ORF-Redakteure drohen mit Protestmaßnahmen

31. Oktober 2012, 21:48
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Wenn SP-Vertrauter Weinzettl Innenpolitikchef wird - Auch Radiochefredakteur gegen Vorschlag von Direktor Amon

Wien - Die Besetzung der neuen Innenpolitik-Leitung im ORF-Radio sorgt für Konfliktstoff. ORF-Radiodirektor Karl Amon hat am Mittwoch "nach Prüfung aller Argumente" seinen Wunschkandidaten Edgar Weinzettl für den Posten vorgeschlagen. Radio-Chefredakteur Hannes Aigelsreiter hat sich indes  für Andreas Jölli ausgesprochen. Die Entscheidung liegt nun bei ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Die Radioredakteure drohen Wrabetz mit Protestmaßnahmen, wenn er den Wiener SP-Vertrauten Weinzettl tatsächlich zum Radio-Innenpolitikchef macht.

Nach STANDARD-Infos beraten die Radioredakteure voraussichtlich kommenden Montag Maßnahmen gegen eine Bestellung Weizettls. Ein "Flashmob" vor dem Funkhaus ist für Dienstag geplant. Dem ORF-Redakteursrat müsste Wrabetz laut Redakteursstatut begründen, wenn er nicht den Favoriten der Redakteursversammlung beruft. Unter den Redakteuren führte Stefan Kappacher vor Ressortvize Andreas Jölli mit rund 20 Stimmen, Weinzettl erhielt eine.

Im offenbar von Amon jedenfalls mitorganisierten Hearing von vier Kandidaten soll es nach STANDARD-Infos praktisch nicht um innenplitische Fragen gegangen sein, sondern vornehmlich um Fragen im Umgang mit Mitarbeitern. Weinzettl lag im Hearing vorne - Amon soll intern den Vorsprung als "haushoch" beschrieben haben; andere Quellen berichten von einem Vorsprung von 0,5 Prozent.

Amon dementiert, dass sich die Wiener SP Weinzettl wünscht. Weinzettel ist derzeit als Wortchef und stellvertretender Chefredakteur bei Radio Wien tätig. Jölli kommt aus der Radio-Innenpolitik und hat diese seit über einem Jahr bereits interimistisch geleitet. Die Redakteure der Radio-Information sprachen sich zuletzt wiederholt für Stefan Kappacher oder Jölli aus, die bei einer Abstimmung der Redakteursversammlung die meiste Zustimmung erhalten hatten. Im offiziellen ORF-Hearing landeten Weinzettel, Kappacher und Jölli auf dem Dreiervorschlag. Laut "Kurier" hatte Weinzettl zuletzt erklärt, dass er für den Fall, dass Chefredakteur Aigelsreiter nicht ihn, sondern einen anderen Kandidaten favorisieren sollte, den Posten des Innenpolitik-Leiters "nicht übernehmen kann".

"Parteipolitisch gewünscht"

Der ORF sieht in Weinzettl einen "sehr guten innenpolitischen Journalisten mit Führungserfahrung", die Redakteure der Radio-Information sehen in ihm hingegen einen "parteipolitisch gewünschten Kandidaten". Die Radioredakteure haben deshalb am Dienstag in einer E-Mail an Wrabetz ihr "Unverständnis" über die Vorgangsweise bekundet. Für die Redakteure der Radioinformation sei "wesentlich und unverzichtbar, dass nur eine fachlich unbestrittene, kompetente Persönlichkeit das journalistische Spitzenniveau dieses Ressorts führen kann". Die Radioinformation dürfe nicht "mit dem Geruch einer parteipolitischen Punzierung belastet werden".

Gerade in einem Wahljahr wäre es nach Meinung der Radioredakteure eine "massive Schwächung der Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wenn ausgerechnet die Radio-Innenpolitik von jemandem ohne Erfahrung in der innenpolitischen Berichterstattung geleitet würde". Zugleich wäre es "äußerst schädlich" für den exzellenten Ruf der politischen Unabhängigkeit der Radio-Information des ORF. "Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit sind Grundvoraussetzungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk", schreiben die Redakteurssprecher an Wrabetz.

Die Redakteure machen sich einmal mehr für Kappacher oder Jölli als neuen Innenpolitik-Chef stark und sprechen Chefredakteur Aigelsreiter das "volle Vertrauen" aus. Kappacher und Jölli seien "erfahrene Innenpolitik-Journalisten mit erwiesener bester Fachkompetenz und ohne jede parteipolitische Schlagseite". Selbst der "Anschein einer parteipolitischen Besetzung der Innenpolitik - statt einer aus dem Kreis der selbst in der kritischsten Öffentlichkeit überaus anerkannten Redaktion - würde größten Unmut unter den ORF-Journalistinnen und -Journalisten ebenso wie in breitester Öffentlichkeit hervorrufen". (APA/red, derStandard.at, 31.10.2012)

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