Huffington Post: "Digitale Brotkrümel" für Superuser

Blog2. November 2012, 12:22
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Wie die "HuffPost" den Markt traditioneller Medienunternehmen mit einem radikalen Interaktivitätskonzept erobert hat

Harvard-Professor Clayton Christensen beschreibt in seinem Buch "The Innovator's Dilemma", längst ein Klassiker, warum etablierte Unternehmen den Wettbewerb um bahnbrechende Innovationen oft verlieren.

Im Journalismus ist die "Huffington Post" einer jener von Christensen beschriebenen "disruptiven Innovatoren", die mit unerwarteten Angeboten und Preisen zuerst Nischen und dann systematisch Märkte erobern.

Beim Start der HuffPost 2005 ahnten die traditionellen Medien nicht, dass ernsthafte Konkurrenz drohte, und beurteilten das neue Interaktions- und Blog-Konzept eher als Kuriosität. "L.A. Weekly" verriss das "horrific debut", das "Handelsblatt" titelte "Hollywood-Stars schreiben Tagebuch im Internet".

Aggregieren im Riesennewsroom

Mit der Überheblichkeit ist es vorbei. Längst hat die Seite sich einen Platz im Markt der Traditionsmedien gesichert. 2011 kaufte AOL die "Huffington Post" um 315 Millionen Dollar. Seit Bestehen wurden 200 Millionen Kommentare gepostet. Die Redaktion umfasst 700 Mitarbeiter. Die aggregieren, bewerten, verfassen in New York und Los Angeles in gedrängten Riesennewsrooms rund um die Uhr. Und 2012 gewann die "HuffPost" einen Pulitzer Preis in der Kategorie "National Reporting".

"Digitale Brotkrümel" zum Video-Netzwerk

Nun soll das nächste Marktsegment aufgemischt werden: Mit "HuffPost Live" startete ein Online-Video-Netzwerk, eine endlose News-Talkshow. (Hier erklärt sich die "HuffPost Live" selbst.)

"Wir erfinden das Fernsehen neu", sagt Mitch Semel. Er ist einer der Gründer des Channels und TV-Veteran, war bei CNN und hat für Oprah Winfrey produziert. Wie bei Hänsel und Gretel wolle man die User mit einer "Spur aus digitalen Brotkrümeln" - Tweets - zu den Geschichten bringen, sagt er. Die Zuseher reden über Webcam direkt mit. Das Team aus 120 Mitarbeitern setzt die Themen, produziert, moderiert. Die Videos werden auf einer eigenen Plattform und natürlich auf Huffingtonpost.com publiziert. User, die sich besonders engagieren, bekommen Badges, mit denen sie verschiedene Berechtigungen, etwa als Level 1 Superuser oder Moderatoren, verdienen. 

Expansion in Europa

Alles interaktiv. Alles live. Alles neu. Jetzt auch in Europa. Die "Huffington Post" expandiert nach Italien, Spanien - und zu Jahresende nach Deutschland. Dann werden auch europäische Medienunternehmen "The Innovator's Dilemma" spüren. Denn, so Mitch Semel: "Es ist viel schwieriger, etwas Neues in einer alten Firma zu erfinden." (Daniela Kraus, derStandard.at, 2.11.2012)

Links

businessweek.com: Book Excerpt - The Innovator's Dilemma - When New Technologies Cause Great Firms to Fail

huffingtonpost.com: How The Huffington Post Works (In Case You Were Wondering)

laweekly.com: Celebs to the Slaughter

handelsblatt.com: Hollywood-Stars schreiben Tagebuch im Internet

topics.nytimes.com: The Huffington Post

pulitzer.org: The 2012 Pulitzer Prize Winners - National Reporting

live.huffingtonpost.com: We Hear You

huffingtonpost.com: What are HuffPost Social Badges?

Der Blog-Eintrag ist nach einer New York-Reise im Rahmen des IMIM-Programms entstanden.

IMIM-Programm

Mitch Semel diskutierte in der "Huffington Post" mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Masterprogramms International Media Innovation Management über Innovationsstrategien. Das Programm (imim-master.com) wird von fjum_forum journalismus und medien wien (fjum-wien.at) und der Deutschen Universität für Weiterbildung in Berlin (duw-berlin.de) getragen.

  • Bei der "Huffington Post" in New York.
    foto: daniela kraus

    Bei der "Huffington Post" in New York.

  • Ein Blick in den Newsroom.
    foto: daniela kraus

    Ein Blick in den Newsroom.

  • "HuffPost Live": News-Talkshow rund um die Uhr.
    foto: daniela kraus

    "HuffPost Live": News-Talkshow rund um die Uhr.

  • 120 Mitarbeiter arbeiten für das neue Online-Video-Netzwerk.
    foto: daniela kraus

    120 Mitarbeiter arbeiten für das neue Online-Video-Netzwerk.

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