Gesucht: Ressortchef, "der Interventionen vom Leib hält"

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  • ORF-General Alexander Wrabetz (li.) wird demnächst einen neuen Chef der Radio-Innenpolitik berufe. Radiodirektor Karl Amon (re.) hätte gerne Edgar Weinzettl. Ein bei Redakteuren umstrittener Wunsch.
    foto: apa/herbert neubauer

    ORF-General Alexander Wrabetz (li.) wird demnächst einen neuen Chef der Radio-Innenpolitik berufe. Radiodirektor Karl Amon (re.) hätte gerne Edgar Weinzettl. Ein bei Redakteuren umstrittener Wunsch.

Wenn sich das rote Wien schon keinen ORF-Standort wünschen kann, dann einen Innenpolitikchef - Radioredakteure kämpfen für Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit

Wien - Wenn ORF-General Alexander Wrabetz in den nächsten Tagen den neuen Chef seiner Radio-Innenpolitik beruft, könnte er bei Alexander Wrabetz nachschlagen. Vor zwei Jahren erklärte der ORF-Chef der APA, er mache Fritz Dittlbacher zum Fernsehchefredakteur, weil sich die Redakteure so eindeutig für ihn ausgesprochen hatten. Das sei ein " klares Signal, dass mit seiner Bestellung auch nach Meinung der Redaktion der Weg der Unabhängigkeit und Professionalität des Journalismus im ORF-Fernsehen konsequent fortgesetzt wird".

Im Radio stimmten nun 26 Redakteure für Stefan Kappacher als Innenpolitikchef, 19 für den derzeitigen Vize Andreas Jölli. Edgar Weinzettl erhielt im ersten Durchgang eine Stimme. ORF-Radiodirektor Karl Amon hat dem General Weinzettl als Innenpolitikchef vorgeschlagen, den Wortchef von Radio Wien, mit Mitgliedern der roten Stadtregierung eng vertraut.

Schwarz-blaue ORF-Wende

Amon könnte etwas weiter zurückdenken. Mit der Brechstange und in größtmöglichem Tempo suchte Wolfgang Schüssels schwarz-blaue Koalition ab 2000 den ORF zu wenden, vom vorzeitig abberufenen General abwärts, samt neuem, nun zentralem TV-Chefredakteur. Eine politische Redaktion des ORF wurde für ihre unbeirrbare Unabhängigkeit gelobt: der aktuelle Dienst im Radio. Das galt nicht zuletzt als Verdienst des damaligen Radiochefredakteurs Karl Amon. Ihm bot Kanzler Werner Faymann (SPÖ) später an, ORF-General zu werden. Amon wurde lieber Radiodirektor und schlägt nun Weinzettl vor. Der sei kein Politwunsch, erklärt er.

Superwahljahr 2013

2013 ist für österreichische Verhältnisse ein Superwahljahr: Nationalratswahl, drei Landtagswahlen, Volksabstimmung. In Jahren wie diesen braucht die innenpolitische Redaktion einen Chef, der dafür sorgt, "dass uns die Politik in Ruhe lässt", sagt ein Mitglied. Wie es Hannes Aigelsreiter seit 2002 getan habe, der als Radiochefredakteur seinen Vize Jölli vorgeschlagen hat. Wie es Jölli interimistisch tue, seit er Aigelsreiter in dem Job vertritt. Wie es Kappacher lebe, wenn er Jölli vertritt.

Diesen Wunsch nach einem starken Rücken gegen Interventionen teilen regierende Politikerinnen und Politiker in den seltensten Fällen. Zudem gelingt es Alexander Wrabetz, 2011 mit der Stimme Wiens im ORF-Stiftungsrat wiedergewählt, seit Jahren nicht, den ORF an den Wunschstandort der Stadt zu verlegen, das Media Quarter St. Marx. Seit Jahren vor allem ein Projekt von Vizebürgermeisterin Renate Brauner.

Nun muss Edgar Weinzettl Innenpolitikchef werden. Nicht der einzige Besetzungsplan, der als SP-Wunsch eingeordnet wurde, von denen nicht jeder gelang.

Montag könnten die Radioredakteure eine Resolution gegen ein "System von offensichtlich parteipolitisch motivierten Postenbesetzungen" beschließen. Dienstag rufen sie zum Flashmob vor dem Funkhaus auf.

Sie protestieren nicht gegen die Person Weinzettl, für sie ein " unbeschriebenes Blatt". Einer, der nicht als innenpolitischer Redakteur gearbeitet habe, solle im Wahljahr die Innenpolitik leiten.

Unabhängigkeit "Existenzgrundlage"

Im Funkhaus wird derzeit die Rede von Radioredakteur Peter Daser eifrig herumgeschickt, mit der er im Mai für den Robert-Hochner-Preis dankte: Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit seien "Existenzgrundlage für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk", sagte er da. Schon Personalwünsche der Politik schadeten der Glaubwürdigkeit, auch wenn sie nicht umgesetzt würden. Und: "Unabhängigkeit und Objektivität - das alles bleibt nur ein frommer Wunsch, wenn man nicht einen Chef hat, der seine Leute unterstützt, ihnen den Rücken stärkt, nach innen im Unternehmen und nach außen. Der ihnen die Interventionen vom Leib hält."

2010 deckte sich das Votum der Redakteure für Dittlbacher mit Wünschen aus der SPÖ. Sagte Infodirektor Elmar Oberhauser. Den Wrabetz für den Widerstand gegen Dittlbacher abberufen ließ. (Harald Fidler, DER STANDARD, 2.11.2012)

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