Chrono-Logie X

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  • St. Imier im Jura. So wie die Entwicklungs- und Produktionsstätte von Longines sehen viele Wiegen der noblen Westschweizer Uhrenmarken aus.
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    St. Imier im Jura. So wie die Entwicklungs- und Produktionsstätte von Longines sehen viele Wiegen der noblen Westschweizer Uhrenmarken aus.

  • Mit Taschenuhren begann alles.
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    Mit Taschenuhren begann alles.

  • Mit der Armbanduhr gewann der Markt an Schwung. Der Chronograf von 1936 mit Kaliber 13ZN.
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    Mit der Armbanduhr gewann der Markt an Schwung. Der Chronograf von 1936 mit Kaliber 13ZN.

  • Die Geburtstagsuhr zum 180. Wiegenfest von Longinges: der Säulenrad-Monopusher-Chronograf mit der roten Zwölf.
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    Die Geburtstagsuhr zum 180. Wiegenfest von Longinges: der Säulenrad-Monopusher-Chronograf mit der roten Zwölf.

  • Das Schaltrad-Chronografen- Kaliber L688 2010.
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    Das Schaltrad-Chronografen- Kaliber L688 2010.

Die Westschweizer Uhrmacher des 19. Jahrhunderts saßen in ihren Manufakturen und entwickelten vor sich hin - Manche schafften den Schritt in die industrielle Produktion und den Spagat zwischen großer Stückzahl und Manufakturqualität

1832

Jede Menge Pioniergeist kann man Auguste Agassiz beim besten Willen nicht absprechen. Der 23-jährige Kaufmann etablierte sich am 14. August 1832 im Juradorf Saint-Imier als aktiver Teilhaber des "Comptoir Raiguel Jeune". Diese Uhrunternehmungen kauften Rohwerke ein, übergaben sie zur Feinbearbeitung und Montage an Heimuhrmacher und verkauften die fertigen Produkte mit angemessenem Aufschlag. Das Geschäft lief derart gut, dass Agassiz den Partner 1847 ausbezahlen konnte. Gleichwohl erzwangen gesundheitliche Probleme die Suche eines Nachfolgers.

Der war in Ernest Francillon schnell gefunden. 1854, gerade 20-jährig, sah man diesen Neffen bereits als verantwortlichen Direktor des Comptoirs. In dieser Funktion erkannte er, dass sich die "Comptoir Uhrmacherei" irgendwie überholt hatte. Er träumte von präziser Serienproduktion. 1866 konnte er am Ufer der malerischen Suze die "länglichen Wiesen" erwerben. Auf "Les Longines" entstand alsbald ein Fabriksgebäude. Die nötigen Maschinen entwickelte der frischgebackene Fabriksherr gleich selbst. Mit deren Hilfe entstanden erste Präzisionsuhren, signiert mit "E. Francillon, Longines, Suisse". 1880 beantragte der Patron den offiziellen Schutz für seine Marke "Longines". 1889 gesellte sich die "Geflügelte Sanduhr" als einprägsames Markenzeichen hinzu.

1878

Für seinen ersten Chronografen benötigte Ernest Francillon tatkräftige Unterstützung aus der Neuen Welt. Henry Alfred Lugrin, ein ausgewanderter Schweizer Uhrmacher, galt damals als einer der bedeutendsten Konstrukteure moderner Stoppuhren und Chronografen. Das zeigte eine gleichermaßen simple wie geniale Konstruktion mit intelligenter Vertikalkupplung. Die Mechanik ließ sich infolge vergleichsweise weniger Bauteile ökonomisch fertigen und rückwärtig auf normalen Uhrwerken montieren. Also erwarb Francillon eine Lizenz zur Nutzung des neuartigen Schaltwerks. Der Lugrin'sche Mechanismus erweiterte das hauseigene Handaufzugskaliber 20L zu einem einfachen Zeitschreiber ohne Minutenzähler. Sein Kronendrücker steuerte die drei Funktionen Start, Stopp und Nullstellung auf dem Wege über ein Schaltrad strikt nacheinander an.

1913

Sammler feiner Manufaktur-Chronografen kommen an einer Armbanduhr mit dem feinen Handaufzugskaliber 13.33Z von 1913 nicht vorbei. Die Kaliberbezeichnung signalisierte den Durchmesser von 13 Linien oder 29 Millimeter. Als Plattform diente ein Handaufzugswerk aus dem frühen 20. Jahrhundert. Der von Longines vollkommen selbst entwickelte Chronografenmechanismus mit Schaltradsteuerung, Räderkupplung und springendem 30-Minuten-Zähler bestach durch klaren Aufbau und extrem sorgfältige Feinbearbeitung der Stahlteile. Die Bimetall-Schraubenunruh samt Breguetspirale oszillierte mit 2,5 Hertz. Longines fertigte das exklusive Uhrwerk ohne Unterbrechung bis 1936.

1936

1936 wurde das Bessere zum Feind des über die Maßen Guten, aber auch entsprechend Teuren. Die Wachablösung mit 29,8 Millimetern Durchmesser war angesichts der boomenden Nachfrage auch dringend geboten. Longines konnte nämlich damit punkten, dass nur sehr wenige Mitbewerber über exklusive Manufakturkaliber dieser Art verfügten. Das 6,05 mm hohe 13ZN mit Schaltradsteuerung, monometallischer Schraubenunruh, autokompensierender Breguetspirale, 2,5-Hertz-Unruhfrequenz und halbspringendem 30-Minuten-Zähler gab es in Versionen mit einem Drücker oder deren zwei für Additionsstoppungen. 1942 gesellte sich auch noch eine Stundenzählervariante hinzu. Hier wanderte der 60-Minuten-Totalisator der besseren Ablesbarkeit wegen ins Zifferblatt-Zentrum.

1947

Leider war auch das 13ZN angesichts des zunehmenden Wettbewerbs immer noch zu teuer. Somit genoss die Entwicklung eines preisgünstigeren Nachfolgers hohe Priorität. Im Jahr 1947 feierte das gleich dimensionierte 30CH seine Premiere als letztes hauseigenes Chronografenwerk für Armbanduhren. Der ökonomischen Kulissenschaltung hatte das Management trotz preislicher Daumenschrauben die kalte Schulter ebenso gezeigt wie unfinissierten Stahlteilen. Longines hielt die jahrzehntelang definierten Standards allem Kostendruck zum Trotz eisern bei. Daher zählt auch das letzte der Manufaktur-Trilogie für Armbanduhren zu den anerkannten chronografischen Delikatessen.

2010

Ab den 1970er-Jahren setzte Longines für lange Zeit auf das bewährte Valjoux 7750 mit Schaltnocken und Selbstaufzug. Aber irgendwann schwebte dem erfolgreichen CEO Walter von Kaenel mit Blick auf den 180. Geburtstag etwas Exklusiveres vor, das an alte Chrono-Tugenden anknüpfen sollte. Die Schwester Eta ließ sich nicht zweimal bitten. Eigens für Longines entwickelte sie ein Automatikwerk mit allen positiven Merkmalen des 7750, das jedoch wieder ein klassisches Schaltrad besitzen und sich dennoch in kundenfreundlichen Preisregionen bewegen sollte.

Das brandneue L688.2 mit 27 funktionalen Steinen und einseitig aufziehendem Kugellagerrotor debütierte 2010 nach mehrjähriger Entwicklungsarbeit. 54 Stunden Gangautonomie können sich sehen lassen. Alte Bekannte sind die Schwingtriebkupplung sowie das Vier-Hertz-Schwing- und -Hemmungssystem. Totalisatoren erfassen Zeitintervalle bis zu zwölf Stunden.

Davon, ein reines 7750-Derivat mit Schaltrad zu sein, ist der Newcomer weit entfernt. Die Neuentwicklung stand im Zeichen hoher Zuverlässigkeit und Servicefreundlichkeit.

2012

Longines zelebriert sein 180. Firmenjubiläum. Aus diesem Anlass erinnert der herrlich nostalgisch wirkende "Column-Wheel Single Push-Piece Chronograph 180th Anniversary" an die chronografischen Anfänge mit nur einem Kronendrücker. In den nur 180 Geburtstagsexemplaren mit weißem Zifferblatt, roter "12" und einem Gehäuse mit beweglichen Bandanstößen findet sich das entsprechend modifizierte Kaliber L.788. Sein Vorbild erschien 1913 auf der Bühne der Longines'schen Chronografenkunst. (Gisbert L. Brunner, Rondo, DER STANDARD, 2.11.2012)

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