Anzugschonende Lieder über die Letzten Dinge

  • Simon Bonney deutet bei einem Comeback-Konzert in Berlin die frühere Größe seiner Band Crime and the City Solution nur an. Der Anzug soll keinen Schaden nehmen.
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    foto: timmy hargesheimer

    Simon Bonney deutet bei einem Comeback-Konzert in Berlin die frühere Größe seiner Band Crime and the City Solution nur an. Der Anzug soll keinen Schaden nehmen.

Nach rund zwanzig Jahren Pause formierte sich die australische Band Crime and the City Solution heuer neu. In ihrer früheren Wahlheimat Berlin gab sie am Mittwoch eines ihrer wenigen Europakonzerte

Sein Fach war der dramatische Expressionismus. Immer. Zwanzig Jahre Abwesenheit vom Musikgeschäft haben das nicht geändert. Simon Bonney gestikuliert heute noch in einer Mischung aus Marionettenspieler und Pantomime beim Beschreiben des Weltuntergangs. Ja, das erfordert zuseherische Toleranz, war aber Markenzeichen des Sängers der australischen Band Crime and the City Solution.

Nach rund zwanzig Jahren hat Bonney diese heuer reanimiert und befindet sich derzeit mit ihr auf Europatour. Am Mittwoch gastierte man im Berliner C-Club und absolvierte ein Heimspiel in der Fremde. Schließlich lebte Bonney in den 1980ern in Berlin, Crime bestand damals aus Mitgliedern befreundeter Bands wie The Birthday Party; auch in Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin ist sie zu sehen.

Heute begleiten Musiker wie der Drummer Jim White und die Gitarristen David Eugene Edwards und Alexander Hacke einen scheint's in Würde gealterten Frontmann, der im beigen Anzug dandyhaft bis situiert wirkt. Laut seinem Labelboss Daniel Miller ist er im bürgerlichen Leben Anwalt in Detroit in den USA.

Die Situiertheit ist ein wenig das Problem des Auftritts. Warf sich Bonney früher im Vollkontaktmodus in seine aus dem Urschlamm des Blues destillierten Balladen über die Letzten Dinge, singt er dieselben Lieder heute mit anzugschonender Distanziertheit. Bei manchen Songs ist das okay, andere leiden unter der fehlenden Empathie, wirken zu gesittet dargebracht für ihre existenzialistischen Inhalte, für die Bonney - wie Nick Cave - gerne schwere Bilder und die Mythen des US-amerikanischen Südens bemüht.

Die ersten vier, fünf Songs verkommen so zu zäh mäandernden Machbarkeitsstudien, treten zwischen lärmigem Blues und outrierendem Sprechgesang am Stand.

Erst mit dem countryesk angehauchten I Have The Gun löst sich die Show wie ein alter Knoten, trägt Melodien nach außen und zitiert Westernsoundtracks von Ennio Morricone. Hacke und Edwards singen dazu hübsch Chor, Bronwyn Adams fiedelt von sich selbst begeistert an der Geige, der Song besteht den Test der Zeit mit links. Selbiges gilt für On Every Train, eingebettet dazwischen fällt der neue Song Love Takes Me There nicht ab. Er ist ein Vorbote des im kommenden Frühjahr erscheinenden Comeback-Albums der Band.

Versemmelt wird hingegen das sich verzehrende Rose Blue, das im schwammigen Sound absäuft, am schlimmsten aber trifft es The Dolphins And The Sharks. Mit keinem anderen Lied als dieser Uptempo-Ballade kam die Band je näher an so etwas wie einen Hit heran. Live verliert sich seine infizierende Melodie im Gitarrenhall Edwards und Whites stolperndem Rhythmus bis zu Unerkennbarkeit. Wie kann man nur?

Dennoch, das überwiegend schwarzgewandete Zeitzeugenpublikum, zu dessen rarem Bunt graue Haare zählen, zerdrückt eine Freudenträne und stimmt dem finalen Statement der Band gerne zu: All Must Be Love. Bonney hat den Weltuntergang wieder einmal gestenreich abgewendet.   (Karl Fluch aus Berlin, DER STANDARD, 2.11.2012)

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