Aufräumen nach "Sandy": "Hauptsache, die Politiker stören nicht"

Reportage1. November 2012, 18:44
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Entschlossene Selbsthilfe, die sich wenig um Behörden kümmert, und ein unerschütterlicher Optimismus: Hurrikan Sandy hat nicht nur Verheerendes angerichtet, sondern auch uramerikanische Wesenszüge freigelegt.

Endlich springt die Pumpe an. Eine trübe Brühe rauscht durch schnell zusammengesteckte Schläuche aus dem Kellerfenster, und Matthew Lawler kann endlich verschnaufen. Erschöpft und zufrieden schiebt er sich die Baseballkappe aus der schweißgebadeten Stirn. Der eigene Keller ist schon trocken, der seines Bruders Joe auch bald leergepumpt. Mal sehen, wer als Nächster Hilfe braucht.

Bereit sind sie jedenfalls, die drei mit dem Pickup, Matthew und Joe und Jerry Sheridan, ein Nachbar, bei dem alles heil ist, dem es aber nicht im Traum eingefallen wäre, zu Hause zu hocken, während andere buchstäblich im Schlamm sitzen. "Die gute Nachricht vorweg", sagt Matthew im Tonfall des ewigen Optimisten, "seit dem Morgen haben wir wieder Strom."

Katastrophengebiet

Streng genommen dürften sie alle nicht hier sein. Ginge es nach den Behörden, wäre Atlantic City eine menschenleere Zone. Katastrophengebiet. Ground Zero. Bewacht von Polizeipatrouillen und der Nationalgarde mit ihren klobigen Humvees. Bevor Sandy auf Atlantic City traf, hatte Chris Christie, der ebenso korpulente wie energische Gouverneur New Jerseys, die Evakuierung angeordnet. Und nach dem Wirbelsturm kann erst einmal keiner zurück. An den Ausfallstraßen bilden quer parkende Polizeiautos blinkende Barrieren, die außer Nothelfern, Versicherungsschadensexperten und Reportern keiner passieren darf.

Jerry Sheridan ist gleich geblieben. Erstens wollte er das Naturschauspiel namens Hurrikan aus nächster Nähe erleben. Zweitens fühlte er sich halbwegs sicher in seinem Zehnstöcker neben dem Glitzerkasten des Revel, des neuesten Kasinos der Glücksspielstadt. Und drittens ist Jerry ein bekennender Libertärer, der schon aus Prinzip gern das Gegenteil dessen macht, was Autoritäten anordnen.

Matthew und Joe dagegen mussten sich etwas einfallen lassen, um heimkehren zu können in die Victoria Avenue. Matthew trägt das blaue Hemd eines Feuerwehr-Captains, komplett mit Wappen und Namenszug. Es ist seine eigene Uniform, nur eben eine mit kurzen Ärmeln, nicht unbedingt passend für kalte, windige Herbsttage. "Und dann hab ich meine Dienstmarke aus dem Autofenster gehalten", erzählt er, bevor er lachend losprusten muss. Ein Schwejk am Atlantik: Es funktionierte.

Es sieht nicht gut aus in Matthews Keller. Waschmaschine, Trockner, Heizkessel, nichts davon taugt wohl noch etwas. Ob die Versicherung zahlt, ist noch lange nicht geklärt. Auf alle Fälle muss er den Selbstbehalt, 2500 Dollar, aus eigener Tasche berappen. "Ist schon okay" , sagt der Captain und lässt einen Satz folgen, für den Donald Rumsfeld, George W. Bushs erster Verteidigungsminister, einst berühmt wurde: "Stuff happens." Dinge passieren, es kommt, wie es kommt, so ungefähr klingt die Quintessenz Lawler'scher Lebensphilosophie.

Wahlkampf ausgeblendet

Der Krisenhelfer Staat ist für die drei an der Victoria Avenue nicht so richtig zu greifen. Mittags waren drei Hubschrauber über sie hinweggeknattert. In einem saßen Barack Obama, der Präsident, und Chris Christie, ein Republikaner, der über den Krisenmanager Obama sagt, dass er einen großartigen Job mache (siehe Seite 3.) Ob Obama von Sandy profitiert? Ob Christie ihm mit seinen Lobeshymnen den Weg zur Wiederwahl ebnet und damit Mitt Romney, seinen Parteifreund, ausbremst? " Interessiert mich nicht die Bohne", bricht Matthew die Debatte resolut ab, "Hauptsache, die Politiker stören mich nicht."

An der Victoria Avenue sind die Aufräumkommandos noch nicht angerückt. Keiner macht der Regierung deshalb einen Vorwurf, vielmehr sprechen die Lawlers voller Verständnis von den Riesendimensionen dieses Desasters.

Am Ozean, knapp 200 Meter entfernt, haben die sturmgepeitschten Wellen Atlantic Citys berühmte Bretterpromenade stellenweise komplett weggerissen. Läuft man indes fünf Minuten nach Süden, glitzert einem bunte Kasinoreklame entgegen, als wäre nichts geschehen. Aus Lautsprechern perlt seichte Kinomusik, die signalrote Leuchtschrift eines Lokals lädt noch immer zu Hurrikan-Cocktails Marke Sandy, acht Dollar das Glas. Dass ringsum alles verlassen ist, verleiht der Szene etwas Surreales, eine Art Titanic-Gefühl. Ab 18 Uhr herrscht Ausgangssperre bis sechs Uhr früh. Kaum einer hält sich daran.

In Longport, südlich von Atlantic City, schaufeln Bagger den Sand aus den Straßen, die Dünen, die zwei Häuserblöcke weit hineingespült wurden in die Stadt. Mittendrin ein Kinderspielplatz, auf dem tatsächlich Kinder spielen, die Kids der Evakuierungsverweigerer.

Angst vor Plünderern

Auch Heidi Wentz-Aftanis hat die Dekrete ignoriert, aus Angst vor Plünderern. Drei, vier Nachbarn in ihrer Straße sahen es genauso, nun versammeln sich alle, um Fragen des Alltags zu bereden. Wer hat noch Propangas? Zu wem sollen nachher die Kinder kommen? Heidi hat enorme Mengen an Fleischbällchen gekocht, bevor das Faschierte in der Gefriertruhe vergammelt wäre. Also essen heute alle bei ihr. "Ein schönes Gefühl, dieser Zusammenhalt", freut sich die Gastgeberin. Von den Reportern der Kabelkanäle, die aus der Distanz ihrer Studios über Sandy berichten, als wäre es die reinste Apokalypse, bekommen sie nichts mit - in Longport gibt es zurzeit keinen Fernsehempfang. (Frank Herrmann aus Atlantic City, DER STANDARD, 2.11.2012)

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    Präsident Barack Obama spricht zu Katastrophenopfern in Brigantine. Hinter ihm New Jerseys republikanischer Gouverneur Chris Christie.

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