Alles "Nexus": Wie Google Android umkrempelt

  • Zwischen all den Android-Varianten lässt Google die Eigenmarke Nexus immer stärker in den Vordergrund treten.
    foto: dyzplastic

    Zwischen all den Android-Varianten lässt Google die Eigenmarke Nexus immer stärker in den Vordergrund treten.

Betonung der Eigenmarke, aggressive Preispolitik, rasche Updates - Keine Kompromisse mit Netzanbietern - Viele offene Fragen für Österreich

Auch wenn Google die offizielle Präsentation im Rahmen eines eigenen Presse-Events aufgrund des am Montag gerade auf New York heranstürmenden "Hurricane Sandy" kurzfristig absagen musste. Selbst der schnöde Blog-Eintrag, der als Ersatz dienen musste, hatte es ganz schön in sich: Ein neues Smartphone, ein frisches High-End-Tablet, weitere Modelle des Nexus 7, alle zu "Kampfpreisen" und mit dem neuen Android 4.2 ausgeliefert.

Überblick

Doch was bei all den Diskussionen über einzelne Details nur all zu leicht übersehen wird, ist der Blick auf das "große Ganze": Die neue Hardwaregeneration signalisiert einen nachhaltigen Wandel in Googles Umgang mit Android und vor allem auch im Verhältnis des Unternehmens zu den KonsumentInnen. Hatte man in den vergangen Jahren "Nexus" eher so nebenbei als "Vorzeigegeräte" für die Meriten von Android verstanden - und damit nur die Kerngruppe der technisch besonders versierten KäuferInnen angesprochen - will man nun den Massenmarkt erobern.

Nexus, Nexus, Nexus

Das zeigt sich gleich an mehreren Faktoren: Da wäre einmal die Stärkung der Marke "Nexus", wie sie dem WebStandard erstmals schon vor einigen Monaten im Rahmen der Google I/O aufgefallen war. Die aktuelle Gerätegeneration heißt Nexus 4, Nexus 7 und Nexus 10. Kein Zusatz "Samsung", "LG" oder "ASUS" im offiziellen Namen, auch keine herstellerspezifischen Markenbegriffe wie noch beim "Galaxy Nexus". Die Message: Hierbei handelt es sich um Google-Geräte, egal wer die Fertigung übernimmt. Nur auf der Rückseite darf noch ein Hersteller-Logo platziert werden, aber auch das überstrahlt vom Nexus-Emblem selbst.

Gemeinsam

Dass die verschiedenen Nexus-Devices zueinander gehören, betont man denn auch im parallel zur Vorstellung gezeigten Werbespot, in dem die gemeinsame Nutzungserfahrung im Vordergrund steht. Und natürlich auch dadurch, dass alle neuen Geräte am gleichen Tag auf dem Markt kommen werden: Am 13. November ist Nexus-Tag - zumindest in all den Ländern, in denen das Unternehmen bereits selbst Geräte über den Play Store verkauft.

Rollentausch

Dabei tritt die ursprüngliche Rolle der Nexus-Modelle als "Lead Devices" zunehmend in den Hintergrund: Zwar versucht man auch mit den neuen Modellen wieder gezielt einzelne Technologien im weiteren Android-Ökosystem zu pushen (etwa "Wireless Charging" mit dem Nexus 4), bestimmend ist aber längst ein anderer Faktor geworden: Der Preis. Alle Tablets und Smartphones der aktuellen Nexus-Generation liegen - zum Teil deutlich - unter den Preisen des Mitbewerbs.

Motivationssuche

Das freut zunächst die KonsumentInnen, ist aber natürlich durchaus auch im Interesse von Google selbst. Einerseits will der Softwarehersteller auf diesem Weg ganz gezielt das Preisniveau für Smartphones und Tablets senken, um diese mehr Menschen auf der Welt zugänglich zu machen. Die Logik ist eine einfache: Je mehr Leute solche Geräte nutzen, desto intensiver werden auch die diversen Services von Google genutzt, was wiederum die Zukunft des eigenen, werbezentrierten Geschäftsmodells sichern soll.

Ökosysteme

Andererseits ist der niedrige Preis natürlich ein nicht zu unterschätzendes Argument in der Kaufentscheidung vieler KonsumentInnen, sprich zwischen Android und anderen mobilen Betriebssystemen. Und von jedem zusätzlichen Kunden profitiert wieder direkt Google, ist Android doch tief mit dessen Services verwurzelt. Auch ganz ohne fixen Zwang ist die Chance, dass eine Android-Nutzerin Gmail oder die Google-Suche verwendet, nun mal erheblich höher als bei iOS oder Windows Phone.

Tablet-Markt

Der aktuelle Erfolg gibt Google jedenfalls mit seiner offensiven Preispolitik recht: Mittlerweile werden vom Nexus 7 laut Hersteller monatlich bereits rund eine Million Stück verkauft. Von den Absatzzahlen eines iPads ist man damit zwar immer noch weit entfernt (das im letzten Quartal 14 Millionen mal über die Ladentische wanderte), aber der Trend ist unübersehbar. Nach den weitgehend als gescheitert zu betrachtenden, ersten Gehversuchen im Tablet-Markt (mit Android 3.x "Honeycomb") knabbert Android jetzt erstmals auch in diesem Umfeld ganz gehörig an den Marktanteilen von Apple - nicht nur dank der Nexus-Geräte übrigens.

Ausblick

Und dieser Trend könnte durchaus anhalten, hat Google doch gerade den Speicherplatz für alle Nexus-7-Modelle bei gleichem Preis verdoppelt, sowie ein UTMS-Modell der Produktpalette hinzugefügt. Preislich liegt man damit soweit von Apples iPad Mini entfernt, dass hier jede Menge Platz für weiteres Absatzwachstum ist. Und dann gibt es natürlich noch das Nexus 10, das versucht dem "großen" iPad Konkurrenz zu machen - und zumindest in Hinblick auf die Hardware die besten Voraussetzungen dafür hat.

Nexus-Familie

Was aufmerksamen BeobachterInnen im Rahmen der Präsentation der neuen Produktgeneration ebenfalls aufgefallen sein dürfte: Die schon im Frühjahr - vom Wall Street Journal - kolportierten Gerüchte, dass Google dieses Jahr für sein Nexus-Programm mit mehreren Herstellern zusammenarbeiten will, haben sich schlussendlich doch irgendwie als korrekt herausgestellt. Wenn auch etwas anders als erwartet: Statt mehreren Smartphones gibt es nun eine Nexus-Familie an unterschiedlichen Geräten, die von drei unterschiedlichen Herstellern produziert werden. Es war also schlicht die Interpretation dieser Information eine falsche.

Hard- und Software

Apropos Zusammenarbeit mit den Herstellern, hier bietet das - übrigens hervorragend gemachte - Video von The Verge zum Android 4.2 / Nexus-Launch durchaus interessante Informationen. So ist darin am Rande zu vernehmen, dass Google mittlerweile sehr eng mit den ausgewählten Hardwareherstellern zusammenarbeitet. Diese bringen eigene Teams fix bei Google in Mountain View unter, um zu ermöglichen, dass die Entwicklung von Hard- und Software Hand in Hand geht. Was wiederum essentiell für die "User Experience" der Nexus-Linie sei, so Google.

Was ist ein Nexus?

Eine weitere signifikante Information aus dem aktuellen Launch: Google präzisiert nun, was eigentlich ein Nexus-Gerät ausmacht, und so von anderen Android-Smartphones oder -Tablets unterscheidet: Neben der Auslieferung von Android in seiner "reinen" Form, also ohne irgendwelche herstellerspezifischen Modifikationen, gehören dazu die Auslieferung von Updates direkt durch Google, sowie eine maximale Unabhängigkeit von den Netzbetreibern.

Keine Kompromisse mehr

Beim Galaxy Nexus war man in dieser Hinsicht noch diverse Kompromisse eingegangen, diese sollen nun der Vergangenheit angehören: Wie man gegenüber The Verge betont, bietet das Nexus 4 unter anderem deswegen keinen LTE-Support, weil es derzeit de fakto unmöglich sei, diesen mit der angestrebten Offenheit zu vereinen. Wer etwa ein Gerät über den US-Provider Verizon - immerhin jener mit dem weltweit größten LTE-Netz - vertreiben will, muss zwingend jedes einzelne Softwareupdate von Verizon absegnen lassen. Bei anderen Anbietern sieht es ebenfalls kaum anders aus, was nicht zuletzt daran liegt, dass die LTE-Netze zum Teil sehr unterschiedlich implementiert sind.

Gebrannte Kinder

Beim Galaxy Nexus hatte sich Google noch auf dieses Spiel eingelassen, auch LTE-Ausgaben für Sprint und Verizon produziert. Das Ergebnis: Die Updates wurden im Schnitt mit einer Verspätung von rund drei Monaten im Vergleich zu den internationalen HSPA+-Modellen ausgeliefert, bei denen Google neue Versionen ganz ohne Zertifizierung der Provider anbieten kann. Im Endeffekt brachte dies Google viel Kritik von (zu Recht) frustrierten NutzerInnen ein, während dem Konzern selbst die Hände gebunden waren. Von den Sicherheitsimplikationen solcher Verzögerung (immerhin sind "dank" der Providerverzögerungen bekannte Sicherheitslücken gern mal mehrere Monate später noch offen) gar nicht zu sprechen.

Profit!

Aus Sicht der KonsumentInnen ist Googles verstärkte Betonung auf die "Offenheit" der Nexus-Philosophie nur zu begrüßen, immerhin bekommen sie das, was im Android-Umfeld sonst nur schwer zu haben ist: Eine Marke, bei der sie sich darauf verlassen können, dass Updates rasch - und langfristig - geliefert werden, ähnlich wie sie es von Apple und dessen iOS-Produkten kennen. Während viele Hardwarehersteller und Netzanbieter noch immer den - längst nicht mehr adäquaten - Geschäfts- und Machtmodellen der Prä-Smartphone-Zeiten verhaftet zu sein scheinen, ist Google die Relevanz der Software und deren Pflege bei dieser Geräteklasse nur all zu bewusst.

Hoffnungen

Bleibt zu hoffen, dass man diese Haltung wirklich konsequent durchzieht, und auch ein anderes Ärgernis beseitigt, das man beim Galaxy Nexus noch zugelassen hat: Da hatte es sich Samsung nämlich nicht ersparen können, klammheimlich eine "eigene" Variante des Geräts herauszubringen. Mit identischer Hardware, unter gleichem Namen aber mit eigener Update-Versorgung. Das Resultat: Wer auch immer das "Pech" hat, ein Gerät mit einem solchen "Build" zu ergattern, bekommt seitdem alle Updates erst mit mehreren Wochen Verzögerung. Gerade weil dieser kleine, aber entscheidende Unterschied vor dem Kauf eines Galaxy Nexus in keinster Weise festzustellen war, bleibt zu hoffen, dass sich Google solche Spielereien bei der neuen Produktgeneration vollständig verbietet.

Nexus 4?

Von Seiten LG versichert man gegenüber dem Webstandard, dass alle Updates des hierzulande über klassische Kanäle und nicht von Google direkt vertriebenen Nexus 4 vom Android-Hersteller selbst kommen werden. Freilich hat Samsung selbst zu Zeiten als der "Samsung Build" des Galaxy Nexus längst bewiesene Sache war, noch monatelang Ähnliches behauptet. Insofern wird sich wohl erst in den nächsten Wochen herausstellen, ob dieses Versprechen mit der Realität korreliert.

Probleme / Gefahren

So begrüßenswert Googles aktueller Nexus-Push (zu dem gerüchteweise schon bald ein eigenes Call Center für kostenlose Rückfragen hinzukommen soll) aus Sicht der KonsumentInnen auch sein mag, er wirft grundlegende Fragen über die weitere Android-Zukunft auf. Muss sich doch erst zeigen, wie die anderen in diesem Umfeld tätigen Hersteller auf Googles Strategiewechsel reagieren. Immerhin besteht für diese die Gefahr, dass ihnen der Android-Hersteller nach und nach das Geschäft abgräbt - oder zumindest die Gewinnmargen signifikant nach unten drückt.

Vergleiche

Dazu ein ganz konkretes Beispiel: Während das Nexus 4 / 16 GByte in den USA um 349 US-Dollar verkauft wirft, veranschlagt LG für das von den genutzten Komponenten praktisch baugleiche Optimus G 550 US-Dollar. (Das ist jetzt übrigens der Moment, wo vielen klar werden wird, wie LG zur Kalkulation des absurd überhöhten, österreichischen Preises für das Nexus 4 kommt...). 200 US-Dollar mehr für ein in Hinblick auf die Softwareausstattung und deren laufende Aktualisierung deutlich schlechter aufgestelltes Gerät? Eine Versuchung sehr begrenzter Natur.

Alte Modelle

Klar: Viele KonsumentInnen kaufen ihre Smartphones weiterhin "subventioniert", merken von diesen Unterschieden also nur begrenzt etwas. Aber auch diese Modell wird durch ein neues Smartphone mit topaktueller Ausstattung, das es vollständig "frei" bereits ab 299 US-Dollar gibt, zunehmend angegriffen. Will doch etwa T-Mobile USA das Nexus 4 mit Vertragsbindung um 199 US-Dollar anbieten.

Regionale Beschränkungen

Ein echter Schwachpunkt in Googles aktueller Strategie sind hingegen die mannigfaltigen Begrenzungen in Bezug auf die regionale Verfügbarkeit. Wer sich etwa ansieht, was im Nachbarland Deutschland mittlerweile alles bereits (oder bald) möglich ist - vom Gerätekauf bis zum kostenloses Musik-Online-Speicher und dem Bücherkauf - kann sich eigentlich nur wundern. In Österreich ist all dies derzeit nämlich blanke Theorie.

Schuldfrage? Egal!

Klar: Die Schuld ist hier nicht bei Google alleine zu suchen (mutmaßlich nicht mal mehrheitlich), aber den KonsumentInnen können solche Hintergründe nun mal herzlich egal sein. Wer für ein und dasselbe Smartphone 200 Euro mehr zahlen soll als ein paar Kilometer über der Grenze kommt sich - mit Verlaub - verarscht vor. Und so etwas fällt schlussendlich auch auf Google zurück, ob es nun in der Verantwortung des Unternehmens liegt oder nicht. Und selbst wenn der Realpreis des Nexus 4 rasch unter die von LG vorgegeben Marke sinken wird (wovon auszugehen ist), die grundlegende Message an heimische KonsumentInnen ist verheerend. Und das sollte Google besser nicht auf die leichte Schulter nehmen, will man diese nicht langfristig verärgern. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 01.11.12)

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