Paul-Julien Robert: "Bin froh, dass Kommune nicht mehr existiert"

Interview2. November 2012, 10:31
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Der Regisseur von "Meine Keine Familie" über die Distanz der Friedrichshof-Kinder zur Generation ihrer Eltern und seine Idee von Familie

Wien - Jungregisseur Paul-Julien Robert ist 1979 in Otto Mühls legendärer Friedrichshof-Kommune im Burgenland geboren worden. Nun hat sich der Filmemacher in seinem ersten Langfilm seiner Vergangenheit gewidmet und spürt mit "Meine Keine Familie" der Frage nach, wie es den damaligen Kommunenkindern heute im Bezug auf Bindungen geht und was Familie heute bedeutet.

Sie haben eine sehr persönliche Reise mit sehr persönlichen Fragestellungen unternommen. Wann fiel die Entscheidung, das mit einer Kamera und für einen Film zu tun?

Paul-Julien Robert: Für mich war die Kamera ein Werkzeug, um Menschen und Situationen in eine fokussiertere Stimmung zu bekommen. Mir hätte der Anlass gefehlt, mit mir so nahen Menschen wie meinen Eltern oder den Kindern, mit denen ich aufgewachsen bin, über Dinge zu sprechen, die so lange her sind und schmerzhaft waren. Die Kamera hatte hier etwas sehr Konstruktives.

War Ihre Motivation primär, für sich Ihre Lebensgeschichte neu zu beleuchten, oder einen Film darüber zu drehen?

Paul-Julien Robert: Ich wollte schon Dinge festhalten. Die Recherche hat eigentlich über meinen (von der Kommune willkürlich auf der Geburtsurkunde vermerkten, Anm.) juristischen Vater angefangen, der sich am Friedrichshof umgebracht hat. Ich wollte wissen, was er für ein Mensch war und wusste, dass es auch Archivmaterial über ihn gibt. Ich habe mit dem Projekt begonnen, da hatte ich noch gar keine Produktionsfirma und habe dann aber schnell gemerkt, dass für ein Publikum die Kommune das Interessanteste aus seinem Leben sein wird. Und dann wurde der Film immer persönlicher und persönlicher.

Ist das Gefühl der Verlorenheit, der als bedrängend empfundene Anpassungsdruck eine generelle Erfahrung der am Friedrichshof aufgewachsenen Kinder?

Paul-Julien Robert: Da gibt es natürlich Unterschiede, die meist vom Jahrgang abhängen, da jede Altersgruppe die Situation anders erfahren hat. Es gab 1985 einen Schnitt in der Kommune mit der Geburt des gemeinsamen Sohnes von Otto (Mühl, Anm.) und seiner Frau Claudia, der zum Thronfolger ausgerufen wurde. Ab diesem Zeitpunkt wurden Mütter und Kinder nicht mehr getrennt, weil Claudia Mühl ihr eigenes Kind behalten wollte. Deshalb haben Kinder, die danach geboren wurden, eine bessere oder teils gar keine Erinnerung mehr an die Situation. Der Großteil der Kinder, mit denen ich aufgewachsen bin, hat aber eine sehr große Distanz zu der Generation davor. Ich habe eher versucht, die Kontakte, die ich habe, zu behalten und für mein Leben zu nützen.

War das Dramatische am Aufwachsen in der Kommune das Fehlen des klassischen Familienmodells oder eher das repressive Strukturmodell?

Paul-Julien Robert: Ich sage nicht, dass ich lieber anders aufgewachsen wäre. Ich bin froh, dass ich einen so großen Freundeskreis habe - das ist ein Geschenk. Aber wenn ich die Sicherheit und Geborgenheit sehe, in der mein Halbbruder aufgewachsen ist, dann wünsche ich mir das auch manchmal. Ich bin total froh, dass die Kommune jetzt nicht mehr existiert und zerbrochen ist, bevor ich die Einführung in die Sexualität miterleben musste.

Es gab 2011 eine Entschuldigungsrede von Vertretern der 1. Generation. Würden Sie sich hier mehr erwarten?

Paul-Julien Robert: Ich erwarte mir nichts mehr. Nach dem Zerfall der Kommune ist extrem viel schief gegangen. Die Jungs und Mädels, die sexuell missbraucht wurden, wurden von der Polizei verhört und das war's. Auch die Kommunarden waren überfordert mit der Situation - da hat sich niemand um uns kümmern können. Es wurde aber zumindest geschaut, dass alle etwas zu essen und einen Schlafplatz hatten. Und für mich war es eine schöne Zeit, weil die Autorität mit einem Male weg war und der Friedrichshof zu einem riesigen Spielplatz wurde. Aber für die Älteren mit 15, 16 Jahren war das sehr schwierig. Man kann nicht sagen, dass unsere Generation ein gemeinsames Bedürfnis hat - jeder geht damit individuell um. Es gibt zwar die Gesprächsbereitschaft der 1. Generation, was auch wichtig ist, aber in Wahrheit ist noch nichts passiert. Ich habe Menschen, die für mich da sind - andere haben das nicht. Da gibt es sicher ein anderes Bedürfnis, finanziell unterstützt zu werden oder eine Betreuung zu bekommen.

Eine sehr persönliche Frage: Welches Familienmodell stellen Sie sich nach den Erfahrungen für Ihre Zukunft vor?

Paul-Julien Robert: Ich wünsche mir eine Art von Zusammenhalt, das kann aber auch ein gemeinsames Haus sein, in dem man lebt und sich gegenseitig hilft. Ich möchte nichts planen - man muss von Situation zu Situation schauen. Ein Gefühl, dass etwas das eine richtige Konzept, die eine Lösung ist, das habe ich nach der Kommune nie wieder gefunden. Das war zu Beginn durchaus eine Belastung, mittlerweile erlebe ich das als Freiheit.

"Meine Keine Familie" ist ihr erster Langfilm. Bleiben Sie beim Film?

Paul-Julien Robert: Ich würde schon gerne weiterhin Filme machen. Ich brauche in der Kunst aber auch meinen Freiraum. Ich möchte mein Leben nicht über Kunst finanzieren müssen. Ich tue das für meine Leidenschaft. (APA, Martin Fichter-Wöß, 2.11.2012)

Link:

Paul Julien Robert: Der Junge aus dem Archivmaterial

Paul-Julien Robert
Meine keine Familie
Österreich 2012
90 min, Originalfassung mit englischen Untertiteln

Der Film wird bei der Viennale 2012 erstaufgeführt.

  • Paul-Julien Robert über Familie: "Ich wünsche mir eine Art von Zusammenhalt, das kann aber auch ein 
gemeinsames Haus sein, in dem man lebt und sich gegenseitig hilft"
    foto: freibeuter film

    Paul-Julien Robert über Familie: "Ich wünsche mir eine Art von Zusammenhalt, das kann aber auch ein gemeinsames Haus sein, in dem man lebt und sich gegenseitig hilft"

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