"High Line Park Vienna": Wie ehemalige Stadtbahn aufblühen könnte

Einen Kilometer lang, zehn Meter breit: Die ehemalige U6-Trasse nach Heiligenstadt liegt seit Jahren brach

Wien - Die Steine im Gleisbett knirschen unfreundlich, das hartnäckige Unkraut wird vom scharfen Herbstwind zerzaust, entfernt rauscht der Verkehr. Seit 1996 ist die Trasse des Stadtbahnviadukts, das bei der Spittelau Richtung Heiligenstadt abzweigt, eine ungenützte Brache. Ein Spaziergang auf dem imposanten Bauwerk genügt, um die Phantasie anzuregen und zu träumen - zum Beispiel von New York, vom dortigen "High Line Park", seiner Beliebtheit und den vielen Ähnlichkeiten mit dem Wiener Stadtbahnviadukt.

Knapp einen Kilometer ist der am 6. August 1901 eröffnete Ast lang, zehn Meter ist er breit. Viel Platz, gerade in einer Stadt wie Wien, wo verwertbare Nutzfläche ein rares Gut ist. Die Dimensionen entsprechen nahezu exakt jenen vom großen Vorbild in New York. Der High Line Park schlängelt sich seit 2009 auf etwas über einem Kilometer durch Manhattan und ist gefüllt mit Grünpflanzen und erholungssuchenden Großstädtern. Rund um die architektonische Sensation haben sich seither etliche Betriebe angesiedelt, so "angesagt" ist der ehemals Furcht einflößende "Meatpacking District" mittlerweile.

Keine voreiligen Pläne

Wirklich attraktiv ist auch das Rundherum des stillgelegten Stadtbahnviadukts derzeit nicht. In seinen Bögen lagern Baustoff-Firmen ihre Produkte, und auch der Rest des Abschnitts wird keineswegs von optisch reizvollen Locations flankiert. Darüber hinaus gilt die Heiligenstädter Straße nicht gerade als verkehrsberuhigte Flaniermeile.

Christoph Mörkl, Chef des renommierten Wiener Architekturbüros "Superblock", rät zu Geduld: "Man sollte die Trasse als lineare Entwicklungsachse für zukünftige Strukturen erhalten und abwarten, schließlich besteht derzeit kein Handlungsbedarf. Es sollten aber keine Einzelgenehmigungen erteilt werden, die das Objekt noch weiter in seiner linearen Stärke schwächen - das Potenzial der Trasse steht und fällt mit den Entwicklungsmöglichkeiten der angrenzenden Bahnstruktur."

Freiraum durch Bahnhofsverlegung

Mörkl sieht aber nur dann Potenzial, wenn ein Projekt im größeren Stil angegangen wird, "zum Beispiel die Verlegung des Franz-Josefs-Bahnhofs nach Heiligenstadt". Dadurch würden auch die Gründe unter der WU und dem Verkehrsamt für neue Nutzungen freigemacht.

Das Viadukt ist übrigens abzugeben. Die Wiener Linien haben mit dem Bauwerk nämlich traditionell keine große Freude: "Wir erfüllen derzeit die Erhaltungspflichten, das Grundstück gehört der ÖBB - eine historische Geschichte, weil ja die Stadtbahn ursprünglich als Eisenbahn geplant und betrieben wurde", sagt Sprecher Dominik Gries. Dieser Zustand sei schlichtweg "unbefriedigend": "Schließlich sind wir ein Verkehrsunternehmen, und verkehrliche Bedeutung haben die Bögen seit 1. Mai 1996, als der U-Bahn-Betrieb dort eingestellt wurde, nicht mehr."

Denkmalschutz sorgt für Diskussion

Dass das Bundesdenkmalamt den Abschnitt nach Heiligenstadt unter Schutz gestellt habe, sei "eine zumindest diskussionswürdige Entscheidung". Ideen zur Umgestaltung, etwa in einen "High Line Park", finde man, so Gries, "durchaus charmant". Allerdings sei für die Wiener Linien klar, dass es dafür "politische Willensbildung braucht und auch das dafür notwendige Kapital". Zum Vergleich: Das New Yorker Projekt kostete mehr als 100 Millionen Euro.

Dennoch: Freiraum dieses Ausmaßes müsste in einer Metropole wie Wien eigentlich Nutzungs-Reflexe auslösen. So wie etwa bei Gerhard Egger. Der Biologe vom WWF zeigt sich vom Wildwuchs auf der stillgelegten U6-Trasse überrascht bis begeistert und registrierte 52 unterschiedliche Pflanzenarten - trotz regelmäßigen Herbizid-Einsatzes.

"Bei entsprechender Gestaltung könnte auf immerhin einem Hektar ein großzügiger Stadtgarten angelegt werden. Denkbar ist eine Mischung aus Gehölzsäumen, Nutzgärten sowie extensiven Gras/Kräuter-Fluren", so Egger. Dazwischen ein paar Bankerln, ein Gehweg - und fertig ist der "Highline Park Vienna". Man wird ja wohl noch träumen dürfen. (APA/Andreas Tröscher, 2.11.2012)

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