalität" fühlt sich Joby sichtlich unwohl, kein Weg führt zurück zu seiner eigenen Familie, die er für seine Karriere im Stich gelassen hat. Jetzt will die Ehefrau nur noch durch ihren Anwalt mit ihm sprechen, aber da ist noch die siebenjährige Ellen, der dieser fremde Mann nichts bedeutet, wie ihr Blick verrät.

Zwei Stunden Zeit darf Joby schließlich alleine mit ihr verbringen, als Gegenleistung dafür, dass er den Bedingungen der Scheidung zustimmt. Fast ein Drittel des Films nehmen diese zwei Stunden Zeit ein, ganz anrührend erleben wir da einen Mann, der sich erstmals bemüht, weil er begreift, was er versäumt hat.

Alle vorherige Exaltiertheit, etwa wenn er zu den Klängen von Rocksongs tanzte (unterstrichen durch die agile Handkamera von Reed Morano Walker), fällt da von ihm ab. Gerade in den starren Totalen, die die beiden verloren in der Winterlandschaft zeigen, akzentuiert durch das Cinemascopeformat, scheint für einen Augenblick die Zeit zu einem Stillstand zu kommen. Aber bedeutet das eine zweite Chance für Joby?

Fahrt nach Irgendwo

Am Ende scheint er, auch dank seiner Freundin, die ihm nachgereist ist, in sein altes Leben zurückzukehren, doch der Film schließt mit einer jener Szenen, die man schon verschiedene Male gesehen zu haben meint im US-Indepedent-Kino, einer langen Totale, in der der Protagonist sich davonmacht aus seinem bisherigen Leben und in einen Truck einsteigt, der ihn irgendwo anders hinbringen wird. Wohin, das lässt der Film offen. Aber dass Ellens Mutter bald wieder heiraten wird und möchte, dass Ellen ihren neuen Ehemann "Dad" nennt, das wird Joby noch wissen. (Frank Arnold, Spezial, DER STANDARD, 3./4.11.2012)

  • 5. 11., Metro, 21.00
  • 6. 11., 11.00
  • Ein Mann, der sich seiner Verantwortung als Vater lange nicht gestellt hat, begreift ein bisschen, was er da versäumt hat: Paul Dano in So Yong Kims drittem Spielfilm "For Ellen".
    foto: viennale

    Ein Mann, der sich seiner Verantwortung als Vater lange nicht gestellt hat, begreift ein bisschen, was er da versäumt hat: Paul Dano in So Yong Kims drittem Spielfilm "For Ellen".

Share if you care.