Gefühlshaushaltshilfe mit Schmutzflecken

  • Als Entertainer zieht Udo Jürgens alle Gefühlsregister - seit Februar tourt er mit seiner aktuellen Show "Der ganz normale Wahnsinn" bereits durch die Lande.
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    foto: standard / ch. fischer

    Als Entertainer zieht Udo Jürgens alle Gefühlsregister - seit Februar tourt er mit seiner aktuellen Show "Der ganz normale Wahnsinn" bereits durch die Lande.

"Der ganz normale Wahnsinn": Udo Jürgens überzeugt bei seinem Auftritt in der Wiener Stadthalle als gut gelaunter Entertainer - bis homophobe Videoeinspielungen das Vergnügen trüben

Wien - Schlager, was ist das? Eilig aufgebaute Potemkin'sche Dörfer der heilen Welt. Sagen die einen. Schlager, die verlässliche Hilfe, die den defizitären Gefühlshaushalt mit einem schnellen Überbrückungskredit der guten Laune versorgt. Sagen die anderen.

Einer, der in dieser Branche seit Jahrzehnten eine Institution darstellt und den man eigentlich fast immer okay findet, wenn man im Fernsehen einmal was von ihm zu sehen bekommt, ist Udo Jürgens. Kurz bevor die Branche die Erfolgsmesslatte "verkaufte Tonträger" in der Mottenkiste verstauen wird, schafft Jürgens wohl noch die sagenhafte 100-Millionen-Marke.

Dazu noch ein supererfolgreiches Musical und eine Familiengeschichte in Buch- und Filmform. Da muss man dann natürlich bei Markus Lanz nicht als einer unter vielen in der Talkshow sitzen, sondern bekommt ein 75-minütiges Privatissimum, in dem man mit feuchten Augen und (zuletzt) schwerer Zunge sein Leben Revue passieren lassen darf.

Sanft, heroisch

Also auf zur Legende und ab in die Stadthalle, zum Zusatzkonzert seiner aktuellen Tournee Der ganz normale Wahnsinn. Mal seine Stimme live hören, die im Leisen sanft und im Heroischen so schön schneidend wirkt. Mal den routinierten Entertainer erleben, der vor zigtausend Leuten so entspannt plaudert wie unsereins zu Hause auf dem Sofa. Mal abschalten mit dem frohgemuten Big-Band-Sound des Pepe Lienhard Orchesters, mal den gesungenen Ratschlägen, Aufmunterungen, Lebensweisheiten zuhören.

Und die Sache geht auch nett los: Den Vorhang noch unten, singt Jürgens von irgendwoher von seinen Gefühlen kurz vor dem Auftritt (Noch 3 Minuten). Dann rauf mit dem Lappen, und da ist er. In der riesigen Wiener Stadthalle sind sofort alle glückshormongeflutet, man selber automatisch auch gleich. Funktioniert! Ganz vorne stehen schon die Ersten auf, Udo tänzelt ein bisschen, geht noch, und erzählt von früheren Auftritten in Wien, im Volksgarten.

Die Lieder nehmen ihren Lauf. Jürgens erzählt und singt über die Notwendigkeit einer Partnerschaft (Dafür brauch ich dich), über die Wichtigkeit, sich bei widrigen Umständen zu behaupten (Gegen den Wind), und über das aktuelle Thema "der gläserne Mensch" (Du bist durchschaut). Balladen dominieren, immer wieder werden Instrumentalsoli eingebaut, besonders erfreut den 78-Jährigen hierbei eine junge, bildhübsche Violinistin aus Moskau.

Assad und Homosexuelle

Dann kommt, gegen Ende des ersten Teils, die Titelnummer der Tour sowie seiner aktuellen CD: Der ganz normale Wahnsinn. Jürgens singt über die unfassbaren Zustände der heutigen Zeit ("Was alles da so läuft, man glaubt es nicht"), ausschließlich negative Beispiele nennend.

Auf einer Großleinwand hinter ihm werden, in verschiedene Screens gesplittet, Beispiele des multiplen Wahnsinns der Gegenwart gezeigt. Ein Foto von Bashar al-Assad, zum Beispiel, dem syrischen Machthaber. Gleich daneben sieht man, für jeden in diesem Moment als gleichwertiger Auswuchs des allgemeinen gesellschaftlichen Irrsinns aufzufassen, eine Tafel, auf der man die Aufschrift "Ich bin schwul, und das ist gut so" lesen kann, und das ziemlich gut und ziemlich lange. Schluck.

Da wird also nicht nur eine ganze Gesellschaftsgruppe als durchgeknallt hingestellt, sondern auch Klaus Wowereit, der Bürgermeister von Berlin, der diesen Spruch bekanntgemacht hat, mit Assad gleichgestellt. Jürgens singt über seine Reaktion auf diese gesellschaftlichen Zumutungen ("Und ich gehe in den Keller, / Dorthin, wo die Weine stehen") - alle freut's, großer Applaus. Zeit zu gehen.

"Rein optische Reize"

Nach Protest beim Veranstalter erklärt die Medienstelle von Udo Jürgens, dass dieser für seine Toleranz gegenüber jeder Lebensform und Ethnie bekannt sei; die kritisierten Filmeinspieler seien durch ein externes Videoteam "als rein optische Reize" zusammengestellt worden, dabei hätten sich diese Bilder leider "eingeschlichen". Bleibt nur die Frage, wieso das bis dato niemandem aufgefallen beziehungsweise aufgestoßen ist. Udo Jürgens tourt mit dieser Show seit Februar durch die Lande. Wahnsinn.  (Stefan Ender, DER STANDARD, 2.11.2012)

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