Auch der Sudan darf im israelisch-iranischen Reigen mittanzen

Analyse1. November 2012, 11:31
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Khartum behauptet, dass eine Waffen- bzw. Munitionsfabrik von der israelischen Luftwaffe angegriffen wurde

Nichts Genaues weiß man nicht und wird man auch nicht so schnell wissen. Aber die meisten Militäranalysten schließen zumindest nicht aus, was die sudanesische Regierung behauptet: dass die Waffen- beziehungsweise Munitionsfabrik, die vor einer Woche in Khartum explodierte, von israelischer Luftwaffen angegriffen und in Brand geschossen wurde. Israel hat, wie in solchen Situationen üblich, weder bestätigt noch dementiert, gleichzeitig jedoch die Motivation, die hinter so einem Angriff stehen würde, ausführlich kommentieren lassen: Der Sudan sei ein Transitland für iranische Waffen für Hamas und Hisbollah. Das Regime in Khartum leugnete sofort jegliche Verbindung zwischen der sudanesischen Waffenproduktion und dem Iran.

Regelmäßig tauchen die Geschichten auf, dass im nördlichen Sudan Waffenkonvois mit Ware für Hamas oder Hisbollah aus der Luft angegriffen werden, und immer wird auf die Israelis gezeigt. So weit nichts Neues. Aber der aktuelle Angriff hätte ein ganz anderes Format: Das Ziel ist eine offizielle staatliche sudanesische Waffenfabrik - das wäre zu vergleichen mit den Angriffen auf den irakischen Reaktor 1981 und auf das mutmaßliche Reaktorgebäude in Syrien im Jahr 2007 (oder auch auf den US-Angriff auf die sudanesische Chemiefabrik al-Shifa im Jahr 1998 - allerdings erfolgte der mit Raketen). Und Khartum ist von Jerusalem 1800 km entfernt. Das heißt, wenn der Angriff tatsächlich, wie Augenzeugen wissen wollen, von mehreren Kampfjets ausgeführt wurde, dann bekäme die ganze Aktion einen gewissen Übungscharakter. Es wäre die bisher am weitesten entfernte Bombenkampagne Israels - ähnlich weit weg wie Angriffsziele im Iran. Experten warnen Israel jedoch vor Trugschlüssen: Im Iran hätten israelische Angreifer mit einer starken Luftabwehr zu rechnen.

Das „Satellite Sentinel Project", das das Tun des sudanesischen Regimes von der Luft aus beobachtet (vor allem, um Verbrechen in Darfur und an der Grenze zum Südsudan aufzudecken - für Verbrechen, die von anderen Seite als der des Regimes kommen, ist das Auge allerdings nicht so wachsam...), hat bestätigt, dass die Spuren, mehrere große Krater, die auf dem Fabrikgelände zu sehen sind, von Luftangriffen kommen könnten. Demnach wären zuvor - wenn auch nicht sicher, ob noch zu der Zeit direkt vor dem Angriff - etwa vierzig große Schiffscontainer dort gelagert gewesen. Was darin war, weiß man natürlich nicht, aber die Spekulationen blühen, ob Israel von einer bevorstehenden iranischen Waffenlieferung an die Hamas und andere Gruppen im Gazastreifen Bescheid wusste, die Südisrael in den vergangenen Wochen wieder mit Raketen überziehen (was von Israel mit Militärschlägen und gezielten Tötungen beantwortet wird). Die Situation ist für Israel umso sensibler, als ja seit der Revolution in Ägypten auch der Sinai zum potenziellen Angriffsgebiet für Israel geworden ist.

Iranischer Besuch in Port Said

Auch die Drohne aus iranischer Produktion, die die schiitische libanesische Hisbollah vor kurzem in den israelischen Luftraum schickte, wird mit dem israelischen Luftangriff - immer vorausgesetzt, dass es einer war - in Verbindung gesetzt. Die Hisbollah hatte mit diesem Akt ihr durch ihre Pro-Assad-Parteinahme beschädigte „Widerstands"-Image aufpolieren wollen, gleichzeitig eine Botschaft des Iran an Israel überbracht - deren Beantwortung in Khartum erfolgt sein könnte. Auf die Ereignisse im Sudan reagierte Teheran mit der Entsendung zweier Kriegsschiffe nach Port Sudan am Roten Meer. Der Besuch der Admiral Naghdi und der Kharg sollten laut einem iranischen Armeesprecher „die starken politischen, militärischen und diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten". Und die Sudanesen könnten auf diese Art und Weise, technisch hochentwickelte Waffen und Schiffe sehen, zitierte die sudanesische Nachrichtenagentur Suna den etwas herablassenden Iraner. Die Verbindungen zwischen dem Sudan und dem Iran datieren bis in die Zeit der Machtergreifung von Omar al-Bashir im Jahr 1989. Iranische Waffen - auch Drohnen - tauchen in den diversen innersudanesischen Konflikten immer wieder auf.

Dass der Iran die Hisbollah mit modernem Gerät wie einer Drohne versorgt, ist also kein Geheimnis, und auch die iranische Unterstützung für die Hamas, die 2007 im Gazastreifen die Kontrolle übernommen hat, ist bekannt. Allerdings sind die Beziehungen angespannt, denn das iranische Regime und der palästinensische Zweig der Muslimbruderschaft - darum handelt es sich historisch bei der Hamas - stehen im Syrien-Konflikt auf unterschiedlichen Seiten. Die Hamas hat bei Ausbrechen des Aufstands in Syrien die Konsequenzen gezogen und sich aufseiten der Rebellen platziert, bei denen die syrischen Muslimbrüder und sunnitische Islamisten überhaupt eine gewichtige Rolle spielen. Das Politbüro der Hamas wurde von Damaskus wegverlegt, nach Doha in Katar, einem der Zentren des Kampfs gegen die Assads. Es hieß, dass daraufhin der Iran seine Hilfe für die Hamas zurückfuhr, aber militärische Unterstützung gibt es angeblich trotzdem. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 1.11.2012)

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