Die digitale Revolution im Klassenzimmer

31. Oktober 2012, 10:31
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In österreichischen Schulen wird vermehrt mit Laptops gelernt - mit weitreichenden Folgen für den Unterricht

Wien - Leises Surren erfüllt den Raum. Bislang waren vor allem Büroangestellte mit diesem konstanten Hintergrundgeräusch vertraut, doch nun begleitet es auch immer mehr Schüler während des Unterrichts: Handliche Laptops ersetzen zunehmend Schreibheft und Füllfederhalter.

"Nach 2000 entstand ein richtiger Hype, mittlerweile gehören Laptopklassen schon zum Alltag", kommentiert Wolfgang Scharl, E-Learning-Experte und Lehrer des technologischen Gewerbemuseums Wien, die Entwicklung neuer Medien an Schulen. Seiner Meinung nach würden diese den Unterricht gar revolutionieren.

Ein erstes Pilotprojekt mit Laptopklassen startete bereits im Schuljahr 2003/04 an berufsbildenden Schulen in Eisenstadt. Damals wurden österreichische Schüler erstmals mit einem neuen Lernkonzept vertraut: E-Learning, also der Wissenserwerb mithilfe elektronischer Medien wie Laptops. Mittlerweile bieten viele Schulen freiwillige Kurse zum Erlernen des Zehn-Finger-Systems an, in einigen stehen Laptops sogar auch auf den Tischen der Lehrer: Sie dienen als elektronischer Ersatz für das Klassenbuch und sollen die alte Zettelwirtschaft vermeiden, etwa beim Eintragen von fehlenden Schülern.

Mehr Struktur, keine Fehler

"Ich bin mit dem Laptop einfach schneller", sagt der 16-jährige Schüler Alex de Roode von der Neulandschule Grinzing. Seitdem er vor einem Jahr anfing, in den Unterrichtsstunden digital mitzuschreiben, fällt es ihm zudem leichter, seinen Notizen eine geordnete Struktur zu verpassen. Microsoft Word etwa bietet Formatvorlagen an, die die Mitschrift sinnvoll in Unterüberschriften gliedert. Zudem korrigiert das Schreibprogramm automatisch falsch geschriebene Wörter.

Genau deshalb würden die Schüler nicht mehr über ihre Fehler nachdenken, sondern diese nur mehr reflexartig mit dem rechten Mausklick eliminieren, bedauert Sabine Mick, Geschichtslehrerin an Alex' Schule.

Dank Wikipedia werden Schüler im Internet dazu verleitet, statt langwieriger Recherche einfach Textstellen zu kopieren. Noch größer ist die Ablenkungsgefahr während des Unterrichts durch Facebook & Co, schließlich bieten viele Schulen WLAN-Verbindungen an. Einige Lehrer machen sich diese Entwicklung zunutze: Um mit Schülern zu kommunizieren, greifen auch sie auf soziale Netzwerke zurück. Durch die vermehrte Nutzung elektronischer Geräte leide ebenso die soziale Kompetenz der Schüler, meint Mick. Die Kommunikation untereinander sei über die letzten Jahre rapide gesunken - so würden die Schüler einer Laptopklasse in den Pausen lieber vor ihrem Bildschirm sitzen, als sich mit Klassenkameraden zu unterhalten. Wolfgang Scharl sieht das weniger pessimistisch: Die Kommunikationskanäle hätten sich lediglich geändert, die soziale Kompetenz würde dadurch jedoch nicht vermindert. Statt auf dem Pausenhof spielen die Schüler nun halt lieber online.

Mangelnde Lesekompetenz

Elektronische Medien erfordern laut Pisa-Projektleiterin Ursula Schwantner ganz spezielle Kompetenzen, etwa das Filtern relevanter Informationen aus dem Überangebot des Internets. 2011 wurden Ergebnisse im Rahmen der Pisa-Studie veröffentlicht, die die Lesekompetenz von 15- bis 16-jährigen Schülern für das Erfassen von elektronischen Medien testeten. Österreich erreichte dabei lediglich den vorletzten Platz von insgesamt 16 OECD Ländern. Sollten Sie diesen Artikel also gerade online lesen, so hat laut Pisa-Studie rund ein Drittel von Ihnen den Text gar nicht verstanden. (Phillipp Koch, DER STANDARD, 31.10.2012)

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    Wer am Laptop im Unterricht mitschreibt, ist schneller, aber auch leichter ablenkbar.

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