Ankara hört gerne das Lob aus dem Weißen Haus

1. November 2012, 23:24

Obama und Hillary Clinton haben ein Sonderverhältnis zur Türkei aufgebaut

Sie sind enttäuscht, frustriert, greifen immer wieder gern in die Kiste vom amerikanischen Imperialismus und der unterschiedlichen Elle, mit der das Weiße Haus je nach Interessenlage die Welt vermisst, doch am Ende wissen die türkische Regierung und ihr notorisch verärgerter Premier sehr wohl: Barack Obama muss es bei der Wahl nächste Woche sein und keinesfalls Mitt Romney, der Republikaner mit dem alten Blick auf die Türkei und den Nahen Osten.

94 Prozent der Türken würden für eine zweite Amtszeit von Obama stimmen, will eine Umfrage herausgefunden haben, die in 32 Ländern nach den Sympathien für die US-Präsidentenkandidaten geforscht hat.

Die US-türkischen Beziehungen seien nie besser gewesen, stellte Ross Wilson fest, ein Forscher am Atlantic Council in Washington und langjähriger US-Botschafter. Präsident Obama und Außenministerin Hillary Clinton hätten sorgfältig den Kontakt zu ihren Gesprächspartnern in Ankara aufgebaut, gemeinsame Interessen betont und Meinungsverschiedenheiten kleingeredet.

Davon gab es in den letzten Jahren allerdings eine Menge: das Atomprogramm des Iran; die Entsendung der Gaza-Hilfsflotte; das Gezerre um das Nato-Radar, die mangelnde Unterstützung aus Washington für die Türken, die glauben, sie müssten im innerirakischen Konflikt zwischen dem schiitischen Premier und dem sunnitischen Vizepräsidenten Partei beziehen; und schließlich Syrien und die US-Militärintervention, die nicht kommen will.

Ankara will Flugverbotszone

"Die Türkei ist weiterhin enttäuscht", erklärte Suat Kiniklioglu, ein ehemaliger außenpolitischer Sprecher der Regierungspartei im Parlament. Ankara hatte sich weit hinausgelehnt in Erwartung eines schnellen Sturzes von Bashar al-Assad und sah sich dann alleingelassen. Doch Außenminister Ahmet Davutoglu drängt nach wie vor auf die Einrichtung einer Flugverbotszone.

Planungsgespräche zwischen türkischen und amerikanischen Militärs laufen mittlerweile, glaubt man US-Medienberichten, die sich auf Geheimdienstquellen stützen. Eine US-türkische Planungsgruppe für den politischen Übergang in Syrien ist bereits im Sommer auf Anregung von Hillary Clinton eingerichtet worden. Die Obama-Administration lässt keine Gelegenheit aus, die neue Rolle der Türkei als Mittler und Gestalter im Nahen und Mittleren Osten zu betonen. Anders Romney: Er reiste nach Israel. (Markus Bernath aus Istanbul /DER STANDARD, 2.11.2012)

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