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Puebla - Karla Patricia Pérez ist eine ernste junge Frau mit klaren Gesichtszügen, milchkaffeebrauner Haut und dunklen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren. Vor sieben Jahren brach die vierfache Mutter aus Nicaragua auf - in Richtung Norden. In die USA, das gelobte Land, wo man an einem Tag so viel verdient wie in Nicaragua in einer Woche. Damals war sie 30 und alleinerziehend. "Ich will Geld verdienen, um den Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen, damit sie es einmal besser haben" , sagte sie ihrer weinenden Mutter, als sie die vier Kinder bei ihr ablieferte. Das war im Sommer 2005. Es war das letzte Mal, dass Marta Elena Pérez ihre Tochter sah. Jetzt hat sie nur noch dieses unscharfe Foto, auf Karton geklebt und zum Schutz mit Klarsichtfolie überzogen.
"Einmal rief sie noch von unterwegs an, dass sie in einem Hotel in Mexiko sei und auf dem Weg an die Grenze, nach Ciudad Juárez, seither habe ich nichts mehr gehört", sagt Pérez mit tränenerstickter Stimme und streicht sich eine grau gewordene Strähne aus dem Gesicht. Mit dem Foto ihrer Tochter ist die 53-jährige Bauersfrau nun unterwegs, zusammen mit 1200 anderen Müttern, auf der Route der Migranten, quer durch Mexiko. Unterstützt von Menschenrechtsorganisationen und der katholischen Kirche sucht die Karawane der Mütter ihre Kinder. 70.000 Migranten sind in den vergangenen zehn Jahren nach Schätzung von Menschenrechtsorganisationen spurlos verschwunden.
"Man kann sich gar nicht vorstellen, was unterwegs so alles passiert", sagt Priester Tomás Gónzalez Castillo, der eine der 60 kirchlichen Migrantenherbergen betreut, die entlang der Güterzugstrecke liegen, die Mexiko von Süd nach Nord durchquert und von mehr als 18.000 Migranten im Jahr benutzt wird. Sie reisen als blinde Passagiere auf dem Dach. Acht von zehn Frauen werden vergewaltigt, zwei von fünf Migranten unterwegs entführt, ermordet oder bei Unfälle verstümmelt. "Das ist eine humanitäre Tragödie enormen Ausmaßes", so González.
Nicht nur von Menschenschmugglerringen und Drogenkartellen, die die Reisenden zum Schmuggel zwingen oder von deren Angehörigen Lösegeld erpressen, geht Gefahr aus, sondern auch von den mexikanischen Behörden. Polizisten, Grenzschützer, Angestellte der saatlichen Eisenbahn, Einwanderungsbeamte sind oft Teil der kriminellen Apparate. "Wenn es glimpflich abgeht, knöpfen sie den Migranten nur Schmiergeld ab oder schieben sie ab, aber es gab auch Fälle, in denen sie sie für ein Kopfgeld von 100 Dollar an Menschenschmuggler verkauft haben", erzählt Eduardo García Rodríguez von Amnesty International Mexiko.
Laut Gesetz darf kein Migrant mehr als "Illegaler" verfolgt werden. Dutzende korrupter Funktionäre wurden bereits entlassen. Doch der Sumpf ist kaum trockenzulegen, betroffene Migranten bleiben im Verborgenen - und sind so ideale Opfer des organisierten Verbrechens. "Wir haben nicht mehr als fünf bis zehn Anzeigen im Jahr", sagt García.
Mexikos Regierung steckt auch in einer politischen Zwickmühle: Die USA verlangen vom Nachbarland, den Migrantenstrom gen Norden zu unterbinden. Vom Staat gibt es keine Unterstützung für Mütter wie Marta Elena Pérez. So ziehen sie per Bus von Stadt zu Stadt, mit Fotos der Verschwundenen und der Hoffnung, eines Tages die Kinder wiederzufinden. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 2.11.2012)
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